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„Gods of Egypt“ im Kino : Das ägypt’s doch gar nicht!

  • -Aktualisiert am

Soll keiner glauben, hier ginge es um Götter oder um das alte Ägypten: Alex Proyas schießt mit seinem Spektakelfilm „Gods of Egypt“ phantasierte Überkönige in den Kinokosmos.

          Die alten Ägypter verehrten ja den Sonnengott. Aus naheliegenden Gründen würde man vermuten, dass dieser Re auch dort wohnt, woher er seinen Namen bekommt: in der Sonne. In dem Spektakelfilm „Gods of Egypt“ von Alex Proyas werden wir nun eines Besseren belehrt: Der Sonnengott wohnt auf einer Raumstation, zu der man kommt, wenn man auf einen steilen Berg steigt, und dann durch einen magischen Ring nach oben katapultiert wird. Klingt kompliziert, ist es auch, ist aber nur ein kleines Beispiel für die überbordende Phantasie, die in diesem Film steckt.

          Zwei Brüder streiten sich hier in kosmischen Dimensionen: Horus und Set, der eine eher dem Licht zugetan, der andere ein arger Finsterling. Horus wird von Nikolaj Coster-Waldau gespielt, bekannt aus „Game of Thrones“, und etwas Vergleichbares sehen wir auch in „Gods of Egypt“: einen Kampf um einen Thron, der allerdings stark ins Grundsätzliche tendiert, und der dabei die Form einer atemlosen Queste annimmt. Ein Sterblicher namens Bek vertritt die irdischen Proportionen, die Götter sind zwei-, dreimal so groß, was einen lustigen Effekt ergibt, an dem man sich kaum sattsehen kann. Und das gilt insgesamt für das ganz und gar erträumte Ägypten, das Alex Proyas hier entstehen lässt.

          Schon der anfängliche Flug der Kamera den Nil abwärts bis zur ersten Hochkulturinsel im Fluss ist reinste Essenz aus der Idee, dass all die Weltwunder irgendwann einmal aus einer Quelle hervorgegangen sein müssen, dann aber nur noch im Überschwang bestehen konnten. Und so haben wir es hier zugleich mit einer Ursprungsmythologie und mit einem synkretistischen Exzess zu tun; die Reiche von Natur und Supernatur sind noch nicht getrennt, deswegen schlummert in fast jeder Kreatur ein Paradiesvogel, der seine majestästischen Schwingen jederzeit erheben kann.

          Pralle Bilder, ausgemalt bis in die letzten Ecken

          Die Landschaft ist nicht einfach Wüste mit einem blauen Band in ihrer Mitte, sondern enthält all das, was eine ganze Welt nun einmal braucht: zum Himmel strebende Gipfel mit schroffen Abhängen, Wasserfälle von gigantischen Ausmaßen und Dschungellandschaften, in denen man nicht einmal ausschließen kann, dass es einen ägyptischen Halbgott namens Mowgli gegeben haben könnte.

          Hier sieht man schon, dass der Anfang der Menschheit viel mit einer Vollendungsphantasie zu tun hat, mit einer Abenteuerwelt, in der Jäger nach verlorenen Schätzen suchen, in der die ganze Geschichte des bunten Monumentalkinos (von den Bibelschinken bis zu 1001 Nächten) mitgedacht ist. Selbst Ridley Scotts „Exodus“ sieht fast schon wieder wie eine Billigproduktion aus im Vergleich mit den romantischen Visionen, die hier an allen Ecken und Enden ständig in die Abgründe der 3D-Dunkelwelt purzeln. Allerdings wird auch deutlich, dass Scott dann doch der größere Regisseur ist: Denn die Verdichtungen, die ihm gelangen, vor allem Moses vor dem Dornbusch, und die fast schon naturwissenschaftlich plausible Teilung des Roten Meeres, so etwas interessiert Alex Proyas nicht. Dafür ist er zu sehr damit beschäftigt, auch noch die letzten Ecken seiner prallen Bilder auszumalen, und die Geschichte tatsächlich auf die Spitze zu treiben - wie es sich gehört in einem Film, der zumindest in einer Hinsicht dann doch an Ägypten gebunden bleibt, nämlich an die pyramidale Form. Ganz oben ist da nur Platz für einen.

          Niemand soll denken, es ginge um Götter oder Ägypten

          „Gods of Egypt“ hat mit faktischer Ko-Vielgötterei so viel zu tun wie der Superheld „Thor“ mit dem nordischen Pantheon. Und doch mussten sich die amerikanischen Produzenten zu einem bezeichnenden religionskritischen Manöver entschließen: Im arabischen Raum heißt der Film „Kings of Egypt“, was durchaus im Sinne der Erzählung ist, was aber zugleich viel über die Fallstricke verrät, über die hinweg globale Produkte ihre Verständnisbrücken bauen müssen. Das alte Ägypten ist in den imaginären Haushalten der drei monotheistischen Religionen ohnehin sehr eindeutig einsortiert, als Hort heidnischer Bilderschrift, aus deren Einflussbereich jene ausziehen mussten, die sich zur Gründung von Hochreligionen entschlossen (das gilt auch für Jesus, über den demnächst „Der junge Messias“ nach Anne Rice ins Kino kommt).

          Das neue Ägypten stünde ohne den Hochkulturbonus von anno dazumal weniger gut da, und so bekommen die wilden Visionen von Alex Proyas auch einen ganz konkreten, politisch korrekten Sinn: Sie sollen, wie man früher so schön sagte, den Signifikanten befreien, damit niemand auf den Gedanken kommen kann, es ginge bei „Gods of Egypt“ um Götter oder Ägypten. Das ist in gewisser Weise ganz und gar gelungen, und ergibt nebenbei einen vergnüglichen Film.

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