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Veröffentlicht: 11.11.2016, 21:03 Uhr

Dokumentarfilm „Cahier Africain“ Inmitten einer afrikanischen Tragödie

„Immer ist hier Krieg“: Heidi Specognas Dokumentarfilm „Cahier Africain“ erzählt von Menschen in einer unheimlichen Zeiten in Zentralafrika. Ein großes Menschheitsdokument.

von Bert Rebhandl
© Déjà-Vu Film Das Mädchen Arlette in einem friedlichen Augenblick

Das Quartier PK 12 in der zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui verdankt seinen Namen einer einfachen numerischen Ordnung. Es liegt am „point kilometre 12“, also zwölf Kilometer nördlich vom Zentrum. Eine verwinkelte Welt einfacher Leute, deren wichtigster Wunsch seit Jahren immer wieder enttäuscht wird. Sie möchten einfach nur in Ruhe leben, doch man lässt sie nicht. „Immer ist hier Krieg“, schluchzt Arlette, eine junge Frau, die zur christlichen Bevölkerungsgruppe zählt. Unter Krieg kann man sich hier etwas Ähnliches vorstellen wie das, was Europa im 17. Jahrhundert erlebte: immer neue Konstellationen aufgrund religiöser Konflikte, bei denen es im Wesentlichen aber um den Selbsterhalt und die Bereicherung der kämpfenden Truppen geht.

Arlettes Klage kommt zu einem Zeitpunkt, da in der Zentralafrikanischen Republik eine muslimische Miliz, die Seleka, die Oberhand hatte. Der Anführer hatte seinen Leuten, die aus entlegenen Dörfern kommen, den Anschluss an die Stromversorgung versprochen. Er hatte die Sache aber nicht ausreichend (oder bewusst falsch) erklärt, anders lässt sich nicht verstehen, dass jemand glauben konnte, es reiche schon, eine Steckdose aus einer Wand zu reißen und mit nach Hause zu nehmen.

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Die Dokumentarfilmerin Heidi Specogna, die dieses Detail en passant berichtet, ist seit vielen Jahren in der Region verwurzelt. 2011 veröffentlichte sie de Film „Carte Blanche“, in dem sie sich vor allem mit der Arbeit von Entsandten des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag befasste. Es ging um die Aufarbeitung von Verbrechen aus dem Jahr 2002, als Milizen aus dem Kongo über den Fluss kamen und in Bangui wüteten. Sie hatten von ihrem Befehlshaber Jean-Pierre Bemba einen „Freibrief“ erhalten, gerufen hatte man sie aber, weil die Machthaber in der Zentralafrikanischen Republik sich nicht anders gegen die gewaltbereite Opposition im eigenen Land zu helfen wussten.

Die Spirale der Gewalt dreht sich weiter

Schon in „Carte Blanche“ tauchte Arlette auf, das Mädchen mit der grässlichen Streifschusswunde am Knie, die sich entzündete und unbehandelt blieb, bis viele Jahre später eine Operation in Deutschland endlich Abhilfe schuf. In „Carte Blanche“ war auch schon das Heft zu sehen, von dem Heidi Specogna nun für ihren neuen Film ausging: Ein Register von Opfern der Untaten von 2002, als Frauen, aber auch Männer vielfach vergewaltigt wurden. Die Muslimin Amzine, auch sie eine Bewohnerin von PK 12, hat von damals eine Tochter, der sie nicht erklären kann, wer ihr Vater ist.

Diese Vorgänge haben wesentlich dazu beigetragen, dass sexuelle Gewalt inzwischen als Kriegsverbrechen belangbar ist. Aber noch während sich die internationale Gemeinschaft mit der Aufarbeitung dieser Verbrechen beschäftigt, dreht sich die Spirale der Gewalt in der Region weiter. Die Zentralafrikanische Republik ist umgeben von prekären oder scheiternden Staaten: Südsudan, Tschad, der südliche Nachbar Kongo. Es herrscht ein ständiger Im- und Export von Gewalt. Religion ist das geläufigste Register. Flüchtlingswellen, von denen Europa kaum etwas erfährt, brechen sich Bahn.

Zurückgeworfen aufs nackte Leben

Die langfristige Präsenz von Heidi Specogna in der Region lässt ihren neuen Film „Cahier Africain“ zu einem herausragenden Beispiel dokumentarische Arbeitens werden. Denn er bildet eine entscheidende Ergänzung zu der Arbeit der internationalen Medien. Das Muster ist ja bestens bekannt: mit den Konflikten kommen die Hilfsorganisationen und die Korrespondenten, selbst die großen internationalen Zeitungen und Fernsehstationen unterhalten in Afrika allenfalls einige Korrespondenten, die dann punktuell recherchieren. In den vieljährigen, unübersichtlichen Kriegen braucht es aber einen Anker für die Aufmerksamkeit.

© déjà-vu film Kinotrailer: „Cahier Africain“

Heidi Specogna, geboren in der Schweiz, inzwischen in Berlin lebend, strukturiert „Cahier Africain“ als eine Collage von Beobachtungen, in der die beiden Frauen Arlette und Amzine immer wieder auftauchen. So kommt ganz buchstäblich das, was Specogna auch noch beobachtet (Haupt- und Staatsaktionen in grotesken Uniformen, Symbolhandlungen zur Vorbereitung und Rechtfertigung von Gewalt, Begehung von Tatorten), mit den Menschen zusammen, die immer wieder auf ihr nacktes Leben zurückgeworfen werden.

Zeit heilt alle Wunden

So eine Langzeitbeobachtung ist nur möglich, wenn man auf eine gewisse Weise „embedded“ ist. Auch in „Cahier Africain“ spielt der Kontakt mit Mitarbeitern aus Den Haag eine gewisse Rolle, vor allem wird das Schicksal des Heftes selbst, das ein entscheidendes Beweisstück ist, zu einem bedeutsamen Faktor: Fällt es den falschen Menschen in die Hände? Geht es verloren? Immerhin gibt es auch Unwägbarkeiten wie diese, dass die einzige „Intellektuelle“, die sich um die Dokumentation der Greuel von 2002 bemühte, in einer späteren Regierung zur Tourismusministerin wird. Sie zeigt stolz einen Hochglanzprospekt mit seltenen Tierarten, bevor die Administration, der sie angehört, schon wieder abgelöst wird. Mit Bernadette Sayo verschwindet die Spendenkasse der „Organisation pour Compassion des Familles en Détresse“ (OCODEFAD), die für Heidi Specogna offensichtlich ein wichtiger Anlaufpunkt war.

Die eigentliche „Einbettung“ aber ist die in PK 12. Hier entstanden die Beziehungen, von denen dieser Film lebt. Und erst vor diesem Hintergrund erschließen sich Szenen und Sequenzen, aus denen man erkennen kann, dass „Cahier Africain“, anders als aktuelle Krisenberichterstattung, auch ein Exempel höchst gelungener Gestaltung und erzählerischer Komposition ist: Es sind in der Regel musikalisch unterlegte Szenen von weiblicher Intimität (nach dem Tod eines Verwandten), dann aber auch ein großer, panischer Aufbruch der Muslime, als eine neue christliche Miliz wieder einmal beginnt, Quartiere zu „säubern“. Arlette bleibt in dieser Szene zurück. Ihr Knie bricht wieder auf. Zeit heilt alle Wunden, damit sie immer wieder neue aus alten schlagen kann. „Cahier Africain“ erzählt von dieser unheimlichen Zeit in einem großen Menschheitsdokument.

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