Home
http://www.faz.net/-gs6-pmfv
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Harald Schmidt Ein alter ARD-Mann?

01.11.2004 ·  Er spielt die Musik, die anderen tanzen. So war es mit oder ohne Herbert Feuerstein beim WDR, so war es bei Sat.1, und so wird es jetzt sein. Wie geschickt sich Harald Schmidt ins Erste manövriert hat.

Von Michael Hanfeld
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Er hat keine „kreative Pause“ gemacht, Kreuzfahrt hin oder her. Er hat sich nicht verabschiedet, und er kehrt nicht zurück. Zumindest nicht dem dramatischen Sinn nach, in dem seine Anhänger - also auch wir - sein Auf- und Abtreten binnen des vergangenen Jahres betrachtet haben. Er hat vielmehr Gelegenheiten genutzt und auf verschiedenen Hochzeiten getanzt. Sein Rücktritt bei Sat.1 entsprang zwar dem Tumult um die abrupte Kündigung des damaligen Geschäftsführers Martin Hoffmann und hatte die Verve des Eklats.

Er war aber zugleich ein günstiger Moment, eine ziemlich schwere Last abzuwerfen, die da lautete: fünf den Spätabend füllende Shows pro Woche und das Image eines ganzen Senders tragen zu müssen. Doch es dauerte nicht lange, da tingelte er auf den Kabarettbühnen durchs Land, und jetzt - ein Jahr später - führt er bei der ARD die Zwei-Tage-Woche ein, womöglich mit vollem Lohnausgleich.

Wo Schmidt ist, prägt er das Programm und nicht umgekehrt

Vorbereitet darauf hat er sich seit längerem schon, die Kontakte zur ARD sind dem Vernehmen nach seit dem Abgang bei Sat.1 nie abgerissen, in Köln wird seit Wochen schon ein Studio für eine Show mit zweihundert Zuschauern eingerichtet, am 23. Dezember soll Harald Schmidt sein Comeback im Ersten mit seinem Adlatus Manuel Andrack feiern. Und von da an mittwochs und donnerstags um 23 Uhr für eine halbe Stunde die Leute unterhalten - mit Publikum im Studio, aber wahrscheinlich ohne Gäste. Schmidt pur.

Das Geschick, auf diese Weise wiederzukommen und dabei nur scheinbar endgültig gegangen zu sein, kann man nur bewundern - und sich darüber amüsieren, daß der Programmdirektor des Ersten, Günter Struve, nun meint, jemanden fürs Erste eingefangen zu haben, der „ein Kind der ARD“ sei, das hoffentlich wisse, wo seine Heimat sei, und diese nun wiederfinde. Dabei ist es genau umgekehrt: Wo Schmidt ist, prägt er das Programm und nicht umgekehrt. Er formt das Image eines Senders nach seinem Bilde, nicht andersrum.

Schmidt statt des Kerner-Beckmann-Maischberger-Raab-Komplexes

Er spielt die Musik, die anderen tanzen. So war es in seinen frühen Jahren mit oder ohne Herbert Feuerstein beim WDR, so war es bei Sat.1, und so wird es jetzt sein. Zu beklagen ist allein, daß Schmidt sich hinten anstellt: Am Montag läuft Beckmann, am Dienstag Maischberger, und dann kommt Schmidt. Dabei lag seine heilsame Wirkung, die viele mit dem Fernsehen an sich versöhnte, gerade darin, daß er an jedem Werktagabend, an dem er auftrat, das Kontrastprogramm zu seinen jetzigen Mitstreitern bildete: Schmidt statt des Kerner-Beckmann-Maischberger-Raab-Komplexes. Das war das Programm, das war die Mission.

Für einen anderen ist Schmidts Verpflichtung auch so etwas wie eine der letzten Wegmarken auf seiner eigenen Mission: Der ARD-Vorsitzende Jobst Plog hat sich in den letzten Tagen persönlich sehr darum bemüht, daß der Vertrag mit Schmidt - der am gestrigen Sonntag noch nicht abgeschlossen, aber auch nach offizieller ARD-Lesart so gut wie ausgefertigt war - zustande käme. Plog will sich die prominente Verpflichtung nicht zu sehr auf die eigene Fahne schreiben, doch es macht schon den entscheidenen Unterschied, ob der Chef selbst und der mächtige Programmdirektor des Ersten, Günter Struve, eine solche Sache zu ihrer persönlichen machen oder nicht.

Viele Betroffene ahnungslos

Schließlich geht es um zwei Sendeplätze, die in der ARD jeder gern hätte und von denen nun einige verdrängt werden - die Dokumentationen am Mittwoch und die ambitionierten Filme, welche das Erste auf dem Schmidt-Sendeplatz am Donnerstag zeigt. Die Kontakte zum SWR und zu dem WDR-Unterhaltungschef Axel Beyer alleine würden in dem fidel-föderalen Senderverbund noch nicht reichen, um eine Show mir nichts, dir nichts zu plazieren. Das macht das Geschäft für die Kreativen in der ARD sonst ja so mühsam: Sie müssen die Kollegen im Sender überzeugen, dann Verbündete bei den anderen Anstalten finden und schließlich den Gremien Rechenschaft geben - zum Beispiel darüber, was eine solche Sache kostet.

Wenn die Chefs von vornherein überzeugt sind, die Sache durchpauken wollen und als geheime Kommandoaktion durchziehen, macht das vieles leichter. Und so waren denn auch in der ARD viele Betroffene bis in die vergangene Woche hinein ahnungslos, an welchem Coup die Granden Plog und Struve da bastelten.

Für Schmidt etwas anderes aus dem Programm kippen

Um welche Dimension in finanzieller Hinsicht es hier geht, das kann man aufgrund der Schmidt-rettet-die-Welt-Rhetorik ahnen und an der Tatsache ablesen, daß der ARD-Vorsitzende Plog - der ein glänzender Rundfunkdiplomat, ausgewiesener Verhandler und wirklich einer der ganz Großen in seinem Geschäft ist - öffentlich ankündigt, daß für die Verpflichtung von Schmidt - wir reden übrigens von einer Stunde Programm pro Woche! - an anderer Stelle Verzicht geübt werden müsse: „Die ARD wird dafür anderes aufgeben müssen. Wir können das nicht zusätzlich machen. Man muß für Harald Schmidt etwas anderes aus dem Programm kippen. Und zwar nicht etwas, was billig produziert wird“, sagte Plog der „Bild am Sonntag“. Deutlicher kann man mit dem Zaunpfahl gar nicht winken.

Da die ARD zur Zeit geschätzte achtzig Prozent der interessantesten und lukrativsten Sportsenderechte besitzt, hätte sie aber die Möglichkeit, auch außerhalb der normalen Programmetats sehr schnell sehr viel Geld aufzubringen, wenn sie einige der begehrtesten Rechte abgäbe - allein der Abosender Premiere nähme sie mit Kußhand. Oder ob sie bei der ARD für Schmidt lieber ein Orchester aufgeben? Wir dürfen gespannt sein.

Er liefert ab, die ARD sendet - und zahlt

Rund zwanzig Millionen Euro, so wird von Insidern geschätzt, hat Harald Schmidt zuletzt bei Sat.1 pro Jahr verdient. Jede einzelne Show wurde mit 100 000 Euro abgerechnet, 60 000 Euro gingen an Schmidts Produktionsfirma „Bonito TV“, 40 000 Euro pro Abend waren sein Honorar. Er hat seine Sendung stets komplett und aus eigener Herrlichkeit abgeliefert - worin die besondere inhaltliche Güte der Schmidt-Show begründet war. Bei der ARD hat er sich nun dem Vernehmen nach das exakt gleiche Produktionsmodell ausbedungen: Er liefert ab, die ARD sendet - und zahlt.

Der offizielle Starttermin von „Late Schmidt“ ist - nach dem Vorweihnachtsspezial am 23. Dezember, das ein später, dort peinvoll registrierter Gruß an Sat.1 ist, wo er dann vor genau einem Jahr zum letzten Mal auftrat - für den 18. oder 19. Januar 2005 vorgesehen. Von da an gibt es Harald Schmidt im Ersten, ohne Gäste, mit Publikum, mindestens bis Ende 2006. Den früheren Bundeskanzler und damaligen Hamburger Innensenator Helmut Schmidt wird Harald Schmidt in dem Ereignisfilm „Die Sturmflut“ hingegen nicht spielen. Es wäre ja auch nur eine Nebenrolle gewesen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.11.2004, Nr. 255 / Seite 34
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Wulffs Ensemble

Von Martin Otto

Schon Bertholt Brechts Dogsborough konnte Geschenke guter Freunde nicht ablehnen. „Dieses Landhaus hätt’ ich nicht nehmen dürfen“, bekennt die an Reichspräsident Hindenburg angelehnte Figur. Mehr 7 14