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Golden Globes : Nicht ohne meine Tochter

Beste Nebendarstellerin: Jennifer Lawrence in „American Hustle“ Bild: AP

Bei der Verleihung der Golden Globes geht es zu wie auf dem Schulhof. Man preist die Familie und schweigt über die Kunst. Die großen Gewinner heißen „12 Years a Slave“ und „American Hustle“.

          Sie wisse nicht, warum sie solche Angst habe, sagte die Schauspielerin Jennifer Lawrence. Wir konnten ihr da nicht helfen. Wir, die wir vor dem Fernseher die 71. Verleihung der Golden Globes verfolgten, wussten es auch nicht. Sie hatte schließlich schon gewonnen, hielt die Trophäe der besten Nebendarstellerin in den Händen und stand oben auf der Bühne des Beverly-Hilton-Hotels in Beverly Hills, konnte also nicht mehr stolpern wie im vergangenen Februar auf dem Weg zur Entgegennahme ihres Oscars für die weibliche Hauptrolle in „Silver Linings Playbook“.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Dass sie in der neuen Preissaison noch einmal hinfiel, verhinderte die versammelte Kollegenschaft in einem kollektiven Akt geschlechterübergreifender Ritterlichkeit. Als die Dreiundzwanzigjährige sich im schulterfreien und schleppenlosen weißen Kleid ihren Weg durch die an Tischen sitzende Gesellschaft suchte, schienen sich ihr tausend Arme vorsorglich entgegenzustrecken, um sie im Ernstfall aufzufangen. Heil oben angekommen, gestand sie trotzdem ihre Angst, und da hier ja keine Rednerlorbeeren, sondern Schauspielerpreise verteilt wurden, genügte das bloße Wort nicht, musste sie zur Beglaubigung am ganzen Leib zittern. Eine flehentliche Bitte richtete sie an die Mitglieder des gastgebenden Vereins der Hollywoodkorrespondenten der Auslandspresse: „Tut das nie wieder!“

          Die Tochter stärkt den Rücken

          Es gehört zur Rollenerwartung, dass die Aufregung der Kandidaten über den Moment ihrer Verwandlung in Preisträger hinaus anhält. Das Stammeln soll ihre Bescheidenheit zum Ausdruck bringen, insbesondere ihren Respekt vor den ebenso talentierten Konkurrenten, die leer ausgegangen sind. Wenn diese Kollegen im Schnitt deutlich älter sind als man selbst, gebietet es dieser Respekt, ihnen ausdrücklich Tribut zu zollen. Amy Adams, wie Jennifer Lawrence für eine Rolle in David O. Russells FBI-Hochstaplerkomödie „American Hustle“ ausgezeichnet, konnte oder wollte nicht verbergen, dass sie mit diesen Grüßen in den Saal eine Pflichtübung absolvierte. Sie aber weiß, warum sie keine Angst hat: Ihre Tochter hat sie ihr ausgetrieben, obwohl Aviana mit ihren drei Jahren von der Angst doch noch keinen Begriff haben kann.

          Die Aufzählung aller Kinder unter besonderer Hervorhebung derjenigen, die noch zu klein sind, um zuzusehen, steht ebenfalls in den ungeschriebenen Vertragsbedingungen der Nominierten, und wenn Preisträger die Erwähnung ihrer zweibeinigen Lieblinge vergessen, hat das wahrscheinlich furchtbare Konsequenzen in etwaigen Sorgerechtsprozessen. Am Arbeitsrecht sieht das offenbar anders aus: Kindermädchen wird nie gedankt! Die Komödiantin Amy Poehler, gemeinsam mit ihrer „Saturday Night Live“-Kollegin Tina Fey als Moderatorin – das heißt: Witzemacherin mit langem Begrüßungsauftritt und späteren Kurzeinlagen – engagiert, hielt, als sie selbst mit einem Preis (für ihre Rolle in der Serie „Parks and Recreation“) an der Reihe war, eine Rede aus dem Lehrbuch für pointenfreie familienfreundliche Floskeln.

          Schulhof der Eitelkeiten

          Die Kinder haben in den Dankesreden – weitere Regel: Immer beteuern, dass man keine Rede vorbereitet hat! Was tatsächlich stimmt! – dieselbe Funktion wie die Eltern: Die Schauspielerei – und selbst das Regieführen und Drehbuchschreiben – soll nicht als Kunst in den Blick kommen, obwohl die höchstbezahlten Profis ausgezeichnet werden, sondern wird zur Gabe der Natur stilisiert, vermittelt durch das Wohlwollen der Familie. Regression bestimmt die Atmosphäre solcher Preisverleihungen: Die Gewinner benehmen sich wie Schulkinder, die Ehrenurkunden für Flötenspiel oder Schönschreiben abholen und sich noch kein Verdienst zurechnen können, sondern alles dem Drängen der Mutter oder Werben der Lehrerin verdanken.

          In den Dankesworten für Entdecker und Förderer kommt so gut wie nie ein handwerklicher Aspekt vor. Zwei Ausnahmen gab es bei den Golden Globes in diesem Jahr. Leonardo DiCaprio, der sich als bester Hauptdarsteller „in einer Komödie oder einem Musical“ gegen Christian Bale, Bruce Dern und Joaquin Phoenix durchsetzte, nutzte seine Redezeit (auch für die größten Stars beschränkt) für eine Laudatio auf Martin Scorsese. (Den Dank an seine großartige Crew – fast so wichtig wie die Kinder – trug er nach, als er ein zweites Mal die Bühne betrat, um seinerseits einen Preisträger bekanntzugeben.)

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