So scharf, so knallig bunt und mit knarzfreiem Ton haben wir „Singin’ in the Rain“ noch nie zu Gesicht und zu Gehör bekommen. Das Rot der Prospekte im Hintergrund sieht aus wie frisch gestrichen, das grüne Cocktailkleid von Cyd Charisse mit den Perlenfransen, durch die hindurch ihre endlos langen Beine jede Bewegungsfreiheit haben, ihr froschgrüner Schuh, auf dem Gene Kellys Hut balanciert - nie sahen sie so aus wie gerade aus dem Moos gepflückt. Jetzt schon. Die Blu-ray-Edition, die aus Anlass des sechzigsten Jubiläums des rundum restaurierten Films und des hundertsten Geburtstags von Gene Kelly dieser Tage erscheint (Zwei-Disc-Set, mit Audiokommentaren von Debbie Reynolds, Donald O’Connor, Cyd Charisse, Stanley Donen und anderen und einem Booklet, bei Warner), könnte besser nicht aussehen. Das ist der technische Teil. Aber hat auch der Film die sechzig Jahre überlebt?
Besser, als man denkt angesichts des Zustands des Genres heute. Es ist schon lange her, dass ein Musical Geschichte machte, vielleicht genau jene sechs Jahrzehnte, die zwischen der Premiere von „Singin’ in the Rain“ und heute liegen. Der Film betrat tatsächlich ein neues Terrain, was wir heute vielleicht noch deutlicher sehen, weil wir die Folgen kennen.
Vorläufer des Hip-Hop
Tanzen und Singen in bunten Kostümen war natürlich erst mal gar nichts Neues, und MGM, das Studio, aus dem „Singin’ in den Rain“ kam, war berühmt für seine grandiosen Ausstattungsmusicals. Und mit seinen Musiknummern blieb dieser Film völlig auf dem ausgetretenen Teppich - es sind sämtlich Songs aus dem MGM-Repertoire. „Jukebox-Musical“ nannte man das damals etwas abfällig, und wie der Film klang, mag dazu beigetragen haben, dass er den Zuschauern vertraut vorkam.
Denn außergewöhnlich ist alles andere. Die Geburt des Breakdance hätten wir, bevor wir „Singin’ in the Rain“ jetzt wiedersahen, nicht ins Jahr 1952 gelegt - aber in Donald O’Connors Nummer „Make them laugh“ hat der Hip-Hop einen in Präzision, Akrobatik, Tempo und showmanship kaum je wieder erreichten Vorläufer. Und wie hier eine Geschichte vom Beginn des Tonfilms und von den Tumulten um die Stimmen der bisher stummen Stars durch eine historische Kostümklamotte aus der Zeit der französischen Revolution hindurch zur „Broadway Melody“ und in den berühmten Tanz im Regensturz geknetet ist, bleibt unfassbar und jenseits aller Konvention. Allein die zungenbrechenden Sprechübungen (Moses supposes his toeses are roses / But Moses supposes erroneously / And Moses, he knowses his toeses aren’t roses / As Moses supposes his toeses to be), die unter Zuhilfenahme aller in der Nähe herumliegender Gegenstände in artistische Tanznummern ausarten, sind unerreicht. Der diesjährige Oscargewinner „The Artist“, der ja eine Art Remake war (ohne auch nur annähernd vergleichbare Tänzer), hat da deutlich weniger gewagt und eine Plausibilität in die Story gebracht, die im Original weder angestrebt noch nötig war.
Muskeln, Draufgängertum und Unterhemd
„Singin’ in the Rain“ war Kellys Meisterstück (er teilte sich die Regie mit Stanley Donen), in dem er selbst und seine Partner alles zeigen konnten, was sie nach halsbrecherischen Proben zu tanzen imstande waren. Debbie Reynolds war, anders als Kelly, O’Connor und Cyd Charisse, keine ausgebildete Tänzerin, aber mit ihrer sportlichen Bewegungsfreude und jeder Menge Training fällt das selbst in einer Nummer wie „Good Morning“, die sie mit den beiden Männern tanzt, nicht auf.
Nur wünschte man sich, Gene Kelly hätte nicht immer seine strahlend weißen Zähne entblößt und das Publikum, an dessen Stelle die Kamera steht, zu der er hintanzt, angefletscht wie ein Autohändler. Er hätte das gar nicht nötig gehabt, so wie er tanzen konnte. Vielleicht trug er immer dieses Verkäuferlächeln zur Schau, weil er in New York auf der Bühne zwar früh, in Hollywood aber eher spät zum Erfolg kam und weil alle, wenn es ums Musical ging, erst mal Fred Astaire meinten. Sich von diesem Naturgenie der Eleganz und Fußfertigkeit im Ballsaal abzusetzen und ihm doch ebenbürtig zu sein, das blieb Kellys Ehrgeiz. Er wollte anders tanzen, wie ein Mann von der Straße, athletischer, eindeutig männlich im Sinn von Muskeln, Draufgängertum und Unterhemd - worüber er gleichzeitig ironisch hinwegsprang und sich drehte und die Knie einknicken ließ wie in einer kurzen Synkope. In „Singin’ in the Rain“ hat er damit Filmgeschichte gemacht. Nicht nur in Hollywood reden sie immer noch davon.
... will ich das?
Klaus Mueller (Jeeves3)
- 23.08.2012, 19:39 Uhr