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Grimme-Preis Manche Wege führen nach Marl

16.03.2004 ·  Bernd das Brot, Lengede und Schleyer als Gegenprogramm: Der Grimme-Preis prämiert, was dem Deutschen Fernsehpreis fehlt.

Von Michael Hanfeld
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Lutz Hachmeister kehrt zurück. Der einstige Chef des Grimme-Instituts bekommt den Preis, bei dessen Vergabe er seinerzeit in den berüchtigten Jurydebatten heftig mitmischte, im Jahr von dessen vierzigstem Bestehen für seine Dokumentation "Schleyer. Eine deutsche Geschichte". Er bekommt den Preis nicht nur einfach so, sondern auch noch mit einer Extrabelobigung, die etwas antiquierte Grimme-Bezeichnung nennt es den Grimme-Preis "mit Gold".

Mit ebendieser Auszeichnung dürfen sich auch der Regisseur Stefan Krohmer und der Autor Daniel Nocke für den Film "Familienkreise" schmücken. "Das Wunder von Lengede", das bei Sat.1 lief, geht ebenfalls nicht leer aus, Hartmut Schoen bekommt einen Preis für "Zuckerbrot", "Leben wäre schön" mit Dagmar Manzel wird ausgezeichnet und im Unterhaltungsgewerbe ausnahmsweise einmal nicht Harald Schmidt, sondern Wigald Boning, das Stehaufrumpelstilzchen unter den deutschen Fernsehkomödianten. Und daß "Bernd das Brot" im Kinderkanal als Pausenclown vom Dienst unübertroffen ist, das haben die Jurys in Marl sogar auch noch erkannt.

Sie haben generell nicht viel falsch gemacht, sondern vielmehr vor allem bei den Preisen für den Fernsehfilm ganz richtig und geschickt die Lücke geschlossen, die der große Konkurrent "Deutscher Fernsehpreis", der gemeinsam von den großen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern ausgelobt wird, zuletzt gerissen hat. Dort, im Coloneum zu Köln, wurde nämlich im letzten Jahr vieles prämiert, was allein ob seiner perfekten Bedienung des Mainstreams und der dahintersteckenden Marktmacht zu beeindrucken weiß. Enstprechend reich war der Preisregen für den Sender RTL. Der Grimme-Preis aber geht an "Deutschland sucht den Superstar" & Co. achtlos vorüber, und das nicht ohne Grund, ist er doch der Suche nach dem außergewöhnlichen und außergewöhnlich qualitätvollen Fernsehen gewidmet. Da ist für Eiertänze und Madenmenüs im Dschungelcamp kein Platz.

Sadismus der Experten

Am bemerkenswertesten beim Grimme-Preis 2004 ist jedoch der Hauptgewinner Lutz Hachmeister. In der Branche ein bunter Hund, ein Zampano mit Hang zum bedeutsamen Auftritt, ist er ebenso umtriebig wie - vor allem zu seinen eigenen Grimme-Zeiten - polarisierungsfähig und hat sich über die Jahre sowohl als Festivalmacher wie als Dokumentarfilmer einen immer besseren Namen gemacht. Die "Cologne Conference", die im Frühsommer parallel zum "Medienforum NRW" läuft, ist seine Erfindung. Sie hat mit ihrer stets interessanten Auswahl internationaler Spitzenproduktionen zwar immer wieder die Frage aufgeworfen, wer da eigentlich warum ausgerechnet was auswählt, um es dem hiesigen Fachpublikum quasi in Vorpremiere zu zeigen. Inhaltlich aber hat diese Schau in zunehmendem Maße überzeugt. Und heute, da sich Hachmeister als Veranstalter in die zweite Reihe zurückgezogen hat, ist sie der interessanteste Teil eines ansonsten ziemlich überfrachteten Branchentreffs, was auch die Sender gemerkt haben, die einige ihrer ambitioniertesten Stücke inzwischen dort vorstellen. Als Hachmeister vor Jahren die Cologne Conference aufzog, waren sie ihm aber ausgerechnet und auch nicht ganz ohne Grund beim Grimme-Institut gram. Dort wurde die Konferenz von Köln als Kampfansage von jemandem verstanden, der sechs Jahre lang (von 1989 bis 1995) selbst Leiter des Instituts war und dem es dank seines ausgeprägten Selbstbewußtseins nie leichtfiel, sich mit dem kommuneartigen Gesamturteilbildungsprozeß abzufinden, an dessen Ende bei Grimme immer wieder mal ein Fernsehen ausgezeichnet wurde, das weniger gut gemacht, aber dafür vor allem gut gemeint war.

Das aber ist Hachmeisters Schleyer-Film mitnichten. Er schildert geradezu kühl bis ans Herz die Biographie des ermordeten ehemaligen Präsidenten des Arbeitsgeberverbands, seziert aber zugleich wie wenige vor ihm die noch immer vitale Lebenslüge eines Teils der Achtundsechzigergeneration und der Sympathisanten der Rote Armee Fraktion, die wie alte Frontkämpfer von einem "Kampf" gegen ein System schwärmen können, das sie längst aufgesogen hat, und dabei gar keinen Blick für die Opfer haben, die der Terrorismus gefordert hat. Mit dieser Arbeit hat Hachmeister sein dokumentarisches Meisterstück abgeliefert. Seine großen Reisereportagen über mondäne Orte dieser Welt im ZDF erscheinen da als vorbereitende Fingerübung. Er erscheint als Filmemacher auch viel souveräner denn als einer der üblichen "Medienexperten", die auf Knopfdruck zu allem ein Statement absondern, was sich auf dem Bildschirm und dahinter bewegt. Chef der Jury des Deutschen Fernsehpreises war Hachmeister selbstredend auch schon - er gab diese Aufgabe aber im vorletzten Jahr ab, also vor der heftig kritisierten Gesamtauswahl 2003. Daß Hachmeisters Film bei Grimme auffällt, ist aber nicht nur aufgrund der Vorgeschichte des Autors bemerkenswert, sondern auch mit Blick auf den Umstand, daß das immer noch verklärte Erbe der RAF eines der in den Grimme-Jurys für gewöhnlich heißdiskutiertesten Themen überhaupt ist. Was manche Älteren nämlich um liebgewordener Lebenslügen willen verklären, erscheint jüngeren als popart-fähige Episode der Geschichte, die sich mit dem Mitteln des Actionsfilms ausreichend inszenieren läßt. Hachmeister aber zeigt die Brüche des Hanns-Martin Schleyer als auch den ideologisch verbrämten Sadismus seiner Entführer und Mörder. Ihre Tat, hieß es in der Kritik dieser Zeitung, erscheine durch Hachmeisters Film als "Zivilisationsbruch eigener Art". Dessen weltweite Fortsetzung haben wir gewissermaßen mit dem Massaker von Madrid vor wenigen Tagen bezeugt.

Mist!

So souverän sich die Jurys des zuletzt mit einem immer engeren Budget wirtschaftenden Grimme-Instituts mit den Fernsehfilmen zu beschäftigen wissen - sie haben dort bei keinem Preis wirklich danebengegriffen -, so blind sind sie bei den Serien. Eine neue Qualitätsserie wie etwa "Der Elefant" muß wahrscheinlich bei Sat.1 erst ein paar Jahre laufen, bis in Marl jemand was merkt.

Daß der Grimme-Preis 2004 nicht nur im schweren Programm, sondern dieses Mal auch am anderen Ende der Preisskala eine originelle Auswahl trifft, ist nicht minder erstaunlich und spricht für das mühselige, wenn die Richtigen beisammen sind, ins Kafkaeske driftende Verfahren, bei dem zuerst verschiedene Vorauswahljurys drei Wochen lang alles weggucken, was der Jahrgang zu bieten hat, bevor die Abschlußjurys in den Kategorien "Information und Kultur", "Fiktion und Unterhaltung" sowie "Spezial" zur Endabnahme schreiten. Da gab es für die ganz Eingeweihten zwischenzeitlich auf der Metaebene sogar noch eine lange Debatte über die Kategorien, in denen der Grimme-Preis verliehen werden sollte, als der Deutsche Fernsehpreis die Zeichen der Zeit erkannt und die frischeren Formate der Marke Comedy & Co. sämtlich prämiert hatte. Doch nun scheint der nach wie vor von Ulrich Spies, dem wandelnden Programmgedächtnis des deutschen Fernsehens, betreute Grimme-Preis - wenn wir dies von der Auswahl ableiten und nicht vergessen wollen, daß es inzwischen auch den Grimme-Online Award gibt - wieder Tritt gefaßt zu haben.

Wigald Boning gebührt allein deshalb ein Preis, weil er in der Kurzlebig- und Bindungslosigkeit des Unterhaltungsfernsehens in seinen Fabelverkleidungen ein stupendes Beharrungsvermögen beweist, das die Reflexkurven der Unterhaltungsplaner austariert. Er ist einer der bewundernswerten Überlebenskünstler in einem scheinbar so heiteren, in Wahrheit aber gnadenlosen Zweig des Fernsehgeschäfts.

Bliebe noch "Bernd das Brot". Wer diese von Tommy Krappweis ersonnene Figur sehen will, der muß "Chili TV" sehen oder abends um neun Uhr den Kinderkanal einschalten. Wenn dort nämlich das Tagesprogramm endet, beginnt in Endlosschleife das Zwölfminutensolo von Bernd dem Brot, von dem wir wetten, daß es in Sauerteig gebacken ist. Er vermag mit seiner Leidensmiene das eigentliche Zielpublikum des Kinderkanals zu unterhalten wie die etwas Älteren, die auch davor sitzen. Bernd das Brot bereitet uns gewissermaßen die "Samstag Nacht" (wo Tommy Krappweis lange dabei war) des Kinderkanals und trägt nicht wenig dazu bei, daß der Durchschnittszuschauer des Kika längst volljährig ist. Diese Figur ist ihre eigene "Muppet-Show" und das originelleste Maskottchen des an exaltierten Charakteren durchaus reichen Kika. Sein Lieblingswort ist übrigens - jedesmal mit Luftholen ausgesprochen und durchaus als Bemerkung zu den Zeitläuften an sich gemeint - "Mist!" Dem ist nichts hinzuzufügen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.03.2004, Nr. 65 / Seite 40
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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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