19.06.2010 · Sie ist der Star der Rebellion gegen das Star-Kino: Gena Rowlands hat nie viele Worte darüber gemacht, worauf es im Kino ankommt - sie hat es gezeigt. Und Gratwanderungen geschafft, an denen Sharon Stone gescheitert ist.
Von Andreas KilbAm Ende von John Cassavetes' Film „Eine Frau unter Einfluss“ kehrt Mabel Longhetti, gespielt von Gena Rowlands, nach längerem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik zu ihrer Familie zurück. Ihr Mann Nick (Peter Falk) hat die gesamte Verwandtschaft zusammengetrommelt, um sie zu begrüßen. Aber das Wiedersehen geht schief. Mabel fühlt sich von den Umarmungen der Verwandten erdrückt und flieht zu ihren Kindern. Beim Abendessen gerät das Fest aus den Fugen. Mabel tanzt und mimt den Sterbenden Schwan, während Nick die Gäste fortschickt. Dann versucht sie sich in der Toilette die Pulsadern aufzuschlitzen. Nick schlägt sie mit der flachen Hand zu Boden. Die Kinder schreien nach ihrer Mutter. Die Eltern beruhigen sie. Anschließend bringen sie gemeinsam die Kinder ins Bett. Nick verpflastert Mabels Wunde. „Liebst du mich?“ - „Ja . . . Lass uns diesen Kram aufräumen.“ Während sie das Haus in Ordnung bringen, läuft der Abspann.
Für das, was in diesem Film - und in fast allen anderen Filmen, die Cassavetes und Gena Rowlands zusammen gedreht haben - zwischen der Kamera, den Schauspielern und dem Zuschauer passiert, gibt es verschiedene Erklärungen. Die naheliegendste bezieht sich auf die Arbeitsweise von Cassavetes, auf die Mischung von Konzentration und Improvisation, die er von seinen Darstellern verlangte. Eine andere bringt die Freiheiten des Kinos der siebziger Jahre ins Spiel, die Lust am Experiment, die feministische Bewegung, die zu jener Zeit ihren Höhepunkt erreichte und für die „Eine Frau unter Einfluss“ ein Schlüsselwerk war. Eine dritte schließlich könnte von der Überschneidung von Arbeit und Existenz im Kinoschaffen des Ehepaars Rowlands/Cassavetes reden, von der Rücksichtslosigkeit, mit der beide ihr Privatleben zum Gegenstand ihrer Kunst machten, von „Minnie und Moskowitz“ (1971) bis „Love Streams“ (1984) - und ganz besonders hier, im Requiem auf die Familienhölle von 1974, das zugleich das rührendste, irrwitzigste und unvergesslichste Loblied auf die Familie ist.
Ikone des amerikanischen Independent-Kinos
Aber am Ende versagen doch alle Erklärungen vor der Wirklichkeit der Bilder. Über das, worauf es im Kino eigentlich ankommt, lassen sich nicht viele Worte machen, und Gena Rowlands, die Ende der vierziger Jahre aus Cambria in Wisconsin nach New York kam, um Schauspielerin zu werden, hat nie viele Worte darüber gemacht. Bevor sie von John Cassavetes, mit dem sie seit 1954 verheiratet war, mit „Faces“ für das Kino entdeckt wurde, spielte sie in zahlreichen Fernsehserien, und auch nach Cassavetes' frühem Tod im Jahr 1989 war sie öfter auf dem Bildschirm zu sehen, zuletzt in „Navy CIS“ und „Monk“.
Dazwischen aber, in den siebziger und achtziger Jahren, war sie die Ikone des amerikanischen Independent-Kinos, der Star der Rebellion gegen das Starsystem. Diesen Rang hat sie sich im Grunde mit drei Rollen erspielt: als Theaterdiva Myrtle Gordon in „Opening Night“ (1978), als Mabel in „Eine Frau unter Einfluss“ - und als Gangsterbraut Gloria in Cassavetes' Film von 1980.
So bleibt das Kind in dir lebendig
Der Regisseur wollte diese Geschichte, die von einem kleinen Jungen und einer alternden Frau auf der Flucht vor der Mafia erzählt, eigentlich nicht selbst inszenieren, und das Happy End kam ihm so unwahrscheinlich vor, dass er es in Schwarzweiß drehte. Dennoch glaubt man „Gloria“ jedes Wort, und das liegt allein an Gena Rowlands. Als Sidney Lumet vor zwölf Jahren mit Sharon Stone den Film noch einmal drehte, sah man erst, welche Gratwanderung „Gloria“ in Wahrheit ist - eben weil Stone und Lumet daran scheiterten.
Wenn die Schauspielerin, die neben ihren großen Rollen auch in den Filmen ihrer Kinder Nick („Ein Licht in meinem Herzen“, „Wie ein einziger Tag“) und Zoe Cassavetes („Broken English“), bei Terence Davies („Die Neobibel“), Woody Allen („Eine andere Frau“) und Jim Jarmusch ( Night on Earth“) aufgetreten ist, heute an diese Zeit zurückdenkt, könnte ihr ein Satz ihres verstorbenen Mannes einfallen: „Egal wie alt du bist, wenn du dir die schöpferische Sehnsucht erhältst, bleibt das Kind in dir lebendig.“