30.03.2006 · Es war alles andere als eine Job-Offensive. Und es war nicht einmal unterhaltsam oder innovativ. Was der beachtliche Erfolg von „Germany‘s Next Topmodel“ über unsere Fernsehnation verrät.
Von Uwe Ebbinghaus11.000 Bewerberinnen, 32 wurden zum Vorstellungsgespräch geladen, 12 der Dünnsten kamen in die Endrunde und am Ende strahlt verlegen eine Siegerin, deren Gewinn in einem strapaziösen und ungewissen Arbeitsverhältnis, einem Magazin-Cover und einem Kleinwagen besteht, für den sie mit ihren 18 Jahren womöglich noch keinen Führerschein hat. - Das ist tatsächlich alles andere als eine Werbung für den deutschen Arbeitsmarkt. Die man aber auch nicht erwarten konnte.
Die Verliererinnen, die sich - ebenso wie die Gewinnerin - im Lauf der 9 Casting-Folgen von „Germany's Next Topmodel“ auf Pro Sieben vermessen, wiegen und enthaaren lassen mußten, die angehalten wurden, auf Eiern und in zu kleinen Hochhackern umherzulaufen und sich leicht bekleidet unter Wasser, auf dem Trampolin und nur mit Bodypainting versehen ringsherum ablichten zu lassen, gewannen für diese Strapazen am Ende - so gut wie nichts. Wie unökonomisch. Nur die Zweitplazierte wird das Cover auf dem Katalog eines braven Mode-Versands schmücken. Steht es um die berufliche Zukunft junger deutscher Frauen tatsächlich so schlecht, daß sie sich das antun müssen?
Quoten-Erfolg mit fragwürdiger Qualifikation
Angesichts der Studenten-Proteste in Frankreich liegt die These nahe: Diese Duldsamkeit, diese Aufopferungsbereitschaft für einen Kurs im Laufsteg-Hüftenwerfen und Falsch-Lachen, muß typisch deutsch sein. Wer da nicht streikt, der muß aus Deutschland kommen.
Und auch, daß die Sendung für den ausstrahlenden Sender Pro Sieben ein kleiner Quoten-Erfolg wurde, paßt zu einer verunsicherten Nation, die mit fragwürdig gewordener Qualifikation und alten, wenig aussichtsreichen Konzepten möglichst lange einen sich rapide verschlechternden Status Quo zu erhalten versucht.
Man hofft auf die Zugkraft großer Namen wie Heidi Klum und so steckt eine gewisse Logik darin, daß das gestern von einer fragwürdigen Jury gekürte „Next Topmodel“ Lena fast genau so aussieht wie die Moderatorin in jüngeren Jahren. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang auch, daß der Durchbruch der Sendung sich vor einigen Wochen parallel zum zeitgleich laufenden Italien-Spiel der deutschen Nationalmannschaft vollzog.
Selbst Briatore hat die Models satt
Der Achtungserfolg der Casting-Show - die durchschnittliche Reichweite betrug 4,13 Millionen Zuschauer - ist um so erstaunlicher, je eingehender man ihr Konzept betrachtet, das auf der Suggestion beruht, es sei immer noch attraktiv, Model zu werden, und es sei eine neue Erkenntnis, daß das ein harter Beruf ist. Dabei dürfte sich dieses Wissen - belehrt von exponierten Abstürzen bekannter Models - inzwischen allgemein durchgesetzt haben. Und selbst Flavio Briatore gab kürzlich zu Protokoll, er habe die Models satt. Welch ein Abstieg.
Trotz anfänglicher Bulimie-Erregungen präsentierte sich die Sendung für eine Casting-Show insgesamt als überraschend brav und auf Sicherheit bedacht. Anders als bei den ähnlich konzipierten Vorläufer-Modellen „Big Boss“ und „Deutschland sucht den Superstar“ wurde den Kandidatinnen selten mit Häme begegnet und trotz großer Körperfreiheit nur kleiner Voyeurismus zugelassen. Hierbei haben wohl die Image-Verlustängste der Heidi Klum mit hineingespielt. Was allerdings - so das erbarmungslose Gesetz des Casting-Formats - zu manchmal gähnender Langeweile führte.
Kleinwagen verpatzt Urteilsverkündung
Eine geborene Showmasterin ist die selbstbewußte Geschäftsfrau aus Bergisch Gladbach übrigens nicht, vor allem beim - im Rahmen einer solchen Sendung zwingenden - großen Finale zeigte sie Schwächen, verpatzte durch übertriebene Leutseligkeit und gestört von einem zu Werbezwecken hereinfahrenden Kleinwagen die Urteilsverkündung.
Als nächstes versucht Pro Sieben, die schönen jungen Frauen dieses Landes mit dem Titel einer „Miss Boxenstopp“ zu locken. Es wäre eine hübsche Pointe, wenn diese unschlagbar dümmliche Idee zusammen mit den „Topmodels“ einer anderen, unschlagbar altväterlichen zum Durchbruch verhilft: Es war noch nie so attraktiv wie heute, etwas Anständiges zu lernen. Sonst landet man am Ende noch auf dem Cover der deutschen „Cosmopolitan“.
Unvollständiger Artikel
Alfred Tetzlaf (M0ndmann)
- 30.03.2006, 16:05 Uhr
Einfach alles schlechtreden....
Parham Shahidi (parhamshahidi)
- 30.03.2006, 17:35 Uhr