24.06.2009 · Aus der Schweiz kommt eine Filmsensation: Ursula Meiers „Home“ erzählt von einer französischen Familie, die in einem Haus an einer neuen Autobahn lebt. Als dort der Verkehr freigegeben wird, kippt der Schwank ins Psychodrama.
Von Andreas Platthaus„Home“ beginnt als Komödie. Eine fünfköpfige französische Familie aus nicht näher erläuterten prekären Verhältnissen hat ihr Domizil in einem ländlichen Haus an der Autobahn gefunden, der E 57. Doch der Streckenabschnitt ist nicht freigegeben. Kein Ort, der einsamer wäre als der Platz derart uneingelöster Automobilität: Nur über Schleichpfade kann Vater Michel mit dem Kombi zur Arbeit in die nahe Kleinstadt aufbrechen; der jungfräulich schwarze Asphalt vor dem eigenen Grundstück ist von Leitplanken eingehegt, die niemand braucht. Dafür aber kann der kleine Julien mit dem Fahrrad kilometerweit über diese leere Fernstraße rasen, während seine große Schwester Judith im knappen Bikini ausgiebige Sonnenbäder im Vorgarten nimmt, ohne befürchten zu müssen, von Fremden angestarrt zu werden.
Es ist ein skurriles Idyll, das die 1971 geborene Ursula Meier in ihrem ersten abendfüllenden Spielfilm vorführt, ein Antagonismus der Kinematographie, die doch Bewegungskunst ist. Dabei profitiert die Schweizerin von einem phantastischen Ensemble: Mit dem jungen Kacey Mottet Klein hat Meier einen Kindschauspieler für die Rolle des Julien gefunden, dessen muntere Augen und ungebärdiges Wesen den ganzen Film wie ein Videokommentar begleiten. Adélaide Leroux dagegen ist als Judith ganz Schmollmund - zu bequem, um sich aus dem Schoß der Familie zu lösen, aber doch ungnädig genug gegenüber ihren Eltern.
Kein schöner Bild in dieser Zeit
Aber wie sollte man auch vom dominanten Vater Michel loskommen, den der grandiose Olivier Gormet, der gerade erst im zweiten Teil von „Public Enemy“ als selbstverliebter Kommissar zu sehen war, mit einer physischen Präsenz spielt, die einfach den Atem raubt? Kein schöner Bild in dieser Zeit als seine Ankunft auf der anderen Seite der Autobahn mit dem Kombi, auf dessen Dach eine Tiefkühltruhe festgeschnallt ist. Vor den Augen der begeisterten Familie erklettert er das Gerät und präsentiert sich dort in lasziver Rockerpose - Ausdruck eines grenzenlosen Selbstbewusstseins.
Und dabei sind die beiden besten Rollen noch gar nicht erwähnt worden. Isabelle Huppert spielt Michels Frau Marthe, eine Hausfrau, die mit stoischem Vertrauen in die Eintönigkeit des abgeschiedenen Lebens ihre frisch gewaschene Wäsche in den ewigen Sommer hängt. Alles Hypernervöse der Huppertschen Darstellungskunst ist hier gebändigt und doch jederzeit parat zum Ausbruch - das Wunder in „Home“ ist, dass es nie dazu kommt, und Anlässe gäbe es weiß Gott genug. Nur Marion, die zweite Tochter, gespielt von Madeleine Butt, scheint nicht mit ihrem Leben zufrieden zu sein; sie steckt mitten in der Pubertät, ist nicht mehr Kind und noch nicht Frau.
Spiegelbild der Familie
Damit proklamiert Ursula Meier, die auch das Drehbuch mitverfasst hat, sie zum Spiegelbild ihrer Familie. Denn auch die befindet sich - ohne es zu wissen - am Beginn des Films nicht mehr im Stande der Unschuld und vor dem Eintritt ins unselige Reich der Normalität. Nach zehn Jahren Pause setzen auf der Autobahn wieder Aktivitäten ein: Bautrupps werden gesichtet, aber von der durchaus wehrhaften kleinen Gemeinschaft zunächst im Zaum gehalten. Dann aber verkündet das unentwegt den Sommer bedudelnde Radio die Nachricht, dass die E 57 endlich für den Verkehr freigegeben werde.
Michel und die Seinen erschüttert es nicht: Wetten auf die Farbe des ersten vorbeifahrenden Autos werden abgeschlossen, und die zunächst vereinzelten Fahrzeuge dienen als willkommene Abwechslung. Doch dann gewöhnen sich die Verkehrsteilnehmer an die neue Strecke, die Ferien beginnen, und fortan ist den fünf Anrainern auf dieser Welt keine Ruhe mehr vergönnt. Tag und Nacht braust es am Haus vorbei, und als plötzlich wieder einmal Totenstille herrscht, ist der Verkehr genau vor dem familiären Garten zum Stau erstarrt, und mit Judiths freizügigen Sonnenbädern hat es spätestens jetzt ein Ende. Es beginnt die Tragödie.
Vom Schwank ins Psychodrama
Ursula Meier inszeniert sie schleichend, aber konsequent. Die latenten Spannungen in der Familie brechen auf, der Vater kann der Probleme nicht mehr Herr werden, die Mutter versagt als Katalysator. Binnen weniger Minuten kippt „Home“ vom Schwank in ein Psychodrama, wie es sich Michael Haneke nicht kälter hätte ausmalen können, und noch einmal erweist sich die Intelligenz der Besetzung mit Isabelle Huppert, Hanekes Lieblingsschauspielerin. Nur dass der vielgelobte österreichische Regisseur nicht noch einmal eine solche Kurve bekommen hätte, wie sie Ursula Meier gelingt: Am Schluss, als sich die Familie in verzweifelt-hilfloser Verteidigung gegen den unablässigen Autobahn-Terror selbst eingemauert hat und buchstäblich zu ersticken droht, gibt es einen - gleichfalls buchstäblich zu verstehenden - Befreiungsschlag.
Zwei weitere Beteiligte an „Home“ muss man unbedingt nennen: Agnès Godard, die erst kürzlich für Claire Denis in „35 Rum“ mit der Kamera gezaubert hat, für ihre präzisen Bilder von unerbittlicher Schärfe, und den französischen Veteranen Luc Yersin für die beklemmende Tonspur. Bild und Klang untergraben von Beginn an die idyllisch anmutende Handlung, und sie entwickeln sich in wechselseitigem Zusammenspiel zu einem Crescendo aus optischer und akustischer Qual, dem man als Zuschauer irgendwann genauso hilflos ausgeliefert ist wie die fünf Protagonisten. Dass daraus nie Ekel vor dem Film entsteht, ist die große Kunst von Ursula Meier. In der Schweiz fand kein einheimisches Werk des vergangenen Jahres mehr Kinozuschauer als „Home“. Auch in Deutschland hätte er jeden Erfolg verdient.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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