17.02.2012 · Wir treffen Glenn Close beim Filmfestival von San Sebastián, wo sie für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wird. Sie wirkt zugleich schüchtern und warmherzig, elegant und völlig uneitel - und lacht gern.
Mrs. Close, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Drehtag?
Ja. Mein erster Film war „Garp und wie er die Welt sah“, und am Tag meiner Ankunft am Set drehten wir eine Szene, in der ich, beladen mit Lebensmitteln, an der Seite von Robin Williams eine Straße entlanggehen sollte. Robin war damals schon sehr populär, so dass viele kreischende Fans am Drehort herumlungerten, die sich kaum beruhigen ließen. Man teilte mir mit, ich müsste bis zu jener Markierung laufen und dort meine erste Dialogzeile sagen, dann bis zur nächsten Markierung gehen und so weiter. Ich war völlig überfordert, mein Herz rutschte mir vor Angst in die Hose, doch Robin war wundervoll und nahm mich unter seine Fittiche.
Sie waren damals bereits über dreißig, hatten aber zuvor ausschließlich Theater gespielt. Fiel Ihnen der Wechsel zum Film schwer?
Ja, sehr sogar. Ich wusste schlichtweg nicht, wohin mit all meiner Energie: Ich sprach viel zu laut, weil ich vergaß, dass es ein Mikrofon gab, und weil ich es gewohnt war, mit meiner Stimme einen Theaterraum bis in die letzte Reihe zu füllen. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, wie sehr man sich vor der Kamera zurücknehmen sollte - und wie viel Kraft in einer Großaufnahme steckt.
Und heute? Stehen Sie lieber vor der Kamera oder auf der Bühne?
Auf der Bühne. Die Interaktion mit dem Publikum finde ich immer sehr aufregend. An manchen Abenden gibt es eine geradezu magische Verbindung: Da schaukelt man sich gegenseitig dermaßen hoch, dass ich mich wie ein Rockstar fühle. So etwas wird einem am Filmset natürlich nicht geboten.
Was für ein Schauspiel-Typ sind Sie? Improvisieren Sie gern, oder bevorzugen Sie präzise Anweisungen? Können Sie die Figur, die Sie spielen, während der Drehpausen leicht ablegen?
Ich mag Regisseure, die genau wissen, was sie wollen, und mir konkrete Anweisungen geben. Am liebsten ist mir eine intensive Probenzeit, doch diesen Luxus leistet sich heute leider kaum mehr eine Filmproduktion. Im Übrigen betrachte ich die Schauspielerei als Handwerk und gehöre deshalb nicht zu den Leuten, die sich während der gesamten Dreharbeiten vollständig in ihre jeweilige Figur verwandeln. Ich finde, die Kollegen, die das tun, stehen immer mit einem Bein im Irrenhaus.
Nach welchen Kriterien suchen Sie denn Ihre Projekte aus?
Völlig subjektiv. Aus dem Bauch heraus. Ich fand es seit jeher schwachsinnig, eine Rolle anzunehmen, weil sie viel Geld bringt oder weil man scharf auf irgendwelche Preise ist. Und ich hatte auch nie das Bedürfnis nach Ruhm - anders als viele junge Leute, deren großer Traum es ist, ein Star zu sein. Heutzutage können Sie ja sogar ohne jede Begabung zum Star werden. Mir hingegen war es stets wichtig, eine persönliche Beziehung zu einer Geschichte zu entwickeln. Außerdem hasse ich es, mich zu langweilen - also wähle ich mit Vorliebe Projekte, die mich herausfordern.
Und Sie haben offenbar keine Scheu vor fiesen Filmfiguren - von der rachsüchtigen Furie in „Eine verhängnisvolle Affäre“ über die intrigante Marquise in „Gefährliche Liebschaften“ und die dämonische Dame in „101 Dalmatiner“ bis hin zur skrupellosen Anwältin in „Damages - Im Netz der Macht“.
So etwas höre ich öfters. Und man kolportiert mir, dass ich viele Männer mit „Eine verhängnisvolle Affäre“ nachhaltig verschreckt hätte. Ich selbst finde hingegen, dass ich nur einen einzigen richtigen Bösewicht gespielt habe: Cruella de Vil aus „101 Dalmatiner“. Wie ihr Nachname bereits andeutet, ist sie der Teufel in Menschengestalt. Alle meine anderen Filmfiguren sind in meinen Augen nicht wirklich böse. Für mich haben sie durchaus auch etwas Humanes, Verletzliches, und ich kann sie in gewisser Weise verstehen: Es sind Frauen, die versuchen, sich in einer rauhen Männerwelt zu behaupten. Wenn sie Männer wären, dann würde man sie bestimmt nicht als böse bezeichnen, sondern fände ihr Verhalten ganz normal.
Wie schwer ist es, sich als Frau in der rauhen Männerwelt Hollywoods zu behaupten?
Es ist wahrlich nicht leicht, vor allem für eine Schauspielerin jenseits der vierzig: Hollywood bietet kaum interessante Geschichten über starke ältere Frauen. Offenbar hat die menschliche Spezies immer noch Schwierigkeiten, sich Frauen in Machtpositionen vorzustellen - insofern hat sich seit den Zeiten von Königin Elisabeth I. nicht viel geändert. Deshalb dachte ich mir irgendwann: Wenn ich keine guten Rollen mehr bekomme, dann bastele ich sie mir halt einfach.
Das haben Sie zuletzt als Autorin und Produzentin des Films „Albert Nobbs“ getan. Darin spielen Sie eine Frau im viktorianischen Irland, die sich als Mann ausgibt, um einen Job zu bekommen. Stimmt es, dass Sie die Rolle bereits vor dreißig Jahren auf der Bühne verkörpert haben?
Ja, in einer kleinen Off-Broadway-Produktion. Fast wäre es gar nicht dazu gekommen - ich war noch nie gut im Vorsprechen, und beim Casting für diese Rolle war ich besonders schlecht. So schlecht, dass ich mittendrin abbrach und sagte: „Ich langweile mich selbst, also langweile ich Sie wohl auch. Tut mir leid. Auf Wiedersehen.“ Als ich zuhause war, rief mein Agent an und sagte, mein Abgang sei so spannend gewesen, dass man mich bitten würde, erneut vorzusprechen. Beim zweiten Versuch habe ich die Rolle tatsächlich bekommen.
Und wieso ließ die Verfilmung so lange auf sich warten?
Vor zehn Jahren waren wir schon einmal ganz dicht dran, aber dann platzte die Finanzierung im letzten Moment. Und in den vergangenen Jahren habe ich verzweifelt versucht, das nötige Geld aufzutreiben. Ich bin stolz darauf, dass kein einziger Penny aus Hollywood in diesem Film steckt. Die größte Summe haben mein Mann und ich selbst beigesteuert - dafür haben wir sogar unsere Wohnung in Manhattan verkauft. Der Rest kam von privaten Investoren. Wir haben zum Beispiel sechs steinreiche Texaner zu einem Dinner eingeladen, bei dem ich etwas aus dem Musical „Sunset Boulevard“ zum Besten gab. Daraufhin ließen sich die Gäste auf eine Finanzspritze ein - wahrscheinlich, weil mein Gesang in dem kleinen Raum so imposant klang.
Sie haben schon einmal einen Mann gespielt: in Steven Spielbergs Märchenfilm „Hook“
Stimmt. Eigentlich war ich bloß am Set, um Robin Williams zu besuchen, mit dem ich seit meinem ersten Film befreundet bin. Doch dann fragte mich Steven Spielberg: „Möchtest du ein Pirat sein?“ Ich sagte: „Na klar!“ Sie klebten mir einen Bart und eine üppige Brustbehaarung an und verrieten drei Tage lang niemandem, wer sich hinter der Maskerade verbarg. Das Skriptgirl versuchte sogar, mich anzubaggern, weil es dachte, ich sei ein Mann. Sehr lustig!
„Albert Nobbs“ ist auch nicht der erste Film, in dem Sie ein Korsett tragen.
Ja, ich habe tatsächlich viel Zeit meines Berufslebens in Korsetts verbracht. Ich mag das, weil es die Art diktiert, wie man sich bewegt. Das perverseste Korsett trug ich zweifellos in „101 Dalmatiner“. Bei „Albert Nobbs“ dient es dazu, meinen Busen zu verbergen - bei „Gefährliche Liebschaften“ hingegen ging es darum, ihn möglichst optimal zur Geltung zu bringen. Der Zeitpunkt war perfekt: Damals waren meine Brüste besonders üppig, denn just sieben Wochen vor Drehbeginn war ich Mutter geworden.
Ist es wahr, dass Sie am liebsten alle Ihre Filmkostüme behalten wollen?
Ja. Shoppen ist nichts für mich - in Kaufhäusern bekomme ich Angstzustände. Da bin ich dankbar für jedes maßgeschneiderte Kleidungsstück. Und ich habe es satt, mir wegen meiner Abendgarderobe das Hirn zu zermartern. So trug ich bei der Premiere von „102 Dalmatiner“ in New York einfach das Kostüm meiner Filmfigur Cruella de Vil und legte das passende Make-up auf. Ich überlegte mir sogar, wie ich als Cruella auf Reporterfragen am roten Teppich antworten würde. Es war ein Desaster: Alle starrten mich nur entgeistert an, niemand stellte mir eine Frage, und ich kam mir vor wie ein Volltrottel.
Manchmal tauchen Sie auf der Liste der am besten angezogenen Stars auf, manchmal auf der Liste der Modesünder.
Ja, und Letzteres empfinde ich sogar als das größere Kompliment. Das ganze Gedöns um den roten Teppich war mir stets zuwider. Warum sollte man Menschen nach ihrem Outfit beurteilen? Ich war nie eine Mode-Ikone und wollte auch nie eine sein. Vermutlich hätte ich heutzutage als junge Aktrice gar keine Chance mehr, in Hollywood Fuß zu fassen: Da geht es doch bloß noch um Kleider, Schuhe, Schmuck und Affären. Von Schauspielkunst ist überhaupt nicht mehr die Rede.
Haben Sie die Nase voll von den Oscars, nachdem Sie schon fünf Mal nominiert waren, aber noch nie gewonnen haben?
Nein, so würde ich das nicht sagen. Mich nervt es nur, dass ich mir so viele Gedanken über meine Klamotten machen muss - noch dazu in meinem Alter! Früher führte der rote Teppich hin zu den Oscars; mittlerweile wurde die Preisverleihung zur Nebensache degradiert. Trotzdem freue ich mich über jede Nominierung.
Können Sie mit Lob gut umgehen?
Ja, ich denke schon. Jedenfalls weiß ich es zu schätzen. Mein Mann ist ein brillanter Wissenschaftler, der souverän ein Biotechnologie-Unternehmen leitet - doch nie im Leben würde jemand zu ihm sagen: „Gut gemacht!“ Insofern bin ich froh, dass man in meinem Beruf, vor allem im Theater, oft ein unmittelbares Feedback bekommt - und dass es immer wieder Leute gibt, die mir offenbaren, wie sehr sie meine Arbeit lieben.
Bekommen Sie auch manchmal zu hören, Sie seien eine gute Mutter?
Meine Tochter Annie hat das ab und zu angedeutet. Aber ich muss zugeben, dass ich für mein privates Engagement nicht annähernd so häufig gelobt werde wie für meine Arbeit. Seitdem Annie zwei Jahre alt ist, habe ich sie ohne ihren Vater großgezogen. Einmal sagte sie zu mir: „Mama, ich brauche dich, und ich brauche dich ganz!“ Natürlich hat sie damit im Prinzip recht. Andererseits ist es für eine berufstätige, alleinerziehende Mutter völlig unmöglich, das zu leisten. Zum Glück versteht Annie das auch.
Wie haben Sie es geschafft, Ihre beruflichen Verpflichtungen und Ihre Verantwortung als Mutter unter einen Hut zu bringen?
Wer sagt denn, dass ich es geschafft habe? Das ist ein sehr kniffliges Problem. Als meine Tochter noch klein war, habe ich sie überallhin mitgenommen. Als das wegen der Schule nicht mehr ging, habe ich versucht, nur noch Jobs anzunehmen, bei denen ich nicht allzu lange von ihr getrennt war. Das war nicht leicht, denn wir haben nie in Los Angeles gelebt, sondern immer an der amerikanischen Ostküste. Ich bin nach einer Saison aus der erfolgreichen Fernsehserie „The Shield - Gesetz der Gewalt“ ausgestiegen, weil ich Annie in ihrem Schulabschlussjahr nicht alleinlassen wollte. Als sie bei mir auszog, um zu studieren, habe ich geheult. Wann immer ich vor der Kamera Tränen vergießen muss, denke ich an diesen Moment.
Heute wirken Sie aber keineswegs depressiv.
Bin ich auch nicht! Mein ganzes Leben lang dachte ich, mit sechzig wäre man eine Antiquität, doch seitdem ich selbst über sechzig bin, fühle ich mich energiegeladener und stärker denn je. Vor Jahren, nach zwei gescheiterten Ehen, habe ich mal gesagt, ich würde nie wieder heiraten - und nun habe ich einen wunderbaren neuen Gatten an meiner Seite. Das ist die schönste Zeit meines Lebens!
Glenn Close wird am 19. März 1947 in Greenwich, Connecticut geboren. Nach einem abgeschlossenen Schauspiel- und Anthropologie-Studium feiert sie erste Bühnenerfolge, zunächst in der Provinz, später am Broadway.
Nach ihrem Leinwand-Debüt in der Romanverfilmung „Garp und wie er die Welt sah“ (1982) spielt sie sich mit Filmen wie „Eine verhängnisvolle Affäre“ (1987) und „Gefährliche Liebschaften“ (1988) rasch in die erste Riege der Charakterdarstellerinnen in Hollywood. Soeben erhielt sie für die Titelrolle in dem Kinodrama „Albert Nobbs“ ihre sechste Oscar-Nominierung. Gewonnen hat sie die Trophäe bislang noch nicht.
Drei Mal gewinnt sie den Tony Award, unter anderem für ihre Hauptrolle im Musical „Sunset Boulevard“, und drei Mal den Emmy Award, etwa für die Fernsehserie „Damages - Im Netz der Macht“.
Sie ist in dritter Ehe mit dem Biotechnologen David Shaw verheiratet und hat aus einer früheren Beziehung eine vierundzwanzigjährige Tochter.