20.10.2004 · Die schwedische Gratiszeitungskette „Metro“ breitet sich immer weiter aus: In sechzehn Ländern erreicht sie täglich 14,5 Millionen Leser. Der „McDonald's der Zeitungen“ lehrt die Konkurrenz das Fürchten.
Von Robert von Lucius, KopenhagenDie schwedische Gratiszeitungskette "Metro" wird an diesem Mittwoch wieder einmal in die Offensive gehen. Mit Lokalausgaben in elf mittelgroßen schwedischen Städten von Uppsala über Borås bis Trollhättan wird sie die Regionalzeitungen angreifen, die man nicht umsonst bekommt. Ihrem Ziel, im Ursprungsland Gratiszeitungen überall abzuwerfen, kommt "Metro" damit ein großes Stück näher.
"Weltweit" verbreitet ist Metro schon - fast: Der Verlag beansprucht für sich, der größte Zeitungskonzern der Welt für Gratiszeitungen zu sein, die nach Auflage viertgrößte Zeitungsgruppe der Welt, die auflagenstärkste Zeitung außerhalb Japans und die am schnellsten wachsende herauszugeben. Metro druckt etwa fünf Millionen Zeitungen täglich in 38 Ausgaben, hundert Städten und sechzehn Ländern von New York bis Prag, von Hongkong bis Mailand, für 14,5 Millionen Leser täglich.
Rußland als weißer Fleck
Der deutsche Markt ist einer der wenigen, von denen sich Metro bisher fernhielt. Nach eigenem Bekunden ist die Bundesrepublik neben Rußland der "letzte große weiße Fleck auf der europäischen Landkarte", obwohl es vor einigen Jahren einen früh abgebrochenen Ansatz in Berlin gab. Deutschland sei schwierig, sagte der Geschäftsführer von Metro International, Pelle Törnberg, in einem seiner seltenen Zeitungsgespräche in New York. Die Rivalen dort seien "junge und hungrige Eignerfamilien", seine Gruppe ziele aber auf "Verleger in der fünften Generation", die sich aufs Golfspielen spezialisierten. Deutschland sei "absolut interessant", aber auch auf China habe Metro "großen Appetit".
Mit seiner spärlichen Auskunftsfreude setzt der Konzern die Tradition seines vor gut zwei Jahren verstorbenen Gründers Jan Stenbeck fort, der als "schwedischer Medienzar" seinem Heimatland durch Beharrlichkeit das Privatfernsehen gegen den Willen der Regierung brachte. Besonders bei seinen Plänen pflege der Konzern eine "KGB-Philosophie" der Geheimhaltung, sagt Metro-Mann Törnberg selbst; bei Gewinnzahlen ist diese Tradition seit der Börsennotierung jedoch vorbei. Als Stenbeck vor zwei Jahren unerwartet starb, hinterließ er einen verwinkelten und schwer überschaubaren, teils hochverschuldeten Konzern. Seinen Geschäftsführern und seiner Tochter Cristina Stenbeck gelang es aber, den Konzern - zu ihm gehört nicht zuletzt der Mobilfunkanbieter Tele2 - schlanker und zugänglicher zu machen und mit Metro und Tele2 weiter zu expandieren.
Eine Million Leser in der U-Bahn
In Stockholm erschien im Februar 1995 das erste Gratisblatt, das mittlerweile mehr als eine Million Leser hat, obwohl in den Vorortzügen und U-Bahnen von Stockholm, dem Hauptmarkt von Metro, inzwischen zwei weitere Gratiszeitungen verteilt werden. Sie richten sich an den schnellen Leser, der auf der Fahrt zur Arbeit oder zurück sich rasch informieren will. Dabei mögen Hintergrund und Tiefe fehlen, die Zeitung im Tabloidformat bietet aber vieles von Politik und Sport über Lokalkolorit bis zu den Fernsehprogrammen und einem Überblick über das Kulturangebot, bisweilen auch Themen, die weder in den beiden nationalen Zeitungen noch den Blättern für eher an Sensationellem interessierte Leser zu finden sind.
Metro beschäftigt international etwa fünfhundert Journalisten, "mehr als CNN", sagt Törnberg. Sie stützen ihre Arbeit vorwiegend auf Nachrichtenagenturen, kaum eigene Recherchen. Da "Bezahlzeitungen" Journalisten entließen und wie die schwedische "Dagens Nyheter" ihre Ansprüche senkten, glichen sich "Bezahlzeitungen" und Gratiszeitungen im Anspruch an, entgegnet Törnberg auf Kritik an fehlendem Anspruch.
Fünfzehn Großstädte in fünf Jahren
Ins Ausland zog Metro erstmals im Juni 1997 mit einer Ausgabe in Prag. Schlag auf Schlag folgten innerhalb von knapp fünf Jahren fünfzehn europäische Großstädte von Athen bis Madrid, Rom bis Warschau. Allein in den ersten zwei, drei Jahren wird das Risikokapital, so wird geschätzt, für den Start und die internationale Expansion bei zweihundert Millionen Euro gelegen haben. Im Juni 2000 erschien in Toronto die erste Ausgabe auf dem amerikanischen Kontinent, der rasch fünf weitere folgten, von Boston bis Santiago, und im Mai in New York.
Seitdem sieht sich Metro als siebtgrößte Zeitungsgruppe der Vereinigten Staaten, wo sie "ohne Eile" weiter expandieren will. Schon am ersten Erscheinungstag in New York warben "aus nordischer Solidarität" Gruppen wie die Bekleidungskette H&M und die dänische Elektronikgruppe Bang & Olufsen, die sonst in amerikanischen Zeitungen nicht beständig werben. Einen eher schwachen Anzeigenmarkt sieht Metro als für sich vorteilhaft, weil Werbeträger dann zu ungewohnten Wegen bereit seien.
McDonald's der Zeitungen
Auf 26 von 35 Märkten hat Metro Konkurrenz von anderen Gratiszeitungen. In diesen habe der Konzern meist rascher die Gewinnschwelle erreicht, behauptet er, als an Orten ohne Rivalen. Metro zielt auf drei Jahre Anlaufzeit bis zu Gewinnen, erreicht sein Ziel bisweilen aber auch früher. Als Vertriebsweg setzt Metro meist auf den Nahverkehr. Wenn Vereinbarungen mit den Bahn- oder Busbetreibern sich als schwierig erweisen, werden die Zeitungen auf der Straße verteilt oder an Ständen.
Bei der Provinzausgabe in Schweden setzt Metro auf Schulen und Fachhochschulen sowie auf die Hausverteilung. Dort dürfte Metro bisher behäbige Regionalzeitungen wirtschaftlich gefährden, wiewohl sie bei ihren Anzeigen eher auf nationale Kunden zielt denn auf den örtlichen Großhändler; und die Zeitung, so der Verlag, brauche "nur einen kleinen Anteil" des Anzeigenaufkommens, um gewinnträchtig zu sein.
Nicht immer verlief die Neueinführung ohne Widerstände. Nicht immer fand sich die passende Druckerei, nicht gleich wanderten die Gratisblätter in die Untersuchungen zu den Leserreichweiten. In Frankreich war der Widerstand am stärksten, wo vor allem Gewerkschaften wochenlang gewaltsam protestierten und den Vertrieb behinderten. Gelegentlich wählt die Gruppe auch beim Eigentum andere Wege. In Seoul vergab sie die Namensrechte in Lizenz an einen südkoreanischen Verleger: ein Modell für andere Länder Asiens, Afrikas und Osteuropas, in denen der Eigentumserwerb durch Ausländer Schranken unterliegt. Langfristig will Metro "der McDonald's der Zeitungen" werden.
Spezialgratisblätter für Hausbesitzer
Die zur schwedischen Holding Kinnevik gehörende Metro International S.A. hat ihre Sitze formell in Luxemburg und London. Sie wird an der Börse in Stockholm seit August 2000 notiert; seither sank der Aktienkurs um achtzig Prozent, in den letzten Monaten lag er stabil. Im Vorjahr wuchs der Umsatz um 43 Prozent auf 166 Millionen Euro bei einem Betriebsverlust von 10,1 Millionen Euro, im ersten Halbjahr 2004 lag der Umsatz bei 123 Millionen Euro. 31 Prozent des Umsatzes erzielt Metro in Schweden, wo es sogar Spezialgratiszeitungen etwa für Hausbesitzer gibt, 54 Prozent im übrigen Europa und je etwa sieben Prozent in den Vereinigten Staaten und der übrigen Welt.
In neun von sechzehn Ländern erreicht Metro eine Gewinnmarge von mehr als zehn Prozent, elf der 16 Märkte brachten im letzten Berichtsquartal Gewinn. An diesem Mittwoch legt Metro International seine Zahlen vor für das dritte Berichtsquartal, nachdem das zweite Quartal auch das zweite seit der Börsennotierung mit einem schmalen Gewinn war. Verlage, die Geld für ihre Zeitungen und journalistischen Produkte nehmen, sehen es mit Schrecken.
Robert von Lucius Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.
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