03.02.2006 · Die Selbstzensur von Google in China ruft unter den chinesischen Internetnutzern verblüffend wenig Empörung hervor. Eine Hoffnung auf den Westen und seine Ideale scheint es gar nicht mehr zu geben.
Von Mark Siemons, PekingDie Entscheidung von Google, eine den Zensurbestimmungen Pekings unterworfene Suchmaschine mit chinesischer Adresse einzurichten, hat im chinesischen Internet merkwürdigerweise eine geringere Empörung hervorgerufen als im Westen.
Während jetzt Google, Microsoft und Yahoo angesichts der öffentlichen Kritik die Flucht nach vorn antreten und von der amerikanischen Regierung verlangen, bessere Rahmenbedingungen für ihre Geschäfte auszuhandeln, bleibt in China auch unter sonst durchaus angriffslustigen Bloggern die Reaktion verhalten. Der erste Grund dafür ist pragmatischer Natur: Wenn es darauf ankommt, sind sie auf google.cn gar nicht angewiesen - wenigstens bis jetzt nicht.
Ein Platz im Sonnenlicht
Zwar taucht dort bei bestimmten Anfragen, die geeignet sind, die „soziale Stabilität“ zu gefährden, wie es in der Amtssprache so schön heißt, der Hinweis auf: „Um die örtlichen Gesetze, Regeln und politischen Bestimmungen zu erfüllen, werden einige Suchergebnisse nicht angezeigt.“ Aber auch in China kann man nach wie vor zur internationalen Google.com-Seite ausweichen, wo alle gewünschten Resultate erscheinen. Eine Fotoanfrage nach „Tiananmen“ fördert zum Beispiel bei google.cn lauter Postkartenansichten eines Platzes im Sonnenlicht zutage. Bei google.com dagegen stößt man als erstes auf die Panzer, die 1989 den Platz besetzten. Und selbst bei google.cn kann man, wie findige Blogger herausgefunden haben, die Panzer sehen - wenn man nämlich „Tiananmen“ falsch schreibt; die Suchmaschine korrigiert automatisch und leitet zu der vollständigen Seite über.
Ein zweiter Grund für die mangelnde Aufregung ist indessen irritierender. Er besteht darin, daß manche schon gar nichts anderes mehr erwarten. Ein Internet-Autor namens Chiu Yung aus dem Süden Chinas findet das Verhalten von Google völlig unüberraschend. Das Unternehmen habe nichts anderes getan als alle westlichen Unternehmen, die im Ausland Geld verdienen wollen: Sie halten sich an die Gesetze des Landes, die allerdings im Falle Chinas identisch sind mit dem Willen der Regierung. Deshalb sei es ganz logisch, daß Google der amerikanischen Regierung widersteht (wenn diese etwa statistische Informationen verlangt), der chinesischen aber nicht - in Amerika sei es eben vom Gesetz gedeckt, der Regierung zu widersprechen, in China aber nicht.
Moralische Standards verändert
Von dieser nüchternen Einsicht leitet Chiu Yung zu einer Sentenz über, deren Sarkasmus eines Lu Xun würdig wäre: „In einem schwachen China unterwirft sich die Regierung den Ausländern, bevor sie unser Volk verfolgt; in einem starken China unterwerfen sich die Ausländer unserer Regierung, bevor sie unser Volk verfolgen.“ Und er schließt mit der abgründig ungerührten Bemerkung: „China verändert mit seinen billigen Waren nicht nur den Lebensstil im Westen; es nutzt seinen gewaltigen Markt auch dazu, die moralischen Standards des Westens zu verändern.“
Was an diesem chinesischen Kommentar so beunruhigt, ist die Erwartungslosigkeit, mit der das, was passiert, als eine Art materialistisches Naturgesetz hingenommen wird, das von „moralischen Standards“ gar nicht erreichbar ist. Alles erscheint eingebunden in die gleichen Wirkkräfte von Macht, Geld und Gewalt, und das einzig Neue ist, daß dies nun auch der Westen entdeckt, der sich bislang eingeredet hat, seine Prinzipien enthöben ihn den Mächten dieser Welt. Eine bestimmte Hoffnung auf den Westen und seine Ideale scheint es gar nicht mehr zu geben. Die Zeiten, da protestierende Studenten ein Duplikat der Freiheitsstatue auf den Platz des Himmlischen Friedens stellten, sind lange vorbei. „Was geht mich Google an?“ zitiert ein Hongkonger Blog Festlandchinesen: „Ich benutze sowieso Baidu (die chinesische Suchmaschine).“
Ideale als Illusion
Sollte dies also tatsächlich der Beitrag Chinas zur Fortentwicklung des modernen Bewußtseins sein: daß der Westen seine Ideale, wenn es hart auf hart kommt, als schöne Illusion erkennt? Daß die autoritär gestützte Marktwirtschaft die Bürgerrechte verschlingt? In Wirklichkeit deutet nichts darauf hin. Das Internet, mag es auch noch so kapitalistisch betrieben und staatlich kontrolliert werden, hat die Informations- und Ausdrucksmöglichkeiten in China erheblich erweitert. Auch gesperrte Texte sind über die Cache-Abteilung noch lange erhältlich und können über E-Mail auf andere Seiten und Blogs verstreut werden, die sich schwerlich alle kontrollieren lassen. Vielleicht vollzieht sich zur Zeit nur ein weiterer Universalisierungsschub jener Prinzipien, die theoretisch zwar immer schon als allgemeingültig galten, faktisch aber häufig doch dem Westen als dessen privilegierter Besitz zugeschrieben wurden.
Derselbe Autor, der da so ernüchtert über „die Ausländer“ schreibt, nimmt Rechte wie die auf freie Meinungsäußerung und Informationsbeschaffung wie selbstverständlich für sich in Anspruch; er identifiziert sie bloß nicht mehr exklusiv mit „dem Westen“, sondern sieht sie in einem betont nationalen Zusammenhang mit dessen spezifischen Widerständen und Möglichkeiten. Chinesische Intellektuelle schwanken angesichts des Westens seit hundert Jahren zwischen Begeisterung und Enttäuschung, Anlehnung und Trotz, und offenbar hat auch die Globalisierung mit ihrem unvergleichlich dichteren Informationsaustausch dieses Wechselspiel nicht beendet, bei dem „China“ der entscheidende Fluchtpunkt bleibt.
Man kann sich wünschen, daß die Verbitterung nicht von Dauer ist. Aber die Moderne verschwindet deswegen nicht, es scheint eher so, als würde sie auf einer sehr praktischen Ebene ein weiteres Mal erfunden, in einer anderen historischen Konstellation und unter anderen kulturellen Bedingungen als beim ersten Mal.
So gut!
Stefanie Neubert (contactsteff)
- 04.02.2006, 19:12 Uhr
China ueber alles!
Thorsten Pattberg (PhillipPaux)
- 05.02.2006, 11:34 Uhr