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Veröffentlicht: 10.03.2017, 06:55 Uhr

„Wilde Maus“ im Kino Hader spielt Hader spielt Hader

Schau, wie ich schau: Der österreichische Kabarettist Josef Hader debütiert in „Wilde Maus“ als Filmregisseur – in der Rolle eines arbeitslosen Musikkritikers.

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© Ioan Gavriel Flaschen im Schnee: Josef Hader in einer Szene seines Kinofilms „Wilde Maus“

Es war einmal ein Paar, nicht mehr ganz jung, noch nicht alt, das wusste wenig voneinander. Trotz festen Vorsatzes, ein spätes Kind in die Welt zu setzen, kam es auf natürlichem Wege nicht zum gewünschten Ergebnis. Da aber die Frau schon dreiundvierzig Jahre zählte, war es höchste Zeit, und so nahm der Reproduktionsdruck mit jedem Eisprung zu. Die Geschichte trug sich zu in gediegener Behaglichkeit und Esskultur in schöner Wiener Altstadtlage, sie als Coach und Therapeutin erfolgreich, er als Musikkritiker eine Institution. Grüß Gott, Herr Doktor, bitte sehr, Herr Doktor.

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Doch dann bricht die Gegenwart ins traute Kulturbürgerunglück: Der Chefredakteur, eine „deutsche Sau“, entlässt den Herrn Doktor nach einem Vierteljahrhundert, weil er zu teuer ist. Und weil an seiner Stelle drei junge, weniger widerständige Redakteure bezahlt werden können. Georgs Einwand, es werde Leserproteste geben, kontert der unter Spardruck stehende Piefke mit dem Einwand, seine Leser seien zum größten Teil bereits tot.

Ein Verlust, ein Gewinn

Vom Umgang mit der vermeintlichen Bedeutungslosigkeit: Georg Endl ist so fassungslos ob der Schmach, dass er es seiner Johanna einfach nicht erzählen kann. Und macht weiter so, also ob. Während sie ihr Geld damit verdient, Klienten zuzuhören, denen offenbar sonst keiner zuhört. Das ist die Ausgangslage in dem ersten Film, den der österreichische Kabarettist und Schauspieler Josef Hader sich und seiner Lebensgefährtin Pia Hierzegger buchstäblich auf den Leib geschrieben hat. Denn das Paar muss sein Fortpflanzungswerk vor laufender Kamera verrichten, während es ansonsten immer weiter auseinander driftet.

© dpa, Majestic-Filmverleih Kinotrailer: „Wilde Maus“

Georg der Rächer vandalisiert als Lackzerkratzer und Cabriodachaufschlitzer Porsche, Pool und Haus seines ehemaligen Chefs Waller (Jörg Hartmann als einfühlsamer Erfüllungshilfe der Verlagleitung), während seine Frau zur gleichen Zeit einen schwulen Patienten verliert, um ihn dann als Beinahe-Geliebten wieder zu gewinnen. Sie trinkt im übrigen zu viel des Roten und bräuchte selbst therapeutische Hilfe. Als Waller sie unter fadenscheinigen Vorwänden umgarnt – um sich für die Angriffe auf sein Hab und Gut, die er längst Georg zuschreibt, zu revanchieren –, lehnt sie instinktiv ab.

Kein Branzino, kein Käse aus Israel

Ihr Gatte rutscht im Lauf seiner Zeittotschlagtage im Prater immer mehr in Richtung Halbwelt ab; zusammen mit einem neuen Freund pachtet er das Fahrgeschäft „Wilde Maus“, legt sich einen Revolver zu und hat es damit auf das Leben des Chefredakteurs abgesehen. Viele Nebenstränge legt Hader aus, und bei weitem nicht alle führen wieder zurück auf den Pfad der Story – wie der des Sushi-Kochs, dessen Musikerlaufbahn Georg mit einer Kritik vernichtet hat, und der nun seinerseits den Zerstörer in sich entdeckt. So franst der Film trotz gediegener Bildsprache und moderatem Erzähltempo gelegentlich aus. Dem Genre der Tragikomödie verpflichtet, das so gut wie kein anderes zum österreichischen Humor passt, glänzt „Wilde Maus“ dort, wo der Sprachartist Hader das politische korrekte Geschwätz und die hohlen Rituale der homo- und metrosexuellen Großstädter aufspießt.

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Zigaretten und Alkohol sind Grundausstattung, aber der Branzino geht nicht, weil er aus einer Aquakultur kommt; und Käse aus Israel geht auch nicht, wegen der politischen Lage. Das führt zu herrlichen Glaubensdisputen über Joggen und Vegetarismus, in denen Sätze wie dieser fallen: „Ich möchte einfach eine Suppe und Stück Käse essen, ohne über Hitler reden zu müssen!“

Ohne die Gefahr einer Produktenttäuschung

Doch von Anfang liegt auch ein Schleier der Traurigkeit über diesen lakonischen Dialogen, und die beiden Hauptdarsteller sind hinter ihren Masken der Undurchschaubarkeit so gut aufeinander eingestellt wie je zuvor: Schon in Wolfgang Murnbergers Wolf-Haas-Verfilmung „Der Knochenmann“ (2009) und in David Schalkos Fernsehzweiteiler „Der Aufschneider“ (2010), bei dem Hader das Drehbuch mitschrieb, überzeugten Hader und Hierzegger. Und sie tun es auch diesmal, auch wenn ihr Film, der bei der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb lief, sich nicht genug zutraut. Im niederösterreichischen Winterwald rutscht Georgs Rachefeldzug bei einem Showdown mit anschließendem Selbstmordversuch endgültig ins Groteske, bevor der Film gerade noch die Kurve in eine angedeutete Versöhnung nimmt.

Es hilft, wenn man als deutscher Zuschauer die Bereitschaft mitbringt, sich auf den Kosmos Wien und dessen O-Ton -Südost einzulassen. Denn Hader spielt auch in „Wilde Maus“ Hader, so wie er es in seinem überragenden Kabarettprogramm getan hat. Dass er das erstmals als Schauspieler, Autor und Regisseur in Personalunion tut, fügt der Kunstfigur mit dem dunkelgründigen Blick kaum neue Facetten hinzu. Hader bleibt Hader, sein Publikum kann ohne die Gefahr einer Produktenttäuschung in die „Wilde Maus“ steigen.

© dpa, reuters Josef Haider und Pia Hierzegger stellen „Wilde Maus“ auf der Berlinale vor
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