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„Helle Nächte“ im Kino : Leere Landschaft, leere Gesichter

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Wenn der Vater mit dem Sohne: Szene aus „Helle Nächte“ Bild: Piffl Medien

Ein Regisseur kehrt zu seinen Wurzeln zurück: Thomas Arslans neuer Film „Helle Nächte“ erzählt von einer Vater-Sohn-Beziehung, die endlich einmal nicht zur angestrengten Familientherapie wird.

          Am Ende einer längeren Reise sitzt ein Mann in einem Bus der Berliner Verkehrsbetriebe und fährt nach Hause. Es ist die letzte Szene des Films „Helle Nächte“ von Thomas Arslan. 82 Minuten sind vergangen. Was wissen wir nun von diesem Mann? Er heißt Michael, stammt aus Österreich, er kommt gerade aus Norwegen zurück, wo er seinen Vater begraben und mit seinem Sohn Luis eine Wanderung gemacht hat. Wie es mit seiner Lebensgefährtin weitergehen wird, die kürzlich ein Angebot bekommen hat, für ein Jahr als Korrespondentin nach Washington zu gehen, werden wir nicht mehr erfahren. Das ausdruckslose Gesicht des österreichischen Schauspielers Georg Friedrich ist das, was man als Bilanz von „Helle Nächte“ nehmen kann. Es ist eine Ausdruckslosigkeit, die zugleich eine Sammlung ist. Ein Mann hat etwas erlebt und verschließt es nun in sich wie einen Schatz, oder etwas, was sich erst allmählich zu einer Erinnerung formen oder auch folgenlos bleiben wird.

          Als „Helle Nächte“ im Februar dieses Jahres im Wettbewerb der Berlinale zum ersten Mal gezeigt wurde, gab es auch die eine oder andere polemische Reaktion auf den Minimalismus dieser Erzählung. Und ein entsprechendes Stichwort stand auch zu Gebote. Hier konnte man noch einmal nahezu in Reinkultur sehen, was man für ein Beispiel der „Berliner Schule“ halten mochte.

          Diese Gruppe von Filmemacherinnen wie Angela Schanelec oder Valeska Grisebach und Filmemachern wie Christian Petzold, Christoph Hochhäusler oder eben Thomas Arslan ist zwar in sich sehr heterogen, im größeren Zusammenhang des deutschen Kinos und vor allem der internationalen Wahrnehmung hat das Label aber Sinn. Vor allem kann es einen Blick aufs deutsche Kino schärfen, der nicht nur Filme sieht, sondern auch Projekte und Strategien.

          Die Idee, die Thomas Arslan vom Kino hat, kann man sehr schön aus dem Gesicht herauslesen, das Georg Friedrich am Ende von „Helle Nächte“ zeigt. Es ist auf eine provozierende Weise leer, es verweigert die Addition des Gesehenen zu einem befriedigenden Ergebnis, zu einer emotionalen Summe. Das Verhältnis von Michael zu seinem Sohn Luis, ein Verhältnis der Entfremdung, hat sich in den Tagen in Norwegen, in den Nächten im Zelt, in den vielen Stunden im Auto, sicher verändert. Aber ob es sich entscheidend verbessert hat? Das wäre schon zu viel gesagt.

          Was bleibt, sind Gesten (Michael legt einmal beiläufig seine Hand auf die Schulter des Teenagers, Versuch einer Berührung, die so vorsichtig ist, dass sie das Risiko einer Zurückweisung möglichst gering hält), Missverständnisse und schließlich eine Art Aussprache, die keine sein kann – denn damit müssten der Vater wie der Sohn aus den Bedingungen herausspringen, unter denen sie es miteinander zu tun haben. Es sind die Bedingungen einer gescheiterten Beziehung. Michael hat versagt, schon gegenüber der Mutter und dann auch gegenüber Luis. So etwas wandert man nicht einfach weg, und ein abendfüllender Film ist keine Familientherapie. In „Helle Nächte“ ist alles eine Frage der Balance. Zwischen dem bedeutsamen und dem leeren Moment sollen die Unterschiede so gering wie möglich bleiben, nur so haben Vater und Sohn ausreichend Freiheit für eine vorsichtige Annäherung.

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