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Über Despoten im Film : Kino muss nicht Krieg sein

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Niemand spricht über die Angst beim Filmemachen und die Scham bei Sexszenen: Szene aus Dörries Film „Nackt“ (2002). Bild: Picture-Alliance

Noch immer glauben viel zu viele Regisseure, das Inszenieren eines Films sei ein despotischer Akt. In Wahrheit haben sie alle nur Angst. Ein Gastbeitrag

          Immer wieder ist in der letzten Zeit von übergriffigen, gewalttätigen und despotischen Regisseuren die Rede gewesen, von Regisseurinnen eher nicht. Als ich Mitte der siebziger Jahre als eine von wenigen Frauen auf die Filmhochschule in München ging, wurde als wichtigste Eigenschaft für einen zukünftigen Regisseur Besessenheit verlangt. Wie ein Dämon sollte das Filmemachen einen quälen, würgen, um Schlaf und Verstand bringen, Genialisches aus den eigenen Untiefen hervorgekramt und ausgekotzt werden, alles der Vision eines großartigen Films geopfert werden. Freundlichkeit und moralische Anwandlungen standen da nur im Weg. Alle gaben sich wirklich größte Mühe. Eifrig übten wir Selbstherrlichkeit und Geniegestus. Ein Genie diskutiert nicht. Nie. Das war praktisch, denn wenn man nachgefragt hätte, wie die Vision des großartigsten Films aller Zeiten denn nun genau aussehen sollte, wäre bei den meisten nur lauwarme Luft entwichen.

          Das Genie als besessener Regisseur trug damals wie nach Vorschrift ein Kostüm, das aus sehr viel schwarzem Leder und einer Pilotenbrille bestand. Das einzige Auto, das dazu passte, war eine Citroën Déesse. Der Regisseur und die Göttin. Ich fuhr Fahrrad und hatte sowieso schlechte Karten, da Frauen nach männlicher Überzeugung keine künstlerischen Genies seien können und auch im Fach Besessenheit ziemlich schlecht abschneiden, weil sich das nicht gut mit Betreuung und Verpflegung von Mann und Kindern verträgt. Das männliche Genie braucht immer andere in einer betonharten Hierarchie um sich herum, die dafür zu sorgen haben, dass das Genie in Ruhe Genie sein kann. Für Frauen gibt es noch die hübsche Funktion der Muse. So wie es keine weiblichen Genies gibt, gibt es auch keine männlichen Musen. Oder schon mal von einem Muserich gehört?

          Mir fehlte die Lust auf Krieg

          Obwohl damals rings herum antiautoritäres Verhalten gefordert und diskutiert wurde, schien das für Filmregisseure nicht in Frage zu kommen. Am Theater gab es Mitbestimmungsmodelle, an der Filmhochschule lehrten jedoch ältere, erfahrene Regisseure mit leuchtenden Augen das ewige Mantra: Film ist Krieg! Auffällig war, dass keiner von ihnen wirklich im Krieg gewesen war. Der Drehort als Kriegsschauplatz, der Regisseur als General: Alles hört auf mein Kommando, ich rufe Action! – und Tausende von Komparsen kämpfen sich durch den Schlamm, Männer werfen wutentbrannt Regale um, Frauen entkleiden sich, kichern, kreischen, weinen oder ballern in Ledercorsagen mit Maschinengewehren – das war geil, Rock ’n ’Roll. Ein toller Beruf!

          Doris Dörrie lernte, eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, bei der niemand Angst haben muss: Szene aus ihrem Film „Ich und Er“, 1987

          Wir studierten die Filme von Regisseuren, die sich einen falschen Adelstitel und eine ausgedachte Uniform samt Reitgerte zugelegt hatten (von Stroheim), Wüteriche, Haudegen, Womanizer (Lang, Huston, Käutner, Kazan und sehr, sehr viele andere), während gleichzeitig Fassbinder seine Schauspieler und Teamleute quälte und Herzog behauptete, für jeden Film müsse man sein Leben riskieren. Ich fand da nicht so recht mein Vorbild. Obwohl mir meine Schwestern sicherlich Talent zur Tyrannin bestätigt hätten, fehlte mir die Lust auf Krieg. Ich schaute den Kommilitonen bei ihrer intensiven Selbstinszenierung zu und stellte fest, dass viele in Wahrheit vor Angst schlotterten. Aber über die Angst vorm Filmemachen sprachen wir nie. Darüber, dass das Regieführen sich oft anfühlt wie eine Operation am offenen Herzen, über die Panik, in die man gerät, wenn man quasi öffentlich am Drehort über Gefühle reden soll, über die Scham, die einen befällt, wenn man Sexszenen drehen muss, über die Angst, zu einem Schauspieler keinen Draht zu finden, kläglich zu versagen, nichts zu sagen zu haben, nur zu kopieren, am Ende weder Zuschauer noch gute Kritiken zu bekommen und brutal zu scheitern. Stattdessen übten wir, niemals Zweifel zu äußern, niemals zu diskutieren („ein Drehort ist kein Diskutierklub!“), niemals die Hierarchie des Drehorts anzutasten („dann fliegt dir alles um die Ohren“), niemals Schwäche einzugestehen, besonders Schauspielern und Schauspielerinnen gegenüber („dann machen sie mit dir, was sie wollen“), und am Ende steif und fest zu behaupten, genauso habe man das alles gewollt.

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