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Guillaume Depardieu ist tot : Die Kindheit des Ikarus

  • -Aktualisiert am

Guillaume Depardieu, 1971 - 2008 Bild: REUTERS

Im Alter von nur siebenunddreißig Jahren ist der französische Schauspieler Guillaume Depardieu gestorben. Zeitlebens hatte er versucht, dem Schatten seines berühmten Vaters zu entfliehen.

          Guillaume Depardieu war bei Dreharbeiten in Rumänien, als er sich einen Virus einfing. Am Wochenende war er nach Paris verlegt worden. Akute Lungenentzündung. Es gab Komplikationen. Am Montagabend ist er gestorben. Er war nur siebenunddreißig Jahre alt. Der Titel des Films, der gerade abgedreht war, lautet: „Die Kindheit des Ikarus“. Und wenn es nicht so traurig wäre, könnte man über diese Koinzidenz vielleicht schmunzeln. Denn Guillaume Depardieu war ein Kind, das sich beim Erwachsenwerden mehr als einmal die Flügel verbrannt hatte, ein junger Mann, der so oft abgestürzt war, dass seinem jähen Tod nun eine bittere Tragik zukommt.

          Ikarus, dessen Ende Ovid so beschrieb: „Jener schwingt die nackten Arme, und da er keinen Flugapparat mehr hat, bekommt er keine Luft zu fassen, und sein Mund, der den väterlichen Namen ruft, wird durch das blaue Wasser aufgenommen, das von ihm seinen Namen bekam.“ Wer das Buch „Im Schatten meines Vaters“ (Heyne, 2004) gelesen hat, in dem Guillaume Depardieu dem Journalisten Marc-Olivier Fogiel auf 270 Seiten freimütig Auskunft gibt, weiß, dass das Gespräch ein einziger erstickter Schrei nach dem Vater ist, dem Schauspieler Gérard Depardieu. Und dass Guillaume ein Mensch war, der ein Leben lang damit gerungen hatte, „Luft zu fassen“ zu bekommen.

          Siebzehn Operationen

          Im Original heißt das Buch „Tout donner“ – „Alles geben“, und natürlich ist ihm jener Gestus eingeschrieben, mit dem auch anderen Frühvollendeten ihr schnelles Leben zum Verhängnis wurde. Mit siebenunddreißig war er nicht mehr ganz so jung wie River Phoenix oder James Dean, und von Letzterem unterschied ihn auch der Umstand, dass Depardieu seinen schweren Unfall überlebt hat. 1996 war er mit seinem Motorrad unterwegs, als sich vom Wagen vor ihm ein Koffer löste und Depardieu in voller Fahrt erwischte. Das rechte Bein war halb abgetrennt, zwei Finger weg, Arm- und Schlüsselbeinbruch. Er wurde wieder zusammengeflickt, aber das Bein musste in den kommenden Jahren siebzehn Mal operiert werden, weil es sich infiziert hatte.

          Im Jahr 1997 mit seinem Vater Gerard in Cannes

          Er hinkte, spielte unter Schmerzen und lebte unter Schmerzen, bei denen jeder Schritt war, „als würde er in eine offene Säge laufen“. 2003 zog Guillaume Depardieu einen Schlussstrich und ließ das Bein über dem Knie amputieren. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Er beschrieb es damals als Befreiung – lieber sei er ein freier Mann auf einem Bein als weiterhin gefangen im Schmerz. Alle Versuche seiner Familie, ihn davon abzuhalten, empfand er als Zumutung. Und wenn man das Buch liest, hat man den Eindruck, dass er mit den Konsequenzen viel weniger hadert als damit, dass seine Nächsten in ihm nicht den Mann für harte Schnitte sehen wollten, den er in sich selber sah.

          Früh auf Kollisionskurs

          Guillaume Depardieu wurde 1971 in Paris geboren, als die Karriere seines Vaters noch in den Startlöchern stand. Als es dann losging, war der Vater vorwiegend abwesend, während die Mutter Elisabeth, die ebenfalls Schauspielerin war und Chansontexterin, zu Hause mit ihrem Schicksal haderte. Der Sohn ging früh auf Kollisionskurs, was einerseits die Aufmerksamkeit des Vaters herausforderte, andererseits den Vielbeschäftigten völlig überforderte – entweder drückte er sich vor den Konflikten, oder er überreagierte. Der Junge riss von zu Hause aus, nahm Drogen und prostituierte sich, übersäte seinen Körper mit Narben „wie Sid Vicious seinen Bass“ und landete mehrfach im Gefängnis – über all dies gab er 2004 detailliert Auskunft, und je schonungsloser er das tat, desto klarer wurde, dass er einfach nichts ausließ, um sich an seinem abwesenden Vater zu reiben.

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