07.09.2008 · Rourke, Aronofsky und die anderen: Die Amerikaner haben, allen Klagen über ihre Übermacht zum Trotz, das Filmfestival von Venedig gerettet. Zusammen mit zwei wunderbaren Damen aus Frankreich, die außer Konkurrenz angetreten waren.
Von Michael Althen, VenedigDie Jurys scheinen sich verschworen zu haben, Filmkritiker zu bestrafen, die glauben, sie könnten den Festivalaufenthalt abkürzen. Wie schon in Cannes, wo mit Laurent Cantets „Entre les murs“ der letzte Film des Wettbewerbs ausgezeichnet wurde, ging in Venedig der Goldene Löwe an den amerikanischen Abschlussfilm „The Wrestler“ von Darren Aronofsky.
Man kann es drehen und wenden, wie man will, aber der Umstand, dass der diesjährige Wettbewerbsjahrgang in Venedig letztlich doch nicht als schlechtester seit Jahren gewertet wurde, liegt hauptsächlich an den Amerikanern. Deren Übermacht wird bei Festivals ja oft bejammert, nicht immer zu Unrecht, schließlich sind die großen Festivals die letzten Orte, wo das Scheinwerferlicht auch einmal auf andere Kinematographien gelenkt werden kann. Aber dieses Mal haben sie das Festival von Venedig gerettet. Zusammen mit zwei wunderbaren Damen aus Frankreich, die außer Konkurrenz angetreten waren: Claire Denis und Agnès Varda (siehe auch: Agnès Vardas' „Les plages d'Agnès“ und Jonathan Demmes „Rachel Getting Married“ in Venedig).
Vielleicht nicht rundum gelungen, aber auf seine Weise atemberaubend
Es begann mit dem höchst vergnüglichen Agenten-Thriller „Burn After Reading“ der Gebrüder Coen, in dem die Dinge auf eine Weise aus dem Ruder laufen, dass der immer noch entgeisterte Geheimdienstchef (J.K.Simmons) am Ende nur noch stöhnen kann: „Jesus, what a clusterfuck!“ Was in etwa heißt, dass die Situation auf mehr als nur eine Weise verfahren ist. Es folgte die erste Regiearbeit von Guillermo Arriaga, dessen Markenzeichen seine durch Zufall und Schicksal verstrickten Plots für Inaritu waren und der es auch in „The Burning Plain" schafft, um die mit dem Nachwuchspreis ausgezeichnete Jennifer Lawrence aus unzusammenhängenden Geschichten einen Schicksalsteppich zu stricken. Dann kam Jonathan Demme mit seinem auf engstem Raum entfalteten Familiendrama „Rachel Getting Married“, das die Unmittelbarkeit eines Hochzeitsvideos in pure Emotion verwandelt.
Und am Ende, wenn dem Lido traditionell die Puste auszugehen pflegt, weil das Festival in Toronto schon die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen beginnt, waren in diesem Jahr eben zwei Amerikaner zu sehen, die vielleicht nicht rundum gelungen, aber jeder auf seine Weise atemberaubend waren. Zuerst kam Kathryn Bigelow, die vor über zehn Jahren als einzige Frau im Action-Genre den Männern Paroli bot und nun mit „The Hurt Locker" einen Film über eine Bombenentschärfer-Einheit im Irak gedreht hat, dessen Spannung mit Händen zu greifen ist. Ein Insert verspricht schon zu Beginn, sie werde den Krieg als Droge zeigen – und sie hält ihr Versprechen.
Mickey Rourke in der Rolle seines Lebens
Natürlich ist das Entschärfen von Bomben, während der Zeitzünder tickt, ohnehin Kino pur, aber Bigelow versteht es, eine visuelle Energie zu entfesseln, die dem zum Chaos neigenden Genre des Kriegsfilms zur Abwechslung einmal mit handwerklicher Präzision begegnet. Da Bigelow sich ganz auf die Arbeit der Einheit einlässt, übernimmt sie auch deren Perspektive, die überall nur potentielle Feinde sieht. Das dient nicht unbedingt der Völkerverständigung, lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass den Problemen dieses Landes mit den Mitteln der Amerikaner nicht beizukommen ist. Am Ende handelt der Film von jenem Professionalismus, der auch die Helden bei Hawks getrieben hat – und John Wayne hätte unter diesen Adrenalin-Junkies sicher eine gute Figur abgegeben.
Dazu passte dann auch Darren Aronofskys „The Wrestler“, denn er handelt von einem Steroid-Junkie, der als professioneller Wrestler seine besten Zeit längst hinter sich hat und nun von seinem restlichen Ruhm nicht lassen kann. Aronofsky, dessen Karriere mit „Pi“ und „Requiem for a Dream“ verheißungsvoll begann, ehe sie in Venedig mit dem pseudophilosophischen Machwerk „The Fountain“ abstürzte, hat ein unglaubliches Gespür für die Niederungen dieses Gewerbes, aber eben auch Respekt vor seinen Helden. Sein Film wäre nicht mehr als eine gelungene Show-Business-Biographie, wenn ihm nicht ein entscheidender Besetzungs-Coup gelänge, der um ein Haar gescheitert wäre, hätte Nicolas Cage nicht in letzter Minute abgesagt: Mickey Rourke spielt die (fiktive, aber umso liebevoller erfundene) Wrestling-Legende Randy „The Ram“ Robinson. Und damit hat der Film ein Zentrum von solch schmerzlicher Intensität, dass man den Blick nicht mehr abwenden kann. Dies ist die Rolle eines Lebens – das, was Jake La Motta in „Raging Bull" für De Niro war – nur musste sich Rourke dafür kaum verstellen.
Der Goldene Löwe gehört eigentlich ihm
Mickey Rourke war in den achtziger Jahren so etwas wie der junge Brando. Ein Mann, der mit mehr Talent gesegnet war, als er selber begreifen konnte: „Diner“ von Barry Levinson, „Rumblefish“ von Coppola, „Year of the Dragon“ von Cimino, „Angel Heart“ von Alan Parker, „Barfly“ von Barbet Schroeder, „9 ½ Wochen“ von Adrian Lyne. Doch dann stieg ihm der Ruhm zu Kopf, er war nicht mehr zu bändigen, umgab sich mit falschen Freunden, verprügelte seine Frau Carré Otis, stieg selbst als Boxer in den Ring, weil ihm die Schauspielerei zu verweichlicht schien, und wurde schließlich von plastischen Chirurgen so unschön zusammengeflickt, dass er kaum mehr zu erkennen war.
Und auch jetzt braucht man lange, bis man hinter diesem schnaufenden Monster mit den starren Zügen, aufgepumpten Muskeln und der langen blonden Mähne wiederfindet, was ihn einst auszeichnete. Aber auch das passt zur Geschichte dieses einsamen Wrestlers, dessen Körper nicht mehr mitmacht und der nach einem Herzinfarkt verzweifelt nach Anschluss sucht, bei seiner vernachlässigten Tochter (Evan Rachel Wood) und bei einer alleinerziehenden Stripperin (Marisa Tomei). Wenn dieser Mann, der vor den Ruinen seines Leben steht, sich aber nicht unterkriegen lässt, sagt, er hasse die Neunziger, dann spätestens weiß man, dass dies Rourkes eigene Geschichte ist: das Jahrzehnt, in dem er Ruhm, Karriere und Talent mit einer Konsequenz verspielt hat, vor der sich andere in einen frühen Tod geflüchtet hätten. Und wenn er Hollywood in dieser Zeit nicht so vor den Kopf gestoßen hätte, dann wäre ihm der Oscar sicher – auch wenn er in Venedig rätselhafterweise leer ausging. Aber dies ist Mickey Rourkes Löwe, denn selten ging einem die physische Präsenz und der Preis, der dafür gezahlt wurde, so unter die Haut wie in „The Wrestler“.