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George Lucas wird 70 : Der Inneneinrichter der Massenseele

George Lucas, ein Regisseur, der wie ein Produzent denkt. Jetzt wird er 70 Jahre alt. Bild: dpa

Auf dem Papier war sein Hauptwerk „Star Wars“ nicht gerade überzeugend, im Kino aber wurde es pure Magie: George Lucas zum siebzigsten Geburtstag.

          Als seine Stunde und die seiner folgenreichsten Schöpfung „Star Wars“ 1977 kam, war George Lucas nicht aufzuhalten - das Science-fiction-Kino wie das Blockbusterwesen insgesamt hatten schlagartig einen neuen Chef. Dabei sahen hochkarätige Leute, die sich im futuristischen wie im filmischen Geschäft auskannten, seinen Durchmarsch eher ungern: Der seinerzeit vielgelesene Science-fiction-Autor Ben Bova gab bekannt, ihm missfalle der Film „most emphatically“, und die große Kinokritikerin Pauline Kael erklärte streng, Lucas sei kein sonderlich begabter Filmemacher, ja, sein Triumph habe eine glorreiche Ära des amerikanischen Kinos brutal beendet: die Siebziger, in denen der Eigensinn von Leuten wie Coppola und Altman den Ton angegeben hatte. Jetzt, seufzte Kael, werde sich eine ganze Kunstform der Geldmaschinenlogik von Produzenten unterwerfen, die zwar auch ab und zu ein echtes Talent hervorbringe - etwa Steven Spielberg -, im Ganzen aber bald „Latrinen“ aus den damals noch neuen Multiplexen machen werde.

          Bova und Kael lagen nicht komplett daneben: Mit Science-fiction als Möglichkeitenkunst hat der bis heute ungebremst expandierende „Star Wars“-Kosmos nicht mehr zu tun als ein toller Flipper-Automat, und dass Lucas persönlich zwischen 1999 und 2005 das Vorspiel-Triptychon zur ersten „Star Wars“-Trilogie mit wissenschaftlichem Extra-Nonsense befrachtete, der einige der schönsten Absurditäten der zwischen 1977 und 1983 entstandenen Episoden 4 bis 6 aufhellen sollte - die an okkulten Energie-Mumpitz wie Vril, Orgon oder Chi erinnernde „Force“ etwa entpuppte sich als Ausscheidungsprodukt bizarrer Mikroorganismen -, machte den Unfug auch nicht seriöser.

          Vergangenheitsbeschwörung und Riefenstahl-Zitat

          Bovas Einwand gilt also weiterhin; und Kaels Reserve nicht minder. So unbestreitbar es in Hollywood gelegentlich Produzenten gab, die wie Künstler dachten (Val Lewton zum Beispiel), so offensichtlich war und ist Lucas ein Regisseur, der wie ein Produzent denkt (und damit sogar, siehe die „Indiana Jones“-Filme, dem abgebrühten Spielberg hin und wieder ein paar Tricks beibringen konnte). Nur hat der Mann mit „Star Wars“ unter Plünderung der halben Mythengeschichte, vergilbter „Flash Gordon“-Comics von Alex Raymond und komischer Hippie-Theorien übers wahre Selbst eben auch etwas geschaffen, das so unvergesslich wie ungereimt bleibt, egal, was dagegen von Seiten des vernünftigen Hirns vorliegen mag - sein Sternenkrieg ist Popkunst von Beatles-Format, nicht einfach, wie Kael wähnte, das sterile Gegenteil von Autorenwerken wie denen Coppolas.

          Sein Lebenswerk, das Star-Wars Universum, expandiert auch heute noch ungebremst.
          Sein Lebenswerk, das Star-Wars Universum, expandiert auch heute noch ungebremst. : Bild: dpa

          Es war übrigens ebendieser Coppola, bei dem Lucas Ende der Sechziger in die Lehre ging und dessen Arbeitsweise er in einer sehenswerten Dokumentation vivisezierte, bevor er sich eine eigene, ganz andere ausdachte - die Handschrift des George Lucas, von der sentimentalen Vergangenheitsbeschwörung („American Graffiti“, 1973) übers schamlose Riefenstahl-Zitat gegen Ende von „Star Wars“ bis hin zu Sonnenaufgängen über Städten aus Stahl und bekifftem Wahnsinn, hat ihre innere Triftigkeit, deren Glanz auch Science-fiction-Snobs nicht unterschätzen sollten: Das knackige Debüt „THX 1138: 4EB“ von 1967 und die Spielfilmversion desselben Projekts, die vier Jahre später entstand, müssen den Vergleich mit jüngeren Arbeiten ähnlichen Zuschnitts zwischen Andrew Niccols „Gattaca“ (1997) und „Moon“ (2009) von Duncan Jones nicht scheuen.

          Man kann sagen, dass der Ausdruck „Kulturindustrie“, den Adorno und Horkheimer auf das Studiosystem von Hollywood gemünzt hatten, erst mit Lucas von der Unheilsprophetie zur Wahrheit wurde. Denn nach Marx beginnt die moderne Industrie im entfalteten Stadium erst, wenn Produktionswerkzeuge andere Produktionswerkzeuge herstellen - bei Lucas aber erreichte das die Ästhetik: Reale Maschinen (Rechner) stellen uns fiktive Maschinen (Roboter, Raumschiffe) in die Phantasie wie unbeherrschbare Möbel in die innere Wohnung.

          Damit hat der filmende Hippie aus Modesto Schule gemacht: Ganz Silicon Valley träumt heute diesen nicht ungefährlichen Traum. Am heutigen Mittwoch wird George Lucas siebzig Jahre alt.

          Quelle: F.A.Z.

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