13.02.2006 · George Clooney ist nicht nur ein Frauenschwarm und Schauspieler, sondern auch ein wacher politischer Beobachter. Im Interview mit der Sonntagszeitung spricht er über den Karikaturenstreit und Amerikas Politik.
Er ist so smart, so charmant und so gutaussehend wie in seinen Filmen. Die fünfzehn Kilo, die er für die Rolle des alternden CIA-Agenten in „Syriana“ zulegte, sind auch längst wieder weg. Er ist einfach George Clooney, und er ist auf die Berlinale gekommen, um „Syriana“ (Regie: Stephen Gaghan) vorzustellen, den er auch produziert hat und der am 23. Februar in unsere Kinos kommt.
Mr. Clooney, in „Syriana“ geht es um Öl und Macht und damit auch um den Konflikt zwischen der muslimischen und der westlichen Welt. Ich nehme mal an, Sie haben deshalb auch von dem Karikaturenstreit gehört.
Klar. In meinem anderen Film „Good Night, and Good Luck“, der zur Zeit in den amerikanischen Kinos läuft, geht es ja auch um dieses Thema, um die Freiheit der Rede. Aber das hier ist eine heikle Sache. Ich bin natürlich zuerst auf der Seite der Pressefreiheit, ich bin schließlich der Sohn eines Journalisten, mein Vater hat vierzig Jahre als Nachrichtenmann gearbeitet. Freiheit der Rede heißt natürlich nicht, daß man in ein volles Kino läuft und „Feuer“ brüllt. Ich glaube aber, es gibt einen Punkt, an dem man einen Schritt zurücktreten muß, um das Ganze sich abkühlen zu lassen, anstatt es zu forcieren. Inzwischen macht man den Abdruck der Karikaturen zur Nachricht und nicht die Karikaturen selbst. Das ist ein bißchen schief.
Beunruhigt es Sie, wenn die Formel vom „Kampf der Kulturen“ jetzt wieder so populär wird?
Es beunruhigt mich schon. Erinnern Sie sich an die Unruhen in Los Angeles, als die Polizisten, die Rodney King verprügelt hatten, freigesprochen wurden. Es war ein Verbrechen, daß die Verantwortlichen davongekommen sind. Ich war wütend. Als dann die Gewalt ausbrach, als 52 Leute starben und die Stadt in Flammen stand, begriff man plötzlich, warum der Zorn so tief saß. Eben nicht nur wegen Rodney King, sondern weil jeder Schwarze in Los Angeles von vornherein von der Polizei anders behandelt wird. Das ist damals hochgekocht. Heute scheint mir etwas Ähnliches zu passieren. Es hat weniger mit den Karikaturen zu tun als mit dem schwelenden Zorn.
In „Syriana“ ist der gesamte Zündstoff im Prinzip schon da, radikale Islamisten und Selbstmordattentäter eingeschlossen.
Der Film sollte von Anfang an so realistisch wie möglich sein, und je länger die Postproduktion dauerte, desto aktueller erschien er uns. Das ist insofern nicht überraschend, als diese Konflikte nicht erst mit der Bush-Regierung aufgetaucht sind, sie existieren ja seit Jahrzehnten.
Jedermanns Liebling bleibt man mit solchen Filmen nicht.
Ach, von dieser Liste bin ich schon lange gestrichen, seit ich damals, nach „Confessions of a Dangerous Mind“, von der Berlinale wiederkam und an den Friedensdemonstrationen in Berlin und London teilgenommen hatte. In London fragte mich jemand: „Steuern wir in einen Krieg?“ Und ich antwortete: Wir müssen eine Menge Fragen beantworten, bevor wir junge Leute in den Krieg schicken. Als ich nach Hause kam, war mein Bild auf der Titelseite eines Magazins, und man nannte mich „Verräter“. Es gab Websites, die mich beschimpften, sogar Kartenspiele mit meinem Bild, unter dem „Verräter“ stand. Es gab eine Fernsehshow zu dem Thema, warum meine Karriere vorbei sei. Aber ich war immer ein politischer Mensch. Und da habe ich mir gedacht, wenn ihr mich schon einen Verräter nennt, setze ich mich halt hin und schreibe was. Daraus wurde das Drehbuch zu „Good Night, and Good Luck“ über die McCarthy-Ära, mit dem ich daran erinnern wollte, wie oft Panikmache benutzt wurde, um bürgerliche Freiheiten einzuschränken.
Heute reicht schon weniger, um als Verräter oder Liberaler beschimpft zu werden.
Als wir 1999 „Three Kings“ machten, kümmerte sich keiner um Politik. Die Army hat den Film sogar unterstützt. Dann wurde es richtig schwierig. Als wir an „Syriana“ und „Good Night“ arbeiteten, hat uns niemand ermutigt. Es war sehr haarig. Aber nach „Katrina“ mußte sich dann diese Regierung zum ersten Mal den Fragen der Presse und der Öffentlichkeit stellen. Jede andere Regierung in der Geschichte unseres Landes hat sich solchen Fragen gestellt, nur diese nicht. Sie hat immer nur Patriotismus gefordert, Patriotismus für einen Krieg, den man einfach nicht gewinnen kann. Ein Krieg gegen den Terror, wie definiert man denn da einen Sieg? Etwa, daß wir uns sicher fühlen, weil es keinen Terrorismus mehr gibt? Es hat immer Terrorismus gegeben. Aber nach „Katrina“ haben die Verantwortlichen Druck bekommen, weil sie Urlaub machten, während die Leute ertranken. Dadurch wurde es möglich, den Präsidenten auch für andere Dinge in die Verantwortung zu nehmen, ohne deshalb gleich als unpatriotisch beschimpft zu werden.
Sie beziehen eine klare Position, aber „Syriana“ analysiert mehr, als daß er moralisierte.
Letztlich dreht es sich ja um einen Mechanismus, darum, daß wir seit Jahrzehnten die Politik im Nahen Osten zu beeinflussen versuchen. Es ist doch eine völlig verfehlte Politik, selber Terroristen zu unterstützen, um sich mehr Sicherheit zu verschaffen. Sorry, aber jetzt habe ich den Faden verloren, ich habe schon vierzig Interviews hinter mir, helfen Sie mir ...
Es ging darum, daß der Film nicht moralisiert.
Genau! Wir wollen den Leuten nicht predigen, was sie denken sollen, wir stellen Fragen, und die Zuschauer sollten sie sich auch stellen, ohne sich deshalb gleich als unpatriotisch fühlen zu müssen. Wir müssen die Antworten nicht geben. Hollywood liegt meist daneben, wenn ein Star aufsteht und sagt, was er denkt. Es ist besser, sich hinzustellen und zu sagen: Das sind die Fragen, die wir stellen sollten.
Ist Hollywood nicht auch konservativer geworden? Es gibt mittlerweile Produzenten, die „Syriana“ oder auch Spielbergs „München“ für politisch suspekt halten.
Es hat sich ein wenig gedreht. Es gab zwar schon immer Konservative in Hollywood, denken Sie an Charlton Heston oder John Wayne. Große Stars waren häufig konservativ, und je reicher sie wurden, desto konservativer wurden sie auch. Der zentrale Unterschied aber ist: Ein Charlton Heston hat sich in den sechziger Jahren noch für die Bürgerrechtsbewegung engagiert. Konservativ zu sein war nicht direkt mit Religiosität verbunden. Heute ist es das. Und das macht es wahnsinnig schwer, religiös zu sein, ohne konservativ zu sein. Und genauso schwer ist es, konservativ zu sein, ohne religiös zu sein. Darin liegt das Problem. Seit sich die republikanische Partei entschlossen hat, das Religiöse dominieren zu lassen, seit Ende der achtziger Jahre also, ist die Polarisierung stärker. Die meisten waren doch bis dahin Konstitutionalisten, die die Trennung zwischen Kirche und Staat für elementar hielten.
Diese direkte Fusion von Religion und Politik erinnert fatal an die muslimische Welt.
Das stimmt. Wir haben beschlossen, dem Nahen Osten die Demokratie zu bringen. Also gab es über die Jahre Wahlen in Iran, im Irak, in Palästina, und jetzt haben wir dort lauter Theokratien. Hardcore-Theokratien! Wir drängen die Leute zur Demokratie, und sie wenden sich prompt von ihr ab. Aber Demokratie funktioniert nur von innen nach außen. Wenn wir in Amerika eine Monarchie hätten und die Franzosen uns angriffen, um uns die Demokratie zu bringen, dann würden wir sie zum Teufel schicken. Es geht darum, daß die Leute sich nichts aufzwingen lassen wollen. Umgekehrt lassen wir üble Diktatoren wie Mugabe in Ruhe, weil es dort kein Öl gibt. Wir haben Charles Taylor in Liberia gewähren lassen, und Pinochet war ja auch lange im Amt. Es geht um Öl.
Ihre Karriere haben solche Äußerungen bislang noch nicht beschädigt.
Das hätte aber leicht passieren können. Als Mensch bin ich jedoch ein politisches Wesen, und bisher habe ich bei allem, was ich gemacht habe, etwas riskiert und Glück gehabt. An einem bestimmten Punkt in der Karriere eines Schauspielers oder Künstlers wird man jedoch scheitern. Also soll man so lange tun, was man will, wie man es kann. Ich kriege heute jeden Film, den ich machen will, durch.
Statt George könnten Sie sich inzwischen Oscar nennen, nach den zahlreichen Nominierungen für „Syriana“ und „Good Night, and Good Luck“.
Ja, das ist toll. Aber was mich wirklich befriedigt, das ist, daß ich mich damals mit Wut im Bauch hingesetzt und ein Drehbuch geschrieben habe, und jetzt ist „Good Night“ für sechs Oscars nominiert, und „Syriana“ auch noch mal für zwei. Darauf bin ich stolz. Und weil wir Erfolg haben, können wir den nächsten Film machen. Das ist das ganze Geheimnis. Du mußt den Ball immer wieder nach vorne spielen. Wir können uns hinstellen und dem Studio sagen: Ihr kriegt eure Investition zurück, ihr verdient sogar noch Geld, wir sind für die Oscars nominiert. Und wenn du auf den Bauch fällst, lassen sie dich nicht mehr ran. Das ist das Geschäft.
Wie bekommen Sie das alles zusammen: Schauspieler, Regisseur, Autor, Produzent? War das schon immer Ihr Ziel?
Nein, anfangs wollte ich nur Schauspieler sein. Ich bin keiner, der gern in seinem Trailer, seinem Wohnwagen, sitzt. Ich komme aus Kentucky, da prahlst du bei den vielen Trailerparks dort nicht mit einem großen Trailer. Wir halten uns lieber fern davon. Ich war immer gern am Set und bin auf diese Weise mehr und mehr reingerutscht.
Als Produzent hätten Sie sich die Folterszene in „Syriana“ verbieten müssen, bei der Sie eine schwere Rückenverletzung erlitten.
Die Szene war meine Idee. Das hätte ich lieber nicht tun sollen, jetzt habe ich eine Narbe vom Nacken den ganzen Rücken hinunter, es war eine schwere Operation und eine lange Rekonvaleszenz.