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Harvey Weinstein im Gespräch : Leben ohne Kino ist dumm

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Der amerikanische Filmproduzent Harvey Weinstein erklärt, warum er so erfolgreich und zu Unrecht verrufen ist, worin im Filmgeschäft der Obama-Effekt besteht und wie er einmal seinen Glauben verlor.

          „Harvey Scissorhands“, Harvey mit den Scherenhänden, das ist noch einer der freundlicheren Namen für Harvey Weinstein, der in den achtziger Jahren zunächst mit seinem Bruder Bob die Verleihfirma Miramax gründete und in den neunziger Jahren dann als Produzent das amerikanische Kino aufmischte. Zu seinen Erfolgen gehören, um nur ein paar zu nennen, „Pulp Fiction“, „Shakespeare in Love“, „Der englische Patient“ oder „Gangs of New York“.

          Durch die aggressive Promotion der von ihm produzierten oder verliehenen Filme wurde er zum Stammgast bei den Oscar-Galas - entweder bewundert oder gehasst wegen seiner Rücksichtslosigkeit. Einen leichten Karriereknick erlebte Weinstein, als er sich 2005 mit Disney, seinem langjährigen Partner, überwarf und eine neue Firma gründete. Heute, mit 61 Jahren, gibt er zwar beim Zürich Film Festival eine „Masterclass“, nach der auch das folgende Gespräch stattfand - ist aber noch immer in unaufhaltsamer Vorwärtsbewegung.

          Mister Weinstein, angeblich werden Sie schon mal handgreiflich, wenn Ihnen Journalistenfragen nicht gefallen. Hier in Zürich haben Sie viel Humor und sogar Sentimentalität gezeigt ...

          Und Sie fragen sich jetzt, wie das zusammenpasst, richtig? Wie konnte es so weit mit mir kommen? Ich traf vorhin jemanden, der zu mir sagte: Sie haben den Ruf, gnadenlos zu sein. Da antwortete ich: Haben Sie meine „Masterclass“ gesehen? Ich bin nicht Dr. Jekyll und Mister Hyde. Ich verstehe auch nicht, wie ich zu dieser Reputation gekommen bin. Ich glaube, es liegt daran, dass die Leute sich nicht erklären können, warum ich so erfolgreich bin. Sie denken, es liegt an Kompromisslosigkeit.

          Und warum sind Sie so erfolgreich?

          Das kann ich Ihnen verraten: Ich liebe es, zu lesen. Das ist alles. Das erklärt alles.

          John Travolta in Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“, produziert von Harvey Weinstein
          John Travolta in Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“, produziert von Harvey Weinstein : Bild: picture alliance / United Archiv

          Sie haben erzählt, Sie fühlten sich schon seit früher Kindheit als Außenseiter. Warum?

          Das fing schon in der Schule an. Ich mochte Dinge, die die coolen Kids nicht mochten. Und dann hatte ich diesen Unfall, durch den ich ungefähr ein Jahr nicht zur Schule gehen konnte. Die Leute machten sich über mich lustig, weil ich ständig einen Verband um den Kopf tragen musste. Das Resultat war, dass ich nie zu den coolen Leuten in meinem Umfeld passte. So kam es mir jedenfalls vor. Später konnte ich mich etwas besser anpassen. Aber dieses Gefühl, ein Außenseiter zu sein, das hat mich seitdem begleitet. Irgendwann gefiel es mir sogar.

          Sie haben Ihre Firma Miramax damals nach Ihren Eltern Miriam und Max benannt. Eine rührende Geste für einen angeblich so harten Produzenten.

          Meine Eltern waren die wichtigsten Menschen in meinem Leben, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin. Meine Mutter ist mit ihren 86 Jahren immer noch eine Kämpferin. Sie ist eine typische jüdische Mutter. Wenn es regnet, ruft sie mich immer noch an, weil sie sich Sorgen macht, ich könnte nicht richtig angezogen sein. Ich sage ihr immer: Mum, wovon redest du? Ich bin ein erwachsener Mann. Erfolglos. So war es mein ganzes Leben lang. Sie ist eine ganz erstaunliche, tolle Frau. Und sie liebt Kino, vor allem Arthouse-Filme. Wissen Sie, was ein Journalist des „New York Times Magazine“ über mich geschrieben hat? „Harvey Weinstein ist ein Produkt seines Mittelklassegeschmacks.“ Ich dachte nur: Meine Mutter mochte Dirk Bogarde in „Providence“ von Alain Resnais, du Idiot. Das habe ich für mich behalten. Aber ich hätte das korrigieren und sagen sollen: „Hier ist meine Mutter, fragen Sie sie nach ihren zwanzig Lieblingsfilmen!“

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