Home
http://www.faz.net/-gs6-16svu
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Montag, 13. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Gudrun Landgrebe wird 60 Domina nach Hausfrauenart

20.06.2010 ·  Als „Flambierte Frau“ lieferte sie Starkino, aber irgendwann fiel dem deutschen Film zu ihr nicht mehr viel ein. Gudrun Landgrebe, die heute sechzig wird, bleibt eine der wenigen Schauspielerinnen, die dem deutschen Kino Sex verleihen.

Von Michael Althen
Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (0)

Die tollste Einstellung, in der alles drinsteckt, was Gudrun Landgrebes Anziehungskraft ausmacht, ist eine Kamerafahrt am Anfang der „Katze“ von Dominik Graf. Da sieht man sie im grellroten Top durch die Bungalowlandschaft einer Neubausiedlung laufen, und die Kamera hat fast Mühe, mit ihr Schritt zu halten, weil Gudrun Landgrebe mit der Entschlossenheit einer Frau durchs Vorgartengrün stöckelt, die sich dem Bürgerlichkeitseinerlei entwachsen fühlt, und zwar weil sie gerade in einem Hotel Sex mit ihrem Liebhaber hatte, während der Ehemann in der heimischen Couchgarnitur sein Elend beweinte.

Als Frau in Rot wirkt sie natürlich erst mal genauso vom Himmel gefallen wie Isabelle Adjani in „Ein mörderischer Sommer“, nur mit dem Unterschied, dass deren Allüre tatsächlich über ihr Provinzkaff hinauswies, während Gudrun Landgrebes abschätziger Blick hinter ihrer getönten Brille aufs eigene Mittelstandsmilieu nur beweist, wie sehr sie darin gefangen ist.

Lieber eine Ehe, als in den Knast

So, wie sie beim Sex mit Götz George sich selbst im Spiegel betrachtete, als wolle sie prüfen, wie gut ihr die Verruchtheit des Gaunerliebchens steht, so erzählt alles an ihr von den Ambitionen eines aufstrebenden Mittelstandes, der ja nicht nur ökonomische Ziele hat, sondern auch in sexueller Hinsicht Anschluss an die Spiele der Reichen und Schönen sucht. Aber natürlich ist schon der pure Gedanke, man könne durch Sex mit Götz George dem Hausfrauengefängnis entkommen, völlig verkehrt. Da kann sie noch so schnell mit ihrem Golf durch die Siedlung preschen und ihrem Mann noch so verächtlich die kalte Schulter zeigen, am Ende wird sie die Ehe mit ihm dann doch dem Knast vorziehen. Die drei Millionen im Kofferraum reichen ja vielleicht für ein Häuschen in besserer Lage.

Dass die Paarung George-Landgrebe damals ein im deutschen Kino seltener Fall von Starkino war, lag an der „Flambierten Frau“ von Robert van Ackeren, der tatsächlich so etwas wie französisches Kino mit deutschen Mitteln machte und dem deutschen Kino dafür aber bald darauf abhanden gekommen ist. Auch da steckt Gudrun Landgrebe erst mal in einer Ehe fest, in der ihr Mann nörgelt, wenn der Tisch für die Gäste nicht korrekt gedeckt ist, verlässt ihn dann aber mit dem denkwürdigen Zettel „Ich liebe dich nicht mehr. Kuss, Eva“, um fortan als Prostituierte zu arbeiten.

Anziehende Ungerührtheit

Da ist die fehlende Leidenschaft in ihrem Leben in eine Form gegossen, die es ihr gleichzeitig ermöglicht, den seelischen Aufwand gering zu halten. Man kann es kaum besser sagen, als es einst Georg Hensel in dieser Zeitung getan hat: „Die Domina spielt sie nach Hausfrauenart. Wenn sie lächelt, bricht ein Frühling durch, den sie hinter sich hat. Sie portioniert das honorierte Laster so gelassen, als sei sie nicht mit der Herstellung, nur mit der Verteilung einer Ware beschäftigt. Sie wäre die Richtige, die Interessen ihres Berufs in einer Talkshow zu vertreten.“

Die Ungerührtheit, mit der sie sich durch diesen Film bewegte, war in der Tat sehr anziehend und führte dann über „Annas Mutter“, „Tausend Augen“, „Heimat“ und „Oberst Redl“ zur „Katze“, aber nicht weiter, sondern ins Fernsehen. Es gab noch einen spektakulären Auftritt in „Rossini“, der in einer Wanne voll Blut im Kerzenschein endete, und einen in Oskar Roehlers „Jud Süß - Film ohne Gewissen“, der es in sich hat und beweist, dass Gudrun Landgrebe auch mit sechzig noch eine der wenigen Frauen ist, die dem deutschen Kino Sex verleihen.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Eingeführte

Von Gerhard Stadelmaier

Nachhilfe zuerst: Die „Einführung“ nämlich ist republikweit an allen Theatern das meistgespielte Stück. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde. Mehr