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Geschichtsfälschung : Der Stummfilm läuft, der Synchronsprecher bellt

  • -Aktualisiert am

Scharfmacher: Schnitzler im „Schwarzen Kanal” Bild: dpa

Er war nicht nur der oberste Propagandist der SED, sondern auch ein notorischer Filmfälscher: Wie Karl-Eduard von Schnitzler sich seinen Hitler zurechtmanipulierte und die Geschichte umschrieb.

          Als ein Schreckensbild stand Chefkommentator Karl-Eduard von Schnitzler für das DDR-Fernsehen. Das war vor allem seinem Schwarzen Kanal zu verdanken, in dem er mittels gehäckselter Westsendungen den deutschen Kapitalismus verdammte. Daneben hatte Schnitzler noch eine andere, nicht minder krude Seite, nämlich die eines Filmemachers, der in historischen Dokumentationen ein ganz eigenes Geschichtsbild zimmerte. Seine Filmdokumentationen bieten, wie das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt zur Geschichte des DDR-Fernsehens belegen kann, überraschende Blicke auf die Geistesebene eines Ideologen und in seine Fälscherwerkstatt. Nicht Beliebiges, sondern punktgenau die Schlüsselszenen der kommunistischen Geschichtspropaganda wurden von ihm und seinesgleichen manipuliert.

          Gelesen hat er sie offenbar nicht - der Schnitzler den Fest und den Haffner. Ein seriöses Zitat läßt sich bei ihm nicht finden. Dafür aber fuchtelte er mit beiden Werken - der "Hitler"-Biographie von Joachim C. Fest und den "Anmerkungen zu Hitler" von Sebastian Haffner - in zwei seiner Propagandafilme vor der Kamera herum. Während Schnitzler die Festsche Biographie als "Hitler-Schwarte" schmähte, die Vorbetrachtung aufschlug und die Zeile "Hitler und die historische Größe" zu lesen war, spielte er kennerisch auf Goethes "Faust" an, wo Mephisto über Geschichte als ein Buch mit sieben Siegeln lästert. Auch bei Haffner kam Schnitzler übers Verleumden nicht hinaus. Schnitzler zählte die hundertfünfundfünfzig Seiten über Leistungen, Erfolge, Irrtümer und Fehler des "guten Hitler" zusammen und schloß: "Ganze achtundzwanzig Seiten bleiben für Hitlers Verbrechen."

          Der gefälschte Führer

          War von Schnitzler nur ein Scharlatan, der Geschichte verhackstückte und bundesdeutschen Publizisten nachgeiferte? Die Autobiographie des Karl-Eduard von Schnitzler (1918 bis 2001) und sein nach der Wende erschienener Nekrolog auf die DDR sind reich ein Nebelkerzen, deren Dunst erst weitere Recherche wird lichten können. So spann Schnitzler an der Legende, er habe seinen ersten Nachkriegsjob beim NWDR in Köln verloren, weil dem britischen Kontrolloffizier Hugh Carleton Greene sein antifaschistisches Engagement nicht paßte. Sicher ist jedoch, daß der 1947 in den Osten gekommene Schnitzler groß ins Fälschungsgeschäft einstieg, als er Mitte der fünfziger Jahre gemeinsam mit Annelie und Andrew Thorndike den Propagandafilm "Du und mancher Kamerad" fabrizierte.

          Schnitzlers Lieblingsszene: Hitler 1932

          Im Osten wurde das Machwerk über Krieg und Frieden, über die angeblichen Ursachen und Urheber des Ersten und Zweiten Weltkriegs als "Tatsachenbericht" gefeiert. Die letztlich verwendeten 3000 Meter Film hätten die Dokumentaristen aus über sechs Millionen Metern Archivmaterial, darunter 700 Wochenschauen, ausgewählt. So tritt etwa Friedrich Engels im Jahr 1883 auf, fünfzehn Jahre vor Erfindung des Films, und Kaiser Wilhelm II. hatte das Privileg, schon vor der Einführung des Tonfilms von der Leinwand zu sprechen. Wie die Sozialdemokraten 1914 im Reichstag den Kriegskrediten zustimmten, Hugo Stinnes 1919 von Vögler, Siemens, Borsig und anderen Industriellen Spendengelder forderte, wie kommunistische Demonstranten von der Polizei zusammengeknüppelt wurden und ein gedankenschwerer Kommunist im Güterwaggon ins KZ transportiert wurde - zwecks nachhaltiger Geschichtserziehung wurden solche Spielszenen als "Filmdokumente" kreiert. In ihrer Summe stützten sie die stalinistische Lehre vom Faschismus als Form des Klassenkampfes.

          Hitler und das Monopolkapital

          An einer der gefälschten Szenen hatte Schnitzler einen Narren gefressen. Bis zu seiner letzten Dokumentation "Wie die BRD entstand" (1989) zitierte er genüßlich immer wieder diese eine Szene. Sie war eine Maßanfertigung (siehe unser Bildausschnitt) für das Geschichtsbild der SED: Hitler als der "Handlungsbeauftragte" des Monopolkapitals. Die Szene sollte Hitler ausgerechnet bei seiner Rede vor den Wirtschaftskapitänen im Düsseldorfer Industrieclub (am 27. Januar 1932) darstellen. Zusammengeklebt wurden dafür: ein Stück Stummfilm von Hitler, ein bellender Synchronsprecher, ein Stückchen Text, angelehnt an "Mein Kampf", kombiniert mit einem anderen Fetzchen, nämlich zwei umgeformten Sätzen aus der gehaltenen Rede. Und schon hatten die Filmpropagandisten das Schlüsselereignis in Bild und Ton.

          Hitler bot den Industriellen die Eroberung Rußlands an und bekam den Auftrag: "Wenn wir heute in Europa von neuem Grund und Boden sprechen, können wir dabei nur an Rußland denken und die ihm untertanen Randstaaten. Ob die Armee hunderttausend oder dreihunderttausend Mann stark ist, ist gänzlich belanglos. Acht Millionen werden dazu benötigt." Was freilich Hitler, der mit einer weitschweifigen Rede die Industriellen gewogen stimmen, ja ermüden wollte, damals nicht über die Lippen gekommen war. Die später vielfach, auch und gerade im DDR-Schulfernsehen, zitierte Szene prägte das visuelle Stereotyp von Hitler als dem Beauftragten des Großkapitals.

          Die üblichen Schuldigen

          Kompiliert aus einem Dutzend Dokumentarfilmen und einem Spielfilm aus DDR-Produktion, rekapitulierte Schnitzler 1979 in "Vor 40 Jahren begann der Zweite Weltkrieg" die vorangegangenen vier Jahrzehnte deutscher Geschichte. Er spannte seinen Bogen von den Kriegstreibern aus der Profitwirtschaft und ihrem Werkzeug Hitler über die folgerichtige Niederlage des deutschen Imperialismus bis zum restaurativen Westdeutschland und der DDR auf Friedenswacht. Nicht nur aus "Du und mancher Kamerad" zitierte er fleißig, vor allem delektierte sich sein neues Werk maßgeblich an dem Film "So macht man Kanzler" von Joachim Hellwig, der 1961 am Vorabend der Bundestagswahlen ausgestrahlt worden war.

          Er attackierte Konrad Adenauer als "Traditions- und Rechtsnachfolger" Hitlers. Beide seien von der Großindustrie in den Sattel gehoben worden. Mit sicherem Griff pickte Schnitzler auch hier jene Filmaufnahmen heraus, die zwar gefälscht, aber ideologisch aalglatt waren. So wurde auch dem damaligen Industriellenchef Fritz Berg eine neue Rede in den Mund gelegt: Die Filmemacher ließen ihn aus seinem Bittbrief für eine Adenauerspende vorlesen.

          Sekt oder Kaffee

          Mit Briefen gingen die Thorndikes, Hellwig und Schnitzler überhaupt sehr freizügig um, wenn es ihnen um die Kriegsschuld des deutschen Monopolkapitals ging. Im Film "Vor 40 Jahren begann der Zweite Weltkrieg" reaktivierte Schnitzler eine Sequenz, die schon in den fünfziger Jahren in "Du und mancher Kamerad" einen Privatbrief im Kontext verfälschte. Suggeriert wurde, der Ostlandritter Witting (Inspekteur eines Wehrwirtschaftsbezirks) versichere einem Herrn Bruns, beschäftigt bei Flick als Beauftragter für Mitteldeutschland, daß er die Ausplünderung des Ostens gern vorantreibe. Dabei hatte dieser Witting, statt sich auf Raubzügen zu tummeln, nur im Ostseebad Bansin "Sekt und Kaffee" besorgt und seinen Brief beendet mit "und sehe ihren Wünschen mit Interesse entgegen". Diese Grußformel genügte Schnitzler und Konsorten, um der deutschen Großindustrie schlimmste Kriegsverbrechen anzulasten.

          Schnitzler wußte von den Manipulationen, die sich seit "Du und mancher Kamerad" und "So macht man Kanzler" durch die ostdeutsche Bilderwelt fortpflanzten. Doch Geschichtsklitterung und gefälschtes Dokumentarmaterial hinderten ihn nicht, sich in seiner Autobiographie zu brüsten, daß "es bis zum heutigen Tag nicht gelungen, noch nicht einmal der Versuch unternommen worden ist, mir nachzuweisen, daß ich jemals etwas aus dem Zusammenhang gerissen oder verfälscht hätte".

          Rußlandfeldzug am Ostertisch

          Das Jahr 1983 mit der Erinnerung an die nationalsozialistische Machtergreifung war für die Programmplaner des DDR-Fernsehens ein wichtiger Fixpunkt. Von Hans Bentzien, der zur Wendezeit dessen Intendanz übernahm, gingen drei Dokumentationen über den Bildschirm - linientreu, aber halbwegs seriös gemacht: Hitler, das Ende von Weimar und der antifaschistische Widerstand.

          So viel fremde Kompetenz mußte den selbsternannten Meister deutscher Geschichte herausgefordert haben. Mitten in die Abfolge der Bentzien-Filme wurde Schnitzlers Erklärstück "Was war Faschismus wirklich?" plaziert. Schnitzler setzte sich, wie im Schwarzen Kanal eingeübt, selbst vor die Kamera und dozierte. Dabei prangerte er nicht nur die Pinochet-Diktatur in Chile als faschistoid an, sondern raffte alles zusammen, was irgendwie nach Imperialismus roch. Den Vietnamkrieg, die Unterdrückung der Palästinenser und die Apartheid in Südafrika. Je lebendiger und wütender ein vorgeblicher Faschismus projiziert wurde, desto legitimer sollte die antifaschistische DDR erscheinen.

          Kommunistische Geschichtslegenden

          Diesen Gründungsmythos der DDR bedienten Schnitzler und die anderen Propagandisten damit, daß sie willkürlich Faschismen orteten, um betonen zu können, in der DDR hätte der Antifaschismus seine Heimstatt gefunden, selbst wenn das nach Friedhofsruhe klang. Gern benutzte Schnitzler dafür Bilder von NVA-Soldaten, die Kränze an Gedenkstätten niederlegen, oder zeigte Erich Honecker im Kreise von Verfolgten des Naziregimes - typisch für die Propaganda der achtziger Jahre, die den im Zuchthaus Brandenburg-Görden harrenden Honecker zum führenden Widerständler stilisieren mußte. Schnitzlers Dokumentationen versahen mithin den eng gefaßten Kanon kommunistischer Geschichtslegende mit entsprechenden Schlüsselbildern.

          Die gefälschten Stützpfeiler der Geschichte umrankte Schnitzler zudem gern mit persönlichem Efeu. In den Dokumentationen verwob er Zeitgeschichte und Autobiographie, um sich als Zeuge des letzten Jahrhunderts in Szene zu setzen. Wenn sich ein Karl-Eduard von Schnitzler umblickte, dann wurde manches historisch bedeutsam, weil er oder Mitglieder seiner von ihm herzlich verachteten Familie (die seiner Meinung nach einige "namhafte Kriegsverbrecher" hervorgebracht hatte) dabei waren. So wolle er etwa an Ostern 1931 beim Glaswerksbesitzer Peill in Nörvenich bei Aachen zu Besuch gewesen sein. Peill hätte an der Ostertafel mit Besteck und Messerbänkchen den Rußlandfeldzug der Nazis geplant, so wie ihn Hitler dann "minutiös" in Angriff genommen habe - Kriegsvorbereitung mit Ostergeschirr. Bis zu seinem Tod strickte Schnitzler beharrlich an diesen Legenden, die seine kardinalen Fälschungen mit einem persönlichen Ornament verzierten.

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