17.02.2009 · Mit Charisma und Hartnäckigkeit hatte es Harvey Milk in den Stadtrat von San Francisco geschafft. Vor 30 Jahren wurde der Politiker, der sich offen zu seiner Homosexualität bekannte, erschossen. Sean Penn verkörpert ihn in einem Film, der für acht Oscars nominiert ist.
Von Christiane Heil, Los AngelesDie Büste hätte Harvey Milk gefallen: auf dem bronzenen Gesicht ein breites Lächeln, in den Augen gutmütige Entschlossenheit. Noch mehr geschätzt hätte der kalifornische Politiker aber den Ort, an dem seine Büste heute steht - in der Rotunde des Rathauses von San Francisco, ganz oben neben der imposanten Marmortreppe. „Jeder Homosexuelle sollte im Rathaus immer die Treppe nehmen, um der Welt zu zeigen, dass er da ist“, hatte Milk gesagt, einer der ersten offen schwulen Politiker, die in den Vereinigten Staaten in ein öffentliches Amt gewählt wurden. In seinen elf Monaten als Stadtrat von San Francisco hatte er stets auf den Aufzug verzichtet.
Seinen langen Kampf dafür, die Marmortreppe der „City Hall“ hinauflaufen zu dürfen, zeigt Regisseur Gus Van Sant jetzt in dem Film „Milk“ mit Sean Penn, der für acht Oscars nominiert ist. Seit sein biographisches Epos Ende Oktober in Kalifornien Premiere hatte, führt Harvey Milk zu neuen Debatten um die Gleichbehandlung Homosexueller im „Golden State“.
San Francisco - das „Sodom am Meer“
Drei Jahrzehnte nach dem Tod Milks, der im November 1978 in seinem Büro mit fünf Kugeln erschossen wurde, könnte der Film kaum aktueller sein. Anfang November verwarfen die Kalifornier mit der „Proposition 8“ die gerade erst erlaubte gleichgeschlechtliche Ehe wieder. Gleich nach der Wahl gingen Klagen gegen die „Proposition 8“ ein, die nun das Oberste Gericht des Bundesstaates beschäftigen.
Harvey Milk hätte es so weit vermutlich gar nicht erst kommen lassen. „Er hatte ein einmaliges Talent dafür, auf die wichtigen Leute Einfluss zu nehmen“, erinnert sich Daniel Nicoletta, der 1974 als Neunzehnjähriger das erste Mal einen Fuß in Milks Fotogeschäft in San Francisco setzte. „Castro Camera“, benannt nach dem heruntergekommenen Viertel, galt als Treffpunkt für Homosexuelle, die aus ganz Amerika in das vergleichsweise offene San Francisco kamen - wie Nicoletta, der von der Ostküste nach Kalifornien gezogen war, um hier als Filmemacher und Fotograf Fuß zu fassen.
Anfang der Siebziger hatte das „Sodom am Meer“ mehr schwule Bewohner als jede andere amerikanische Stadt. Nicoletta sagt: „Es herrschte eine Art Aufbruchsstimmung.“
Der „Bürgermeister von Castro“
Schnell erkannten auch die Stadtväter das Potential der homosexuellen Wähler, vermieden es aber, um ihre Stimmen zu werben. Gleichgeschlechtlicher Sex wurde immer noch als „unanständiger Akt“ bestraft, und das San Francisco Police Department galt gegenüber Homosexuellen als besonders rigider Ordnungshüter.
Harvey Milk, der jahrelang ziellos durch Amerika und von Job zu Job gereist war, schien die Zeit reif für Veränderung. Mit den letzten 1000 Dollar, die er und sein Partner Scott Smith übrig hatten, richtete der Zweiundvierzigjährige „Castro Camera“ ein, entwickelte die Filme der überwiegend schwulen Kunden und avancierte wegen seiner humorvollen Art bald zur bekanntesten Persönlichkeit des Viertels. Als inoffizieller „Bürgermeister von Castro“ nahm er sich der Probleme der wachsenden homosexuellen Gemeinde an.
Wirklich etwas bewegen konnte er aber nur im Rathaus mit der Marmortreppe. 1973 verwandelte er „Castro Camera“ zur Wahlkampfzentrale, ließ Ansteckbuttons mit seinem bezopften Konterfei basteln und hielt feurige Reden. Für einen Einzug in die City Hall reichte es bei den Stadtratswahlen im November aber nicht.
Seinen nächsten Versuch, die Marmortreppe zu erklimmen, machte Milk zwei Jahre später. Er trennte sich vom Pferdeschwanz, tauschte den Hippielook gegen dunkle Anzüge und versprach, sich in Zukunft von den berühmten Badehäusern San Franciscos fernzuhalten.
Sein Wahlkampf, unterstützt von Nicoletta und Dutzenden weiterer Anhänger, zeigte Erfolg. Selbst Gewerkschaften und Feuerwehren unterstützten ihn und honorierten seine Versuche, kleine Unternehmen in den Stadtvierteln zu stärken. Doch wieder reichte es nicht für ein Amt als Stadtrat.
Der Erfolg kam mit dem Feind
Ausgerechnet Anita Bryant, eine in die Jahre gekommene Miss Oklahoma und Baptistin, verhalf Harvey Milk 1977 schließlich zum Einzug in das Rathaus. Als Sängerin hatte sie während des Vietnam-Kriegs mit Bob Hope die amerikanischen Truppen unterhalten. Nach dem Ende des angeblichen „Kriegs zwischen Atheismus und Gott“ widmete sie sich ihren neuen Feinden, den Homosexuellen. Sie gründete in ihrem Heimatstaat Florida „Save Our Children“, eine Organisation, die eine gerade erlassene Verordnung gegen die Diskriminierung von Schwulen wieder rückgängig machen lassen wollte.
Dan Nicoletta erinnert sich, dass sich Milk und seinen Mitstreitern damit die Gelegenheit bot, ihren Protest auf die einstige „Beauty Queen“ und ihre Hasskampagne zu konzentrieren. An dem lauen Juni-abend, als Bryant in Florida tatsächlich die Rücknahme der Verordnung erreichte, führte Milk am anderen Ende der Vereinigten Staaten fast 3000 Demonstranten bei einem Protestmarsch durch San Francisco - ohne stehenzubleiben, um keine Straßenschlacht zu provozieren.
Da Anita Bryant auch Sprecherin von Floridas Orangensaftlobby war, riefen schwule Aktivisten zu einem Boykott des Getränks auf. Medienwirksam unterstützt wurden sie von Prominenten wie Barbra Streisand, Jane Fonda und Bette Midler. „Die Richtung des Protests wurde dank Anita Bryant zum ersten Mal klar“, sagt Nicoletta, der damals Milks Wahlkampf organisieren half.
Keine ansteckende Krankheit
Das monatelange Händeschütteln in Bars, Coffeeshops und auf den Straßen hatte endlich Erfolg: Mit überwältigender Mehrheit wurde Harvey Milk am 8. November 1977 in den Stadtrat von San Franciscos Bürgermeister George Moscone gewählt.
Da gingen schon Morddrohungen bei „Castro Camera“ ein. „Schon vor der Wahl war Harvey als offen Homosexueller überall im Fernsehen zu sehen, was vielen nicht gefiel“, sagt Nicoletta. Nach einer Reihe von Drohbriefen habe Milk einmal Anzeige erstattet, die bei der Polizei aber wenig Beachtung fand.
In der kalifornischen Politik wurde Harvey Milk schnell unübersehbar. Als Senator John Briggs versuchte, mit der „Proposition 6“ alle schwul lebenden Lehrer des Bundesstaates aus dem Schuldienst zu entfernen, nahm sich Milk der Sache an. Briggs' Theorie, Schwule könnten als Lehrer auch Vorbildfunktion bei der sexuellen Orientierung ihrer Schüler haben, zog er ins Lächerliche: „Wenn es stimmt, dass Kinder ihre Lehrer nachahmen, müssten hier doch viel mehr Nonnen herumlaufen.“
Monatelang reiste Harvey Milk zu fast jeder Veranstaltung, bei der Briggs Unterstützung suchte, und trat gegen den Republikaner an. Opposition gegen Briggs' Diskreditierung von Schwulen regte sich auch bei Kaliforniens früherem Gouverneur Ronald Reagan, der erklärte, dass Homosexualität keine ansteckende Krankheit ist. Als die Kalifornier Anfang November 1978 schließlich über „Proposition 6“ abstimmten, musste Briggs einen heftigen Rückschlag einstecken.
„Um Harvey Milk ist es nicht schade“
Nur drei Wochen nach diesem Triumph war Harvey Milk tot. Für Dan Nicoletta ist der 27. November 1978 bis heute ein Albtraum. Der junge Fotograf hatte in San José südlich von San Francisco Aufnahmen von einem Ballett gemacht und fuhr mit dem Bus zurück in die Stadt. Als sich am Bahnhof zwei Busfahrer unterhielten, schnappte er den Satz „Um Harvey Milk ist es nicht schade“ auf. Als Nicoletta mit seinem Freund ins Taxi stieg, hörte er aus dem Autoradio von Milks Tod.
Ein paar Stunden später stand die Vorsitzende des Stadtrats, die heutige Senatorin Dianne Feinstein, mit versteinertem Gesicht vor der Presse in der Rotunde des Rathauses: „Bürgermeister Moscone und Stadtrat Milk sind erschossen worden.“
Dan White, selbst früher Stadtrat, werde verdächtigt, seine beiden ehemaligen Kollegen in ihren Büros getötet zu haben. White hatte seine Dienstwaffe durch ein Kellerfenster ins Rathaus geschmuggelt und Moscone und Milk erschossen, weil sie ihm sein Amt nicht zurückgeben wollten, das er ein paar Wochen zuvor niedergelegt hatte.
„Ich bin hier, um Sie zu gewinnen“
Um der Opfer zu gedenken, zogen damals mehr als 30 000 Menschen mit Kerzen zum Rathaus. Der Abend nach dem Prozess gegen White ein halbes Jahr später verlief weniger friedlich. Die Jury verurteilte White nicht wegen Mordes, sondern nur wegen Totschlags, da er vor der Tat zu viel Zucker gegessen hatte. Als er sieben Jahre Freiheitsstrafe erhielt, versuchte ein Mob, die City Hall in Brand zu stecken. Die Straßenschlachten sind als „White Nights“-Unruhen bekannt.
Auch wenn mehr als 30 Jahre vergangen sind, seit Dan Nicoletta und andere Weggefährten Milks seine Asche unter der Golden-Gate-Brücke in den Pazifik streuten, lebt der Stadtrat nicht nur in Gus Van Sants Film weiter. Seine Bronzebüste an der Marmortreppe des Rathauses ist vielmehr zu einer Attraktion geworden, die Homosexuelle aus allen Teilen Amerikas in die City Hall führt. „Die imposante Schönheit des Gebäudes inspiriert sie auch“, sagt Nicoletta. Milk würde sagen: „Mein Name ist Harvey Milk, und ich bin hier, um Sie zu gewinnen.“