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Gary Oldman spielt Churchill : Im Getriebe der Macht

Durch den Rauchvorhang einer Havanna sieht die Lage gleich weniger verzweifelt aus: Gary Oldman als Kriegspremier in Joe Wrights Film „Die dunkelste Stunde“ Bild: dpa

Ein-Mann-Show im Kostüm des großen Mannes: In Joe Wrights „Die dunkelste Stunde“ spielt Gary Oldman Churchill. Sein Schauspiel gewährt einen Blick hinter die Fassade historischer Größe.

          Inzwischen kann man sich eine beinahe unbegrenzte Zahl von Churchill-Filmen vorstellen. Alles, was man braucht, ist eine politische (wie in dem Fernsehfilm „Churchill’s Secret“) oder militärische Krise (wie in Jonathan Teplitzkys „Churchill“, der letztes Jahr ins Kino kam), eine Sekretärin oder Krankenschwester als Stimme des Volkes, eine britische Filmdiva als Ehefrau sowie einige Oldtimer-Automobile und Außenaufnahmen von Westminster und Downing Street Nr. 10. Und einen Churchill.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In Joe Wrights „Die dunkelste Stunde“ ist es Gary Oldman. Man erkennt ihn nicht, er spricht aus der Tiefe seiner Maske, aus Fett- und Faltenschichten, und so muss es sein. Das Gespenstische, Monströse, das in jeder Wiederbelebung historischer Figuren steckt, hat in Oldmans Churchill Gestalt angenommen. Der wiegende Trampelgang, den Oldman so exakt einstudiert hat wie Daniel Day-Lewis für Spielberg das Gehumpel von Lincoln, der nuschelnde Reptilienmund, der die pathetischen Sätze über Englands geschichtliche Prüfung zu syntaktischem Plumpudding zerkaut, der lauernde Blick hinter Professorenbrillengläsern – das alles ist virtuoses Handwerk, aber das Quentchen Künstlichkeit, mit dem Oldman Distanz zu seiner Rolle hält, ist genial.

          Was diesen Film unter seinesgleichen heraushebt, ist also nicht die Szene in der U-Bahn, das Bad im Volk, auch wenn Joe Wright, der Regisseur, hier alle Tricks der populistischen Vereinnahmung und nachtragenden Correctness auffährt, inklusive eines Schwarzen, der ein Gedicht über das Sterben fürs Vaterland rezitiert; und es sind auch nicht die vier, fünf Auftritte, mit denen Kristin Scott Thomas als Mrs. Churchill der Dampfwalzenwucht Oldmans nahezu Paroli bietet. Es ist der Blick in die Werkstatt des Mythos, in das Gerüst hinter der Fassade historischer Größe. Wie sein kontinentaler Gegenspieler war auch Churchill ein Akteur der Macht, er fand den Ton seiner Reden in Shakespeares Königsdramen, und er machte mit dem V-Zeichen – zu dessen Ursprung der Film eine hübsche Anekdote erzählt – Bilderpolitik. Indem Oldman diesen Effekt des Einstudierten verdoppelt, gibt er uns mehr als ein Oscar-würdiges Stück Schauspielerei: Er erteilt uns eine Lektion.

          Im Zentrum des Films steht die sogenannte Maikrise des Kriegskabinetts, die Churchill durch seine Weigerung, mit Hitler nach der Niederlage Frankreichs zu verhandeln, ausgelöst hatte und in der ihm sein Vorgänger Neville Chamberlain und sein Außenminister Halifax als Anführer der Friedensfraktion gegenüberstanden. Die geglückte Evakuierung der britischen Armee aus Dünkirchen brachte diese Gegner zum Schweigen, die „We shall fight“-Rede vom 4. Juni 1940 gab ihnen den Rest. Man kann „Die dunkelste Stunde“ also als volkspädagogische Ergänzung zu Christopher Nolans Schlachtgemälde „Dunkirk“ anschauen – oder als Ein-Mann-Show im Kostüm des großen Mannes. Als Geschichte oder als Theater. Am Ende ist es der Blick, der den Unterschied macht.

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