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Gespräch mit Steven Spielberg Wir spürten den Atem der Fans im Nacken

 ·  „Das Geheimnis der ,Einhorn’“ ist Steven Spielbergs Version der Welt von „Tim und Struppi“. Ein Gespräch über Männer, Fahrten und Abenteuer.

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Misstrauisch geht man ins Kino, setzt sich hin und die 3-D-Brille auf, aber schon beim eleganten Vorspann zum „Geheimnis der ,Einhorn’“ ist man erleichtert, dass Steven Spielberg als Regisseur und Peter Jackson als Produzent es geschafft haben, „Tim und Struppi“ endlich mal so zu verfilmen, dass es Spaß macht. Dass auf dem Weg aus dem Comic auf die Leinwand den Figuren des belgischen Zeichners Hergé nicht das Leben ausgegangen ist und der Witz. Und dass vor allem die klare Schönheit des Stils nicht ganz verschwindet, und die Spannung.

Der Film verwandelt ziemlich clever drei Bände von Hergé in eine Geschichte. Es geht um einen Schatz, Schiffsmodelle und ein Schloss, aber auch darum, wie Tim, der schon einen besten Freund hat, seinen Hund Struppi, einen neuen dazugewinnt: Käpt’n Haddock. Am Ende höchster Gefahren, heißester Wüsten und tiefster Meere triumphieren die drei dann über ihre bösen Widersacher. Steven Spielberg, 64, dreht schon am nächsten Film, hat aber für ein paar Fragen Zeit.

Abenteuer, Piraten, fremde Kulturen, Außerirdische, Tiere, Professoren, das All - wenn man die Comics von „Tim und Struppi“ gegen Ihre Filme hält, könnte man glauben: Sie und Hergé teilen sich die gleiche DNA. Wie war das, als Sie zum ersten Mal der Welt von Hergé begegnet sind?

Ich weiß nicht, ob ich da wirklich sofort an mich selbst gedacht habe. Aber mir wurde schlagartig klar, dass Hergé schon seit Jahrzehnten eine Welt illustrierte, in der ich mein ganzes Leben lang zu Hause sein wollte. Sowohl als Zuschauer und auch als Geschichtenerzähler. Ich würde mir nie anmaßen, mit Hergé eine DNA teilen zu können, seine ist einzigartig. Aber ein Teil seiner Welt zu sein, das habe ich mir schon gewünscht.

Haben Sie Hergé noch persönlich kennengelernt?

Nein, unglücklicherweise nie. Aber es war eine große Ehre, dass ich mit ihm telefonieren durfte.

Wie war er?

Energetisch und lebhaft, er hat mir sehr viele Komplimente gemacht, und er hat mich nach Belgien in sein Atelier eingeladen. Und genauso enthusiastisch hat er darüber geredet, dass ich einen Film aus seinen Bänden machen könnte.

Hergé ist 1983 gestorben, Sie haben die Filmrechte seither gehalten - aber warum hat es so lange gedauert bis zu dem Film jetzt?

Einerseits, weil ich etwas eingeschüchtert war, ich bin einfach sofort ein Fan seiner Geschichten geworden, wollte mich aber dagegen behaupten. Um überhaupt Hergés Vision auf der Leinwand umsetzen zu können, musste ich in der Lage sein, eine der Geschichten so zu adaptieren, dass er stolz darauf gewesen wäre. Also habe ich die Messlatte selbst weit über meine Möglichkeiten gehoben, ich habe zwei, drei Drehbücher entwickelt, mit denen ich nicht glücklich war. Keins fühlte sich an, als würde es Hergé gerecht werden, also ließ ich die Rechte ruhen und habe mich anderen Filmen gewidmet.

Also lag es nicht daran, dass die Technik noch nicht so weit war?

Nein. Die Drehbücher waren es einfach nicht wert, um daraus einen Hergé-Film zu machen. Um Visuelles ging es gar nicht.

Man könnte das aber glauben, wenn man sich klarmacht, wie viel Sie anstellen mussten, um so etwas Schlichtes wie Hergés „ligne claire“ auf die Leinwand zu bringen. Sie haben Ihre Schauspieler auf einer sogenannten Performance Capture Stage gefilmt, um sie danach am Computer Tim und Haddock und Schulze und Schultze anzuverwandeln. Sie haben eine spezielle Kamera konstruiert. Zwei Jahre Vorbereitung, tonnenweise Technik und eine riesige Crew für etwas, was Hergé immer nur mit ein paar Strichen und klaren Farben erreicht hat. War das nicht frustrierend?

Ja, war es. Weil, wie gesagt, meine Bewunderung für Hergés Kunst und erzählerische Kraft unendlich ist - und gleichzeitig dafür, wie einfach seine Geschichten am Ende immer waren. Wir alle neigen ja dazu, die Dinge komplizierter zu machen, als sie sind, wenn wir Geschichten erzählen. Ich wollte aber, dass dieser Film einfach aussieht. Und dank der Animationstechnik auf der Performance Stage konnte ich diese Einfachheit teilweise dadurch erreichen, wie die Figuren posieren. Ich konnte ihre Posen so steuern, dass sie am Ende genauso aussehen, wie Hergé sie gezeichnet hat.

Und wie ging das?

Ich habe um die Performance Stage herum Schlüsselszenen aus Hergés Bänden aufgehängt, ungefähr hundertmal größer hochkopiert als die Originale. So hatten die Schauspieler immer etwas vor Augen, an dem sie sich orientieren konnten: Wie man geht, wie man steht, wie man gestikuliert. Andy Serkis, der Haddock spielt, konnte aus ungefähr hundert Posen auswählen, Jamie Bell als Tim aus ungefähr fünfzig, weil seine Figur nicht so einen großen Körpereinsatz hat. Aber alle mussten sich daran halten, wie Hergé seine Figuren posieren ließ.

Egal ob Kino oder Fernsehen, es gab bislang nur missglückte Versuche, „Tim und Struppi“ zu verfilmen. Sogar der Zeichentrickfilm, den Hergé 1972 selbst beaufsichtigt hat, „Tim und der Haifischsee“, wirkt öde und statisch. Es gibt sicher Millionen von Fans, die überhaupt keine Lust haben, schon wieder enttäuscht zu werden.

Genau!

Verkrampft man da nicht?

Wir haben den Atem der Fans immer im Nacken gespürt. Die Liebe zu den Geschichten ist so groß - was wir abliefern, muss einfach intakt sein, integer, ernst. Peter Jackson und ich hatten das Gefühl, dass wir die Fans zu Partnern machen müssen, damit es funktioniert, und um das zu erreichen, mussten wir so nah an Hergé bleiben, wie es geht. Denn wenn man nah an Hergé bleibt, sind einem auch die Fans, denen Hergé ja sowieso schon so nahegeht, vielleicht gewogen.

Welchen Band haben Sie eigentlich als ersten gelesen?

„Die sieben Kristallkugeln“. Das war 1981. Auf Französisch natürlich, weil in Amerika „Tim und Struppi“ nicht besonders verbreitet war. Deshalb hat es auch zwei Wochen gedauert, um ein Exemplar zu finden. Und dann habe ich gelesen, ohne ein Wort zu verstehen - aber den Plot schon, die Figuren, den Humor. Hergé hat immer in Bildern gedacht.

„Tim und Struppi“ sind von Brüssel aus um die Welt gegangen. Nach Amerika haben die beiden es aber nie so richtig geschafft. Was für ein Publikum, glauben Sie, wird dort in den Film gehen?

Ich glaube, es werden Leute sein, die auch sonst auf Abenteuer stehen, auf Action und Humor, auf Filme wie endlose Achterbahnfahrten. Bei den meisten meiner Filme, ob jetzt „Indiana Jones“ oder „E. T.“, gab es keine erfolgreichen Bücher, die sozusagen die Landung weicher gemacht hätten. Insofern wird „Das Geheimnis der ,Einhorn’“ für die Amerikaner eine ganz neue Erfahrung sein.

Ich frage, weil Ihre Helden - Harrison Ford als „Indiana Jones“, Tom Cruise in „Krieg der Welten“ oder Tom Hanks in allen Filmen von Ihnen - immer archetypische Amerikaner gewesen sind.

(Spielberg beginnt zu lachen.)

Und jetzt kommt da dieser ungeküsste belgische, Entschuldigung: Freak, der Mädchen noch nie von nahem gesehen hat. Oder meinetwegen auch Jungs. Wie passt Tim zu Ihren anderen Helden?

Ich glaube, er passt in mein Glaubenssystem. In dem Sinne, dass man, um seine Arbeit gut zu machen, sich nicht ablenken lassen darf. Tim löst Rätsel, deckt Geheimnisse auf, aber seine größte Ablenkung dabei ist eigentlich seine Freundschaft zu Käpt’n Haddock - der ihm mehr Hindernisse in den Weg wirft als seine Rivalen. So gesehen, ist „Das Geheimnis der ,Einhorn’“ auch ein buddy picture, eine große Geschichte über Freundschaft, und das ist dann für mich wieder sehr vertrautes Terrain. Gleichzeitig gefällt es mir sehr, dass es keine Nebenhandlung gibt. Die einzige Nebenhandlung wäre wohl Struppi.

Noch so ein Typ, der ihm eigentlich ständig Ärger macht.

Ich wäre nicht im Traum drauf gekommen, das Undenkbare zu tun und Tim ein Mädchen oder eine junge Frau an die Seite zu stellen. So ist diese Figur einfach nicht. Darauf hat er sich nicht eingelassen, denn wenn ein Rätsel ihn erst mal gepackt hat, dann war er stur, dann gab es nichts, was ihn davon abbringen konnte. Tim ist wie Sherlock Holmes: Sie schlafen nicht, bis sie die Wahrheit herausgefunden haben. Und das ist mit Privatleben nur schwer vereinbar.

Wer ist Tim für Sie?

Ich liebe einfach Geschichten, die uns an echte Schauplätze bringen, aber unter Umständen, in die wir im wahren Leben unmöglich geraten würden - geschweige denn, dass wir sie überleben würden. Darum machen wir ja Filme. Um das Publikum an Orte zu bringen, an die es selbst nie gekommen wäre. Ich bin mein ganzes Leben von Abenteuerfilmen angezogen gewesen. Nichts mache ich lieber. Ich will solche Abenteuer nur nicht in meinem eigenen Leben erleben, sondern durch das Leben eines anderen, durch eine erfundene Figur.

Ich habe noch eine Frage, dann müssen wir wohl aufhören.

Darf ich vorher noch etwas zu der letzten sagen?

Natürlich, unbedingt!

Was mich dazu gebracht hat, einen Film mit Tim zu drehen, ist wohl, dass ich nicht so mutig bin wie er. Ich erzähle gern Geschichten über Mut und Risiko, aber weil ich selbst nicht mutig bin, identifiziere ich mich mit Figuren, die es sind.

Das passt zu dem, was ich Sie zum Abschluss fragen wollte. „Tintin, c’est moi“, hat Hergé einmal gesagt: Tim, das bin ich. Über welche Figur aus Ihren vielen Filmen könnten Sie das auch sagen?

Hm. Hm. Ich glaube schon, dass etwas von Tim auch in mir steckt, aber, wie gesagt, er ist eine viel reinere Persönlichkeit als ich, von seiner Natur her wie im Herzen.

Könnte Tom Hanks Ihr Tim sein?

Also, die Figuren, die Richard Dreyfuss für mich gespielt hat, oder Tom Hanks - das sind Figuren, wie ich werden wollte. Oder vielleicht auf die eine oder andere Art sogar mal war. Ich habe nie als Soldat einen Strand gestürmt, aber wenn ich nicht Regisseur geworden wäre, wäre ich vielleicht ein Lehrer geworden, wie Tom Hanks in „Saving Private Ryan“.

Richard Dreyfuss wäre dann der Typus von Wissenschaftler, der wie im „Weißen Hai“ plötzlich zum Abenteurer wird. Bei Ihnen geht Tim erst mal in die Bibliothek, um die Geschichte der „Einhorn“ nachzuschlagen.

Richard hat ja auch seine Forschungen betrieben!

Heute hätte Tim die Geschichte der „Einhorn“ einfach gegoogelt.

Ich fand es wunderbar, dass die Epoche nicht genau definiert ist, und wir machen die Sache auch nicht klarer. Aber dass es Telefone mit Wählscheibe gibt, dass keine Fernseher herumstehen und man in die Bibliothek muss, um mehr über historische Ereignisse herauszufinden, transportiert uns zurück in einfachere Zeiten, an die ich mich erinnere, als sei es gestern gewesen, und die ich deshalb umso stärker vermisse. Tim hat mich sehr nostalgisch gemacht.

Wer ist eigentlich Ihre Lieblingsfigur von Hergé?

Es wird immer Haddock sein. Der ist eine Naturgewalt. Ich war von Anfang an hingerissen von ihm. Dass er ein so unzuverlässiger Typ ist, dabei aber immer lernfähig ist und sich bessern kann - nur um dann wieder rückfällig zu werden, wann immer Hergé es braucht.

Walter Matthau wäre ein großartiger Haddock gewesen.

In den achtziger Jahren, als ich darüber nachdachte, „Tim und Struppi“ mit Schauspielern zu drehen, weil es gar nicht anders ging, war er meine erste Wahl. Aber er war schon damals zu alt, um Haddock zu spielen.

Interview Tobias Rüther
Ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.S.
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