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Mittwoch, 19. Juni 2013
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„Guilty of Romance“ Zeig mir den Körper für das Wort Liebe

 ·  Vergesst das Gestöhne von „Shades of Grey“: In dem durchgeknallten Erotikthriller des Japaners Sion Sono wird die Einweihung zur tatsächlichen Entgrenzung.

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© Rapid Eye Movement Tagsüber Dozentin, nachts Prostituierte: Mitsuko (Makoto Togashi)

Auf den Sex! Kanpai!“ Die beiden Frauen, die in einer japanischen Kneipe mit Bier auf ihre Erziehung der Sinne anstoßen, bilden ein klassisches Paar. Mitsuko, die ältere, ist eine gepflegte Dame Ende dreißig, die tagsüber an der Universität über Dichtung doziert und nachts gegen Geld mit Männern ins Bett geht. Izumi ist ein wenig jünger, sie ist eine fügsame Ehefrau, die im Kimono die Lesungen ihres Mannes besucht, eines Erfolgsautors, der im erotischen Genre tätig ist.

Für Mitsuko ist Izumi die Einzuweihende, das Mädchen, das etwas erleben möchte, bevor es den dreißigsten Geburtstag erreicht. Doch das, was die Geschichte des Films „Guilty of Romance“ des japanischen Regisseurs Sion Sono für sie bereithält, geht viel weiter als bloß bis zu einem sexuellen Experiment, das sich anschließend beim Bier nachbesprechen ließe. Dies ist eine Geschichte, die ihre Protagonisten verschlingt, und die Zuschauer gleich ein wenig mit dazu. Denn es geht hier um elementare Vorstellungen von Lust und Selbstverlust, und wenn sie auch in Gestalt eines üppigen Trashfilms daherkommen, rühren sie doch nicht weniger an das Innerste des Begehrens.

„Möchten Sie probieren?“

Alles beginnt mit einer Leiche, die noch dazu zerstückelt vorgefunden wird. Dass die Kommissarin Yoshida mehr oder weniger aus einem heftigen Geschlechtsakt heraus an den Tatort gerufen wird, zeugt dann schon davon, dass es hier keine zwei Seiten gibt: Ordnung und Chaos, Sublimierung und Transgression sind bei Sion Sono zwei Aspekte der einen Wirklichkeit, die er in seinen häufig exzessiven Filmen durchmisst. In „Guilty of Romance“ kommt noch ein Aspekt hinzu, den er einem leitmotivischen Gedicht von Ryuichi Tamura entnimmt: „Wie viel besser wäre ich dran, wenn ich niemals die Bedeutung der Worte erfahren hätte“, spricht da ein lyrisches Ich und gelangt schließlich zu einer schockierenden Konsequenz: „Ich stehe still im Inneren deiner Tränen und komme allein zurück in dein Blut.“

Was Sion Sono damit meinen könnte, wird am Schicksal des Dichters Yukio deutlich, der mit seinen kitschigen Anzüglichkeiten die Massen begeistert, während er abends verklemmt neben seiner schmachtenden Ehefrau auf dem Sofa sitzt. Der Eros ist in dieser Beziehung etwas fundamental Abgespaltenes, und in „Guilty of Romance“ geht es darum, ihn einzuholen. „Bald wird das Wort Liebe für dich einen Körper haben“, sagt Mitsuko zu Izumi. Der erste Schritt dazu ist, diesen Körper nackt zu zeigen. Izumi lässt sich zu einem erotischen Fotoshooting überreden, das bald in einen Pornodreh übergeht. Die eigentlich starke Szene ist aber die, wie sie später daheim vor dem Spiegel das Erlebte nachvollzieht, sich aus dem Objektstatus befreit und zur Ausruferin der eigenen Sinnlichkeit macht: „Möchten Sie probieren?“

Abgründige Bewegung

Die Darstellerin der Izumi, Megumi Kazurazaka, ist brillant gewählt, und sie lässt sich auf eine abgründige Bewegung ein, in der sie zwischen Unschuld und Unterwerfung mehr als nur „Shades of Grey“ erlebt - es wäre interessant, die Leser des Bestsellers von E.L. James mit dem Film von Sion Sono zu konfrontieren, wahrscheinlich würde es zu Ratlosigkeit und Missverständnissen führen. Denn Sion Sono geht es gerade darum, die klassische Erfahrungsperspektive eines anfangs unschuldigen Subjekts aufzubrechen. Die Einweihung ist auch eine Entgrenzung.

Das Tokioter Viertel Maruyamacho bildet den örtlichen Bezugspunkt in „Guilty of Romance“. Hier finden sich die Love Hotels, die zu einem Stereotyp japanischer Sexualität geworden sind, hier gehört eine Figur wie Karuo hin, ein jugendlicher Verführer im weißen Mantel, der Izumi zum ersten Mal an die Grenze des Erträglichen und ihres, pardon, geheimen Verlangens führt. Mehr und mehr wird klar, dass alle Figuren des Films in diesen Bezirk des Illegitimen gehören, dass sie alle Verbindungen zu uneingestandenen Lüsten unterhalten und dass dieses abbruchreife Haus, in dem die Leichenteile gefunden wurden, so etwas wie das Boudoir enthält, in dem alles zusammenfindet. Dass es durch das schadhafte Dach regnet, ist Zeichen des Verfalls wie auch Moment der Sinnlichkeit. Das Wasser tropft auf die Kleider einer Frau, während diese den Anruf ihres Gebieters erwartet, rücklings auf ein rotes Tuch gestreckt.

Das ist natürlich alles hart an der Grenze zum Kitsch. Die Ästhetik des Film Noir verbindet sich mit den Bildwelten des japanischen Pop, und wenn Karuo an einer Stelle einen Farbbeutel über Izumi zum Platzen bringt, dann spritzt es bis auf das Objektiv der Kamera. Das ist ein Detail so richtig nach dem Sinn von Sion Sono, der als Enfant terrible des japanischen Kinos gern die grelleren Aspekte seiner Kultur hervorhebt. Vor drei Jahren erregte er mit dem vierstündigen „Love Exposure“ Aufsehen, in dem es um katholische Beichtrituale und die sexuelle Subkultur der „upskirt“-Fotografen ging.

Diese gehen auf Jagd nach Bildern der Unterwäsche von Mädchen, die sie unbemerkt in den Straßen der Stadt aufnehmen, auf Rolltreppen und bei anderen Gelegenheiten, manchmal mit akrobatischen Stunts. Der junge Held verkleidet sich in „Love Exposure“ als Manga-Heldin und lernt in dieser Rolle das Mädchen Yoko kennen, woraus sich eine Kette von Missverständnissen ergibt, die nur mit großem Pathos auflösbar sind. Dass Quentin Tarantino sich für „Kill Bill“ von jenem Manga inspirieren ließ, das in „Love Exposure“ leitmotivisch ist, zeugt von der globalen Attraktion dieser Kultur.

Pantoffeln statt Sex

Doch anders als der stark in Fetischmustern verhaftete Tarantino zielt Sion Sono nicht nur auf unerreichbare Idolisierungen, sondern achtet darauf, Überhöhungen und Stilisierungen mit alltäglichen Szenen zu verbinden. Das Moment der Überschreitung wäre nichts ohne das banale Frühstück am Morgen, und so wird zunehmend die Kommissarin Yoshida zur zweiten Hauptfigur. Sie ermittelt in eine Richtung, in die hin sie sich immer schon voraus ist.

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Die Kommissarin (Miki Mizuno) eilt vom Geliebten zu den Leichen © Rapid Eye Movement Die Kommissarin (Miki Mizuno) eilt vom Geliebten zu den Leichen

Die Sexualität ist auch nicht das endgültige Moment, es verweist zurück auf eine prinzipielle Ohnmacht, dem Leben durch Ordnung beizukommen. Die Hausschuhe, die Izumi jeden Abend penibel für ihren heimkommenden Gatten bereitstellt, markieren jene Grenze, die uns die japanischen Filme als konstitutiv beigebracht haben: Zwischen draußen und drinnen wird eine imaginäre Wand aufgerichtet, die für Izumi zu einem Gefängnis wird. Während man in den klassischen japanischen Hausdramen bei Yasujiro Ozu das Begehren und die Enttäuschungen zwischen den Worten und Gesten als diskrete Spannung ausnehmen kann, gehört Sion Sono schon zu einer Generation, die mit ganz anderen Bild- und Tonregistern im Grunde immer noch dieselbe Spannung zu erfassen versucht.

Mahlers Fünfte ist in „Guilty of Romance“ eines der musikalischen Themen, und je intensiver die Verstörung wird, desto unverdrossener unterlegt Sion Sono den Szenen kammermusikalische Passagen, die keineswegs ironisch wirken, sondern wie eine Struktur, auf der sich das Unerhörte entfalten kann. Die poetologische Selbstdeutung, die er seinem Film durch das Gedicht von Ryuichi Tamura gegeben hat, lässt sich also sogar auf mehr noch beziehen als nur auf den Körper, den die Worte bekommen müssen.

Das Kino insgesamt wird in „Guilty of Romance“ zu einer Erfahrung von Sinnlichkeit und Distanz, in einem ständigen, höchst formbewussten Wechselspiel zwischen Ermittlung und Verstrickung. Das Reich der Sinne hat hier keine Außenseite mehr, es gibt keine Beobachterposition, auf der uns nicht auch irgendwann die spritzende Farbe treffen könnte, und der Hinweis auf den höheren Blödsinn, der dieser Film sicher auch ist, ist keine Gewähr dagegen, dass einen dieser vielleicht ehrgeizigste aller Erotikthriller nicht doch ein wenig mitnimmt.

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