http://www.faz.net/-gqz-8lvqg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 29.09.2016, 22:50 Uhr

François Ozons Film „Frantz“ Diese Liebe beginnt mit einer Schusswunde

Großes französisches Kino aus Deutschland: „Frantz“ ist im ersten Weltkrieg gefallen, doch François Ozon und ein plötzlich auftauchender Fremder machen ihn für seine Verlobte wieder lebendig.

von
© dpa Pierre Niney als Adrien (l.) unterweist Anton von Lucke als Frantz.

Vor genau hundertzwanzig Jahren hatte der französische Filmregisseur Georges Méliès eine seltsame Offenbarung. Er nahm den Straßenverkehr auf einem Pariser Platz auf, als seine Kamera einen Augenblick stockte und dann weiterlief. Als er den Film belichtete, sah er, wie sich ein Omnibus umstandslos in einen Leichenwagen verwandelte. Aus männlichen Passanten wurde eine Gruppe Frauen. Méliès hatte das Stop-Motion-Verfahren entdeckt, mit dem man vor der Kamera jedes Ding durch ein anderes ersetzen kann. Es wurde zum wichtigsten Stilmittel seiner gut fünfhundert Filme.

Andreas  Kilb Folgen:

Noch wichtiger aber als der Trick, durch den Méliès zum eigentlichen Begründer des Erzählkinos wurde – seine Vorgänger, die Brüder Lumière, hatten sich auf dokumentarische Aufnahmen beschränkt –, ist die Einsicht in das Wesen des Filmischen, die daraus folgt. Vor der Kamera, das zeigt die Verschmelzung von Bus und Leichenwagen, ist alles gleich real, sei es eine Straßenszene oder ein wilder Traum. Es gibt keine klare Unterscheidung zwischen Konjunktiv und Indikativ, zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte. Spätere Filmemacher haben sich diese Erkenntnis auf ihre eigene Weise zunutze gemacht, am radikalsten vielleicht Akira Kurosawa in „Rashomon“, wo die Geschichte eines Raubmords aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt wird, ohne dass man am Ende wüsste, welche die wahre und richtige ist. Im Kino, das haben die letzten hundertzwanzig Jahre bewiesen, ist nur eines wahr: alles, was wir dafür halten.

François Ozons neuer Film „Frantz“ beginnt mit dem Schwarzweißbild einer Stadtsilhouette. Darunter steht „Quedlinburg, 1919“. Man sieht Marktstände, eine Kapelle spielt „Die Wacht am Rhein“, eine junge Frau, von zwei Kriegsversehrten gierig beäugt, läuft zum Kirchhof. Auf dem Grab, das sie pflegt, liegt ein Strauß weißer Margeriten. Er ist nicht von ihr. „Muss der Fremde gewesen sein“, sagt der Friedhofsdiener. Auf die Frage der Frau, ob er etwas über den Mann wisse, holt er eine Zwei-Francs-Münze aus der Tasche und spuckt verächtlich aus.

Der Meister der Halbwahrheiten

Quedlinburg, 1919. Anna (Paula Beer) lebt bei ihren Pflegeeltern, deren Sohn Frantz, Annas Verlobter, im letzten Kriegsjahr gefallen ist. Die Aura der Trauer, die sie umgibt, ist mit Händen zu greifen, und sie wird noch dichter, als ein Verehrer, ebenfalls Kriegsveteran, ihr einen Heiratsantrag macht: „Mit mir werden Sie Frantz vergessen.“ – „Ich will ihn aber nicht vergessen.“ Doch dann kündigt der Fremde vom Friedhof seinen Besuch im Haus der Hoffmeisters an. Er ist Franzose, er heißt Adrien, und er hat Frantz gekannt. „War es in Paris, vor dem Krieg?“, fragt seine Mutter, die neben Anna am Sofatisch sitzt. Dann bittet sie: „Erzählen Sie uns von ihm.“ Und Adrien fängt an zu erzählen, das Schwarzweißbild wird farbig, und eine Geschichte beginnt, an der alles stimmt, außer dass sie nicht wahr ist.

© X-Verleih Kinotrailer: „Frantz“

François Ozon ist ein Meister solcher Halbwahrheiten. In „Swimming Pool“ hat er sich ausgemalt, was passiert, wenn eine Krimiautorin ihre Mord- und Sexphantasien mit in die Ferien nimmt. In „Eine neue Freundin“ hat er von einem Ehemann erzählt, der in die Kleider seiner verstorbenen Frau schlüpft und zur Geliebten ihrer besten Freundin wird. In „Tropfen auf heiße Steine“, dem Film, mit dem er in Deutschland bekannt wurde, hat er ein frühes Theaterstück von Fassbinder in ein Musical verwandelt. Die Realität steht immer auf der Kippe bei Ozon, sie ist etwas, das ständig neu verhandelt wird, in den Bildern und in den Vorstellungen, die wir mit ihnen verbinden. In „Frantz“ beispielsweise sehen wir zwei junge Männer durch den Louvre laufen und in einer Tanzkneipe Bier trinken, und wir glauben, dass dies Frantz und Adrien sind, die sich vor dem Krieg in Paris vergnügen. Und Anna und ihre Pflegeeltern glauben es auch, sie sehen Dinge vor sich, die Adrien ihnen gar nicht erzählt hat, und dann laufen Adrien und Anna über die Felsklippen am Harzrand zu einem See, und sie sieht die zarten Narben auf seinem schlanken Körper und hofft, dass er in ihrem Leben den Platz des Toten einnehmen wird.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
Glosse

Kollegah

Von Thomas Thiel

Wer Hip-Hop nicht mag, soll seine Stimme erheben. Da steigen wir doch gern in den Ring. Mehr 0