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Harald Schmidt Auf die Größe kommt es an

08.12.2003 ·  Frühstück bei Schawinskis: Harald Schmidt schmeißt die Brocken hin, und er wirft sie dem Chefs von Pro-Sieben-Sat.1 nicht vor, sondern auf die Füße. Und das aus freien Stücken und mit gutem Grund.

Von Michael Hanfeld
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Der wahre Harald Schmidt, so sagen viele, die ihn seit Jahren verfolgen und hoffen, daß er doch wenigstens nach Sendeschluß irgendwann mal aus der Rolle falle und anders sei als der Schmidt, den wir aus dem Fernsehen kennen, der wahre Harald Schmidt sei nicht zu fassen. Es gebe ihn gar nicht außerhalb seines Zynikerimperiums, das ihm erlaubt, auch noch im kritischsten Moment den Spötter über Gott, die Welt und sich selbst zu geben. Hat er sich nicht am Abend des Tages noch, an dem sein Freund Martin Hoffmann als Senderchef in einem Fünfminutengespräch rausgeworfen wurde, als "Medien-Nutte" bezeichnet, über den Namen des von Münchner Gnaden eingesetzten Roger Schawinski gewitzelt, der gleich am nächsten Tag selbstbewußt verlauten ließ, er habe sich als erstes mit dem Latenight-Talkmaster zum Frühstück verabredet? Weit gefehlt, weit gefehlt, weit gefehlt. Harald Schmidt schmeißt die Brocken hin, und er wirft sie den Chefs von Pro-Sieben-Sat.1 nicht vor, sondern auf die Füße. Und das mit Recht.

Denn so, wie es derzeit zugeht bei Pro-Sieben-Sat.1, liegen die Dinge dermaßen im Argen, daß es noch dem größten Zyniker die Tränen in die Augen und diejenigen mit Rückgrat in die Sinnsuche treibt. Durch dick und dünn sind der Senderchef Hoffmann und das Markenzeichen Schmidt in den letzten Jahren bei Sat.1 gegangen, haben Quotentäler durchwandert, Political-correctness-Attacken ertragen, die Feuilletonisten mit dem Fernsehen versöhnt und dabei immer für gute Unterhaltung gesorgt. So etwas hat seinen Preis, der sich nicht allein in Cent und Euro ausdrückt. Und dessen Höhe auch nicht unbedingt beim Frühstück zu ermessen ist. Noch nie war ein Interview am Erscheinungstag so alt wie dasjenige des neuen Sat.1-Chefs Schawinski von gestern, in dem er sich noch siegesgewiß zeigt, daß Schmidt bleibe. Von wegen.

Welche Kreativpause?

Die Unternehmens-PR will uns derweil weiterhin weismachen, Harald Schmidt mache eine verdiente "Kreativpause". Wenn ja, warum wird das wohl so sein? Wie lange wird sie dauern? Wo und wann wird sie beendet? Bei RTL, ARD oder dem ZDF? (Wir würden im Moment ja am liebsten den ORF vorschlagen, die hätten einen Satiriker von Schmidts Gnaden wirklich nötig und eine Prise Ernsthaftigkeit, wie sie selbst das hiesige Privatfernsehen aushält.) Und warum ist Schmidt das gerade jetzt eingefallen, "nach acht Jahren, in denen ich ununterbrochen mit der ,Harald Schmidt Show' auf Sendung war"? Ist er über Nacht klapprig geworden, oder hatte er längst ein besseres Angebot in der Tasche? Es ist nichts von alldem.

Was einen stutzig machen und zu den Hintergründen führen könnte, ist der Umstand, daß in der Programmvorschau von Sat.1 für den Januar dort, wo derzeit noch werktäglich die "Harald Schmidt Show" läuft, "N.N." verzeichnet ist. Was nicht verwundert, wenn man weiß, daß Schmidts Vertrag zum Jahresende ausläuft und der Sender 2004 also - noch - nicht mit ihm rechnen konnte. Doch ob nicht zumindest schon Gespräche geführt worden sind - zwei Wochen vor Weihnachten? Denken wir uns nun den Umstand hinzu, daß auch der Vertrag von Martin Hoffmann im nächsten Jahr ausgelaufen wäre, fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, daß die Kündigung des einen von heute auf morgen mit dem Abgang des anderen von gestern auf heute ursächlich in Zusammenhang steht. Und es erscheint eher unwahrscheinlich, daß bis zum heutigen Tag niemand von Pro-Sieben-Sat.1 mit Schmidt über die Fortführung seiner Show gesprochen haben sollte. Deshalb kann es nur einen Schluß geben: Harald Schmidt geht aus freien Stücken und mit gutem Grund.

Ehre des Hinwegwitzelns

Dabei ist es müßig zu räsonieren, ob er damit denjenigen zuvorkommt, die nicht die Größe besitzen, seinen Spott zu ertragen, und nicht erkennen, wie bedeutend es sein kann, von ihm hinweggewitzelt zu werden. Und die dann doch irgendwann angefangen hätten, über Kosten oder Quoten zu mäkeln. Harald Schmidt wäre im Gegenteil seit dem Tag, da Martin Hoffmann gekündigt wurde, in der komfortablen Position gewesen, den Sender mit einem lukrativen Angebot kommen zu lassen, Pro-Sieben-Sat.1 kann es sich nämlich gar nicht leisten, ihn zu verlieren.

Mag auch eine Rolle spielen, daß die Strecke von fünf Sendungen pro Woche ein Marathon ist, bei dem noch dem letzten die Puste ausgeht, und dies für Harald Schmidt nur die richtige Gelegenheit ist, einen Gang zurückzuschalten und einen neuen Anlauf zu nehmen. Doch es geht damit eine Ära zu Ende, eine Ikone tritt ab, ein Provokateur verstummt, ein Fernsehbildungsbürger, der uns einen Kanon zu vermitteln hatte, ein Gastgeber, der bestens vorbereitet war, etwas gelesen, gesehen und zu sagen hatte, zu dem die Gäste gern kamen und sich gut aufgehoben fühlen konnten, so sie nicht allein über ihr neues Buch, ihre neue Platte oder ihre neue Rolle sprechen wollten.

Schmidt ist Gott“

Schmidt handelte als Moderator nach dem Vorbild Helmut Kohls, wie er erst im Juli dieses Jahres sagte, als er den Hildegard-von-Bingen-Preis für Publizistik erhielt, auch der habe "sechzehn Jahre lang auf den Titelblättern gelesen, daß er am Ende ist". So gebe es auch für ihn "keinen Grund, die Nerven zu verlieren und aufzuhören". Das war gestern, heute sind acht Jahre Nachtschichtgespräche vorüber, oder, um mit Anke Engelke zu sprechen ("Harald Schmidt ist Gott. Bei dem würde sich doch jede Frau mal mit schönen Anziehsachen hinlegen und darauf freuen, daß er nach Hause kommt"): Gott ist tot.

Und was die Rolle angeht, die Harald Schmidt gespielt hat und dann doch nur bis zu einem gewissen Grad spielen wollte, sollte man sich vielleicht an Helmut Dietls "Late Talk" erinnern: Da spielt Schmidt einen Senderchef, wie sein Freund Hoffmann einer gewesen ist, der Programm machen will und sich an seiner Aufgabe zerreibt, bis da einer kommt, der das Geld hat, den Laden kauft und ihm auf seiner Almhütte in den Bergen erklärt, daß er alles, aber auch wirklich alles falsch gemacht hat: Er sollte gar kein gutes Programm machen! Runterwirtschaften den Laden! Damit man die Sendefrequenz für etwa anderes gebrauchen kann! Was für ein Seher ist dieser Dietl bloß gewesen. Und wir dachten, er hätte seit "Monaco Franze" das Fernsehen zu sehr aus dem Auge verloren.

Der gespielte Harald Schmidt bricht übrigens angesichts der Erkenntnis, daß es aber auch um überhaupt nichts anderes geht als den Mammon, Mammon, Mammon, zusammen und macht danach mit aller Härte weiter. Beim echten Schmidt - und bei Hoffmann - sollte es ohne solches gehen. Kreativpause! Und danach bitte weiter im Programm.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.12.2003, Nr. 286 / Seite 39
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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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