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Film zu DDR-Sänger Gundermann : Wegen prinzipieller Eigenwilligkeit

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Gerhard Gundermann (Alexander Scheer) ist aus dem Kinderrad noch nicht ganz rausgewachsen. Bild: Pandora / Peter Hartwig

Andreas Dresens schöner, bitterer thüringischer Heimatfilm „Gundermann“ erinnert an einen DDR-Liedermacher und ehrlichen Sozialisten, der für sein Ziel auch Unehrlichkeit in Kauf nahm.

          Es ist keine Drehbucherfindung: Am 24. Juli 1994 trat Bob Dylan in der Thüringer Provinz auf, in Gotha im Park von Schloss Friedenstein. Im Vorprogramm spielte einer, der wenige Kilometer östlich, in Weimar, geboren war: Gerhard Rüdiger Gundermann. Der neue Film des ebenfalls aus Thüringen stammenden Andreas Dresen widmet sich erst nach einer Stunde und nur kurz dieser Dylan-Episode.

          Backstage sieht man Rücken und Locken des Film-Dylan inmitten seiner Entourage, in die sich ein bebrillter und bezopfter Schlaks drängt, Gundermann, gespielt von Alexander Scheer. Dann kehrt Gundermann zurück zu seiner Band, die aus der Distanz das Gespräch mit dem Meister bestaunt und wild spekuliert hat, ob da eine Tournee vereinbart wurde. Was habe er Dylan denn gesagt? „Dass Springsteen der Größte ist.“ Im Film bleibt unerwähnt, dass dieser offenherzige Gundermann, im Hauptberuf Baggerfahrer, nach dem Dylan-Konzert noch zurückfährt in die Lausitz, um seine Schicht im Braunkohle-Tagebau anzutreten.

          Gundermann war ein junger, singender Kommunist, der davon träumt, Armee-Politoffizier zu werden, es aber ablehnt, dem DDR-Verteidigungsminister ein Loblied zu widmen und an der Offiziersschule exmatrikuliert wird. Als Hilfsarbeiter geht er in den Bergbau und avanciert zum Baggerfahrer mit eigener Band, der „Brigade Feuerstein“. So weit, so gut. Das klingt noch wie ein fader Aufguss der sozialistischen Kunstdoktrin „Bitterfelder Weg“ (Motto „Greif zur Feder, Kumpel!“) aus den sechziger Jahren.

          Es sind die Texte, die hängen bleiben

          Tatsächlich tritt Gundermann in die SED ein; aber er wird schon bald erst vorübergehend, dann endgültig ausgeschlossen. Er arbeitet als Inoffizieller Mitarbeiter für den Staatssicherheitsdienst, informiert diesen nicht nur über Schlampereien im Tagebau, bis auch die Stasi 1984 „wegen prinzipieller Eigenwilligkeit“ auf ihn verzichtet; längst hat sie auf ihn und seine Band da schon andere IMs angesetzt. Dresen sucht nach der Wahrheit mittels Parallelmontage. Ständig wechseln die Zeitebenen zwischen dem DDR-Gundermann und dem der neunziger Jahre im wiedervereinigten Deutschland, Autobahnfahrten vorbei am Wegweiser „Berlin 143 km“ markieren Zäsuren beim Ebenenwechsel.

          Es ist nicht die erste filmische Annäherung an Gundermann. Richard Engels Dokumentation lief 1982 zu später Stunde im DDR-Fernsehen. Nun zeigen jenseits von Fan-Biopic und Täter-Opfer-Dichotomie Dresen und seine langjährige Drehbuchschreiberin Laila Stieler, ebenfalls eine Thüringerin, das Leben des anderen, des ganzen Gundermann. Die Filmförderung hat jahrelang gezaudert, bis jetzt Dresen, zwanzig Jahre nach Gundermanns Tod, dem Liedermacher, den auch im Osten Deutschlands nicht jeder, im Westen kaum einer kennt, ein Denkmal setzt.

          Die Begegnung mit Dylan zeigt im Film nicht nur das kauzige Wesen Gundermanns, der mit Brotdose, Schreibutensilien und Aufnahmegerät im Geigenkasten seinen Bagger erklomm, sondern auch, was ihn als Musiker auszeichnete. Ein Interviewer fragt, wie es wäre, neben „der Liedermacherlegende des Jahrhunderts“ aufzutreten und „mit der Gitarre zusammen zu klimpern“. Gundermann frotzelt, „da treten ja zwei Nichtskönner“ auf.

          Es geht um etwas anderes: Dylan bekam inzwischen den Nobelpreis für Literatur, und bei Gundermann sind es eher Texte, nicht Melodien, die haften bleiben. Als Autor stieß er am Ende der DDR zur Band „Silly“. „Paradiesvögel“ wurde 1989 ein Song der Wende; nicht nur, wer Christa Wolfs Buch „Der geteilte Himmel“ oder dessen Verfilmung kannte, verstand den Text: „Paradiesvögel sperrt man nicht ein – sie brauchen den Himmel ganz“.

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