Home
http://www.faz.net/-gs6-o7gh
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Friedmans Comeback Es muß gerecht zugehen

03.11.2003 ·  „Sie mischen sich wieder ein“, sagte Sabine Christiansen und wollte von ihrem Gast Michel Friedman wissen, ganz naiv: Warum? Doch die spannendere Frage ist, warum man Friedman in die Talkshow überhaupt eingeladen hatte.

Von Michael Hanfeld
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Angefangen hatte es mit einer Party vor vier Wochen in Berlin. Eine ortsansässige Filmproduzentin bat die Szene zum Welcome-Back-Empfang. Fünf Monate nach dem Skandal sollte es der erste Schritt sein zurück ins gewohnte Rampenlicht. Es folgte ein Job als Reihenherausgeber beim Aufbau-Verlag, dann die Berufung zum Kolumnisten bei „Max“ und am Sonntag nun, von vielen Zuschauern offenbar mit „Irritation“ aufgenommen, die Rückkehr ins Fernsehen. „Sie mischen sich wieder ein“, sagte Sabine Christiansen und wollte von ihrem Gegenüber wissen, ganz naiv: Warum? Tja, warum nur?

Die Antwort, die Michel Friedman zunächst gab, war diejenige, daß „der Patient Deutschland“ inzwischen doch ganz offenbar bereit sei, „bittere Medizin“ zu schlucken, freilich nur, wenn das entsprechende Vertrauen in den Arzt vorhanden sei. „Es muß gerecht zugehen“, sagte Friedman und meinte damit zunächst die Verhältnisse im Land und nicht seine eigenen Belange. Ob er denn glaube, nach der „Krise“ selbst glaubwürdig zu sein, fragte die Moderatorin nach. „Ich glaube schon“, sagte Friedman. Er habe sich ohne Wenn und Aber zu seinem Fehler bekannt, die Strafe der Gesellschaft auf sich genommen, die Konsequenzen gezogen, und schließlich gälten die Prinzipien, gegen die er gehandelt habe, dessen ungeachtet selbstverständlich fort.

Seltsam anzusehen

Es war schon ein ziemlich seltsam anzusehender Auftritt, mit dem sich Friedman in einer Runde und zu einem Thema meldete, zu dem man Sabine Christiansen die Umkehrung ihrer eigenen Frage nicht ersparen sollte: Warum mischte sie hier und jetzt gerade diesen Talkgast ein? Schrie das Thema „Parteien ohne Wähler, Politik in der Krise“ ausgerechnet nach ihm? Neben den viel eher Erwarteten Baring, von Beust, Lafontaine, Scholz und Westerwelle? Es muß wohl. Oder ob dabei die gewisse „Sehnsucht“ nach der Rückkehr des einstigen ARD-Talkmasters, die eine Berliner Zeitung ausgemacht haben will, eine Rolle gespielt hat? Und der gewisse Druck, den man erzeugen könnte, vor allem mit Blick auf den Hessischen Rundfunk, der sich noch ziert, mit Friedman Gespräche über seine eventuelle Rückkehr auf den Frankfurter Talkturm aufzunehmen? So langsam, aber sicher werden die Hessen eingekreist.

Doch wird der Sender zu würdigen haben, daß es nicht an einem allein liegt, sich für rehabilitiert zu halten. Es muß auch den Zuschauern plausibel erscheinen, von denen bei Christiansen immer dann die Rede war, wenn von „den Wählern“ gesprochen wurde, die sich ja bekanntlich zunehmend schwertun, jemanden zu finden, der sie politisch repräsentieren soll, und der Wahl ganz fernbleiben. Aus der Zuschauerredaktion der ARD in München meldet die Deutsche Presse-Agentur „Irritationen“ von Anrufern, die sich ihren Reim auf die eingangs gestellte Frage machten, warum Michel Friedman an diesem Abend in der prominentesten Talksendung des deutschen Fernsehens zu Gast war. Die hessische CDU-Lehrervereinigung kritisierte, Friedman habe im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine “Rehabilitierung durch die Hintertür“ erfahren. Angesichts seiner “massiven Verfehlungen“ hätte es vor einer Rückkehr “eine Schamfrist von ein bis zwei Jahren“ geben müssen.

Man muß sich dieser Forderung nicht unbedingt anschließen, Friedmans Erinnerung in einer Hinsicht aber nachhelfen. „Ich habe nie Menschen in ihrer persönlichen moralischen Lebensweise kritisiert“, sagte er am Sonntag bei Christiansen. Die Aufzeichnung seiner Show, in der er einst den Berliner CDU-Politiker Frank Steffel zu Gast hatte, sollte ihn eines anderen belehren.

Um Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit geht es in den Medien bekanntlich genauso wie in der Politik. Man muß nur tun, was man sagt, sagen, was man tut, und den Eindruck vermeiden, dies sei eine Pose. Vor allem, wenn es um die Moral von der Geschichte geht. Von der „Neugründung der Republik“, die Arnulf Baring auch am Sonntag beschwor, gar nicht zu reden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4. November 2003
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wulffs Ensemble

Von Martin Otto

Schon Bertholt Brechts Dogsborough konnte Geschenke guter Freunde nicht ablehnen. „Dieses Landhaus hätt’ ich nicht nehmen dürfen“, bekennt die an Reichspräsident Hindenburg angelehnte Figur. Mehr 5