http://www.faz.net/-gqz-shh0

Gastregie : Quentin Tarantino veredelt „CSI“: „Grabesstille“

Als hätte Nick nicht schon genug Sorgen: Feuerameisen fallen im Sarg über ihn her Bild: Foto: VOX/VP

Wie ein Einbrecher, dem der gelungene Bruch mehr bedeutet als die fette Beute, verfährt Quentin Tarantino als Gastregisseur der Krimiserie „CSI“: Rein ins Fernsehen und wieder raus, viele Spuren hinterlassend, ohne nachlässig zu sein.

          Wenn der Kinokritiker mit pochender Schlagader und tomatenrotem Kopf die Vorführung des Westernfilms verläßt und brüllt: „Pferde! Nichts als Pferde! Wäre es zuviel verlangt, wenigstens ein Motorrad unterzubringen?“, ist er entweder erheblich betrunkener als sonst oder hat etwas Wichtiges und Grundlegendes nicht verstanden. Setzt er sich danach vor den Fernseher und erwartet ausgerechnet von diesem Apparat, daß der ihm seine Lieblingstheorie über die Entstehung von Filmen bestätigt, wonach weder Drehbuchschreiber noch Produzenten von übergeordnetem Interesse für die Kritik sind, sondern einzig und allein der Regisseur als Autor (oder wie das bei Cineasten heißt: „Auteur“) des jeweiligen Werks zu gelten hat, dann wird er eine Enttäuschung erleben, die ihn weit schlimmer treffen dürfte als noch so viele Pferde.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Beim Qualitätsfernsehen geht es simpel zu; man achtet, weil das Zeug termingerecht fertig werden muß, auf die drei großen Selbstverständlichkeiten des Fachs:
          1.) kein guter Film ist je aus einem schlechten Drehbuch gesaugt worden,
          2.) ein Genre, das auf sich hält, hat seine eigenen Gesetze (Pferde!), und
          3.) ein Regisseur, der zu deutlich mit seiner sogenannten Handschrift im visuellen Text der jeweiligen Geschichte herumschmiert, macht sich lächerlich und das Werkstück kaputt.


          Regie als kostengünstige Egodusche

          Wo gemäß diesen Bauernregeln gearbeitet wird, ist der Posten des Regisseurs so nachrangig, daß etwa bei „Dallas“ selbst Patrick „Bobby Ewing“ Duffy und bei „Akte X“ David „Fox Mulder“ Duchovny als Regisseure vereinzelter Folgen firmieren durften, weil man auf diese Weise den Stars eine relativ kostengünstige Egodusche spendieren kann.

          Berühmter als die wechselnden armen Pinsel, die hundertmal am Tag „Action!“ schreien müssen, sind im DVD- und Internetzeitalter der Fernsehzweitverwertung die Schöpfer selbst: daß „Lost“ und „Alias“ von J.J. Abrams stammen, daß Chris Carter hinter „Akte X“ und „Millennium“ steckt und daß Joel Surnow und Robert Cochran „24“ geschaffen haben, wissen heute längst nicht mehr nur Fans dieser Shows (wieviel reale Kontrolle über ihre Geschöpfe diese Sorte Prominenz für die jeweiligen Kreativen tatsächlich bedeutet, ahnen indes nur die Manager, Buchhalter und Anwälte der Produktionsfirmen).

          Ein Finale, das sich gewaschen hat

          Zahlreiche in die „Auteur“-Theorie verliebte Kinokritiker mögen den Filmregisseur Quentin Tarantino, weil er liefert, wovon sie leben: Handschrift, angewandtes Popkulturwissen, wiedererkennbare Obsessionen - es ist alles da. Peinlich berührt diese Kritiker gelegentlich freilich der Umstand, daß Tarantino selbst weniger den Regiezirkus per se als vielmehr eine Menge Dinge mag, die sich aus der gewissenhaften Beachtung obengenannter drei Selbstverständlichkeiten speisen - zum Beispiel gutes Serienfernsehen.

          Seine Schwäche für „CSI“, die erfolgreichste und innovativste Krimifernsehmarke seit „Miami Vice“, hat ihn den Machern dieser Show empfohlen; in enger Zusammenarbeit mit ihrem Schöpfer Anthony E. Zuiker, dessen rechter Hand Carol Mendelsohn und Naren Shankar von der hart umkämpften Front der ausführenden Produktion durfte Tarantino daher für die fünfte „CSI“-Staffel ein zweiteiliges Finale namens „Grabesstille“ stemmen, das sich gewaschen hat.

          Erheblich unheimlicher, als von vergleichbaren Fällen gewohnt

          Ein Verbrecher, dessen operatives Geschick den wissenschaftlichen Ermittlungsmethoden der „Crime Scene Investigators“ in nichts nachsteht, entführt deren Kollegen Nick (George Eads), sperrt ihn in einen Plexiglassarg unter der Erde, installiert eine Web-Cam, durch deren Linse die Elitetruppe um Gil Grissom (William Petersen) dem armen Kerl beim Durchdrehen und Ersticken zugucken kann, und verlangt ein Lösegeld. Die Summe wird beschafft, aber die Übergabe scheitert blutig. Rasch stellt sich heraus, daß sowohl Motiv wie Vorgehensweise des Entführers erheblich unheimlicher sind, als man in vergleichbaren Fällen gewohnt war.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Man kennt ihn noch: Barack Obama, hier bei einer Zeremonie zum Gedenken an Nelson Mandela in Südafrika vergangenen Monat.

          Zwischenwahlen in Amerika : Demokraten hoffen auf Obama

          Für viele Demokraten ist Trumps Amtsvorgänger nach wie vor ein Star. Sie hoffen, dass Barack Obama in den Wahlkampf eingreifen wird. Noch hält sich Obama zurück – aber er denkt schon an 2020.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.