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„Gomorrha“-Regisseur Garrone im Interview Ich zeige nur, wie ein Leben in Angst funktioniert

12.09.2008 ·  Sein Film „Gomorrha“ erzählt aus dem Innenleben der neapolitanischen Mafia. „Es ist schon wahr, mein Film hat überhaupt keinen Glamour“, sagt Matteo Garrone im Interview. Er sollte sich von den Mafiafilmen unterscheiden, die wir kennen.

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In seinem Film „Gomorrha“ erzählt Matteo Garrone aus dem Innenleben der neapolitanischen Mafia. Bewusst lehnt er allen Glamour ab, wie wir ihn aus Mafiafilmen kennen, und registriert kalt, was er sah.

Herr Garrone, seit Roberto Saviano sein Buch „Gomorrha“ veröffentlicht hat, lebt er unter Polizeischutz. Sie haben das Buch verfilmt. Leben Sie auch gefährlich?

Nein, gar nicht. Im Gegensatz zu Roberto Saviano habe ich auch nicht vorgehabt, mit meinem Film Anklage zu erheben. „Gomorrha“ ist auch keine journalistische Arbeit, die Namen und Adressen nennt. Mir ging es eher um die Konflikte, mit denen die Figuren leben, und darum, über die Menschen und die Camorra aus dem Inneren heraus zu erzählen. Wahrscheinlich habe ich deswegen keine Probleme gehabt. Außerdem glaube ich, dass die Probleme, die Saviano hat, eher mit seinen Stellungnahmen nach der Veröffentlichung des Buchs zu tun haben, in denen er sich gegen die lokal ansässigen Camorra-Bosse gestellt hat, als mit dem Buch selbst. Ich habe Saviano gesagt, als ich anfing, mit ihm am Drehbuch zu arbeiten, dass ich einen umgekehrten Weg im Film gehen will als er im Buch. Es sollte kein Anklage- oder Untersuchungsfilm werden - ein Film über, nicht gegen die Camorra, so dass jeder, der die Bilder dann sieht, sie auf seine Art verstehen und jeder auch seine eigenen Schlussfolgerungen ziehen kann.

Aber das Leben, das wir sehen, ist ja extrem korrumpiert von der Camorra und auch von extremer Grausamkeit. Für jeden Einzelnen. Und wir bekommen doch sehr deutlich gezeigt, dass das System der Camorra weit über die Leben dieser Einzelnen hinausreicht und global wirksam ist. Oder gibt es aus diesem System ein Entkommen?

Das ist vielleicht ein grundlegendes Missverständnis. Ich will nicht das Rationale hier, nicht das Argument oder die Information, sondern ich will das Emotionale, die Gefühlswelt der Figuren zeigen. Ich möchte Konflikte zeigen, wie ich sie dort wahrgenommen habe, die zum Teil auch sehr brutal sind, ohne Hoffnung. Und dabei meine eigenen Erfahrungen einbringen.

Sie haben den Film an Originalschauplätzen gedreht. Was sind denn Ihre Erfahrungen mit der neapolitanischen Mafia?

Wenn ich einen Film schreibe - in diesem Fall waren wir sechs -, gehe ich an den Ort, an dem die Geschichte spielt, recherchiere, überprüfe, was ich geschrieben habe, immer wieder neu. Und treffe dabei natürlich Leute, Menschen, die dort leben. Das Drehen des Films war dann ein ständiger Test: Kommt da eine Reaktion oder nicht von den Leuten dort? Hinter unseren Monitoren saß immer eine Gruppe von Anwohnern, manchmal dreißig, manchmal fünfzig. Die redeten über ihre eigenen Erfahrungen, gaben ihre Kommentare ab. Und weil wir so nah dran waren und die Wirklichkeit immer wieder in den Film geholt haben, entsteht der Eindruck des Dokumentarischen. Tatsächlich haben wir alles gestellt, alles aufgebaut.

Es ist ja offensichtlich, dass Sie den Film ganz bewusst gegen alle Genre-Erwartungen an einen Mafiafilm gedreht haben. Gleichzeitig führen Sie zwei Jugendliche ein, die sich ihr Vokabular, ihre Gestik, ihre Vorstellungen aus Mafiafilmen geholt haben, eine gefährliche Sache, wie sich zeigt. Ist das ein erzählerisches Konzept - der Film im dokumentarischen Duktus gedreht, zwei zentrale Figuren, die sich nach Kinovorbildern modellieren -, oder haben Sie die beiden so angetroffen?

Es ist schon wahr, mein Film hat überhaupt keinen Glamour. Dabei bewundere ich die Regisseure großer, glamouröser Mafiafilme sehr, Coppola und Scorsese vor allem. Aber sie geben eben auch ein Modell vor, wie für die beiden Jungen in meinem Film. Das Kino ist oft das Vorbild, an dem sich das organisierte Verbrechen orientiert: in der Gestaltung der Häuser, dem Geschmack, der Kleidung. Erinnern Sie sich an die Villa, die ich am Anfang zeige? Das ist tatsächlich die Villa eines Mafiabosses, der seinem Architekten die „Scarface“-Kassette in die Hand gedrückt und gesagt hat: So will ich das haben. Da sind wir wieder beim Thema - was ist hier eigentlich fiktiv? Die beiden Jungen in meinem Film benehmen sich so, als würden sie in einem Film mitspielen, bis sie merken, dass das ja ihr Leben ist, mit allen Konsequenzen.

Wir sehen in Ihrem Film den Kapitalismus in Reinform, ohne Regularien, als reines Profitprinzip. Ökonomie wird bei Ihnen sehr konkret, Globalisierung auch, das heißt, Sie bringen etwas, das für die meisten immer abstrakt bleibt, auf eine sehr handgreifliche Ebene.

Das ist natürlich auch ein zentraler Aspekt des Buches: dass man die wirtschaftlichen Verzweigungen sehen konnte und begriffen hat, dass es sich bei den Aktivitäten der Camorra nicht um ein lokales oder regionales Problem handelt.

Sie mussten sich für „Gomorrha“ auf ein paar Episoden aus Roberto Savianos Buch beschränken. Wie haben Sie die ausgewählt?

Jeder Erzählstrang steht für etwas - die Auseinandersetzung der Clans zum Bespiel für ein Leben in ständiger Angst zu sterben. Mit der Geschichte des Schneiders wiederum erzählen wir von der Ausbeutung der Arbeiter, mit der Episode über die illegale Giftmüllentsorgung von der Umwelt.

Wie hat sich denn Ihr Leben durch den Kontakt zur Mafia verändert?

Natürlich verändert das einen. Wenn wir jetzt hier sitzen, ist es kaum vorstellbar, dass zweihundert Kilometer südlich ein Krieg stattfindet (das Gespräch fand in Rom statt, Anm. d. Red.). Ich habe ein halbes Jahr in diesem Krieg gelebt, mit diesen Menschen, das heißt, ich habe die Soldaten kennengelernt, ihre Familien, ich habe die Überlebenden der Kämpfe getroffen. Natürlich hat mich das verändert, und ich möchte, dass der Zuschauer das auf der Leinwand miterleben kann. Mein Film ist eine subjektive Erzählung aus dieser Realität, und das war der wichtigste Aspekt für mich bei „Gomorrha“.

Ihr Film wurde in Cannes positiv aufgenommen und war dann in Italien sehr erfolgreich. Ähnliches gilt für „Il Divo“ von Paolo Sorrentino. Beim Festival in Venedig gab es in diesem Jahr mehr italienische Filme als seit langer Zeit. Ist was dran an den Gerüchten über eine Neue Welle, eine neue Blüte im italienischen Film?

Ich gehe fast nie ins Kino, ich kenne die Situation in Italien nicht besonders gut. Aber ich habe den Eindruck, dass schon mit einer großen Leichtfertigkeit von einer Wiederbelebung, einer Wiedergeburt des italienischen Films gesprochen wird. Paolo Sorrentino und ich hatten das Glück, gemeinsam in Cannes diese schöne Erfahrung zu machen, aber eine neue Welle ist das deshalb noch nicht.

Wenn in eine nationale Kinematographie Bewegung kommt, hat das ja meistens auch mit veränderten Produktionsbedingungen zu tun. Plötzlich gibt es beispielsweise von irgendwoher Geld, wo vorher keines war. Kann man zurzeit in Italien als Regisseur besser arbeiten als vor ein paar Jahren?

Das weiß ich alles nicht. Ich bin Autodidakt und habe meine Filme immer selbst produziert. Um Finanzierungen habe ich mich nie gekümmert, ich weiß gar nicht, wie man das macht. Ich habe immer versucht, meine Unabhängigkeit zu behalten, ohne Geld vom Fernsehen oder aus irgendwelchen Fonds. Gerade habe ich mir eine 16-mm-Kamera gekauft, mit der ich jetzt wieder Filme machen will wie ganz am Anfang.

Das Gespräch führte Verena Lueken.

Quelle: F.A.Z.
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