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Fred Kogel im Gespräch Der bewegte Mann

03.02.2008 ·  Er hat „Wetten dass...?“ produziert und war Geschäftsführer von Sat.1. Der Constantin-Chef Fred Kogel über die Gerüchte zum Verkauf seiner Firma, das schwierige Kinojahr 2008, Leo Kirchs Comeback und die Qualitäten von Oliver Pocher.

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Er hat „Wetten dass...?“ produziert, war Unterhaltungschef beim ZDF und Geschäftsführer von Sat.1. Später holte ihn Bernd Eichinger zu Constantin Film nach München. Im April ist Fred Kogel seit fünf Jahren Vorstand des Filmunternehmens.

Herr Kogel, haben Sie schon drüber nachgedacht, einen Film über einen Medienmogul zu machen, der spektakulär pleite geht und nach Jahren mit dem Verkauf der Bundesligarechte überraschend wieder ins Geschäft einsteigt?

Der Film müsste dann vermutlich „Das Comeback“ heißen. Dass Leo Kirch jetzt wieder da ist, beweist in jedem Fall, welche Qualitäten er hat. Seine Rückkehr vorzubereiten ohne dass es vorher in der Presse steht, ist ein echter Coup. Ich halte ihn nach wie vor für eine der wichtigsten Unternehmerpersönlichkeiten Deutschlands.

Sie haben bei Sat.1 und Kirch Media lange für ihn gearbeitet. Wann haben Sie das letzte mal telefoniert?

Das ist eine Weile her. Aber wir hatten immer ein gutes Verhältnis. Es ist nur so, dass es Zeiten gibt, in denen man mal mehr und mal weniger Kontakt hat.

Kirch war Jahre lang heimlich an der Schweizer Holding Highlight Communications beteiligt, die Mehrheitsaktionär bei Constantin Film ist. Vor wenigen Monaten hat er seine Anteile für eine Beteiligung an EM.Sport getauscht, und dort will man sich künftig ganz auf Sportrechte konzentrieren. Da passt die Constantin nicht mehr dazu. Es wird von Verkauf und Zerschlagung gesprochen.

Die Constantin ist der Monolith im deutschen Independent-Produzentenmarkt. Es ist uns in den vergangenen Jahren gelungen, das Unternehmen neu aufzustellen. Wir sind relativ unanfällig geworden für einzelne Marktbewegungen, weil sich unsere Geschäftsbereiche Kino, Fernsehen, DVD und Lizenzhandel gegenseitig stützen. Eine Zerschlagung würde meines Erachtens überhaupt keinen Sinn machen. Ob es zu einem Verkauf kommt, muss der Mehrheitsaktionär entscheiden. Die Aufgabe des Managements ist es, einen guten Job im Tagesgeschäft zu machen.

Die Gerüchte tun der Constantin aber nicht gut.

Verkaufsgerüchte gibt es, seitdem ich bei Constantin bin. Wir haben weder bei unseren Auftraggebern noch bei den Banken negative Auswirkungen verspürt. Das ist entscheidend.

2007 war nicht gerade das erfolgreichste Kinojahr für die Constantin. Erreichen Sie Ihre Vorgaben?

Das steht mit dem Jahresabschluss Ende März fest, aber es gibt bislang keinen Grund anzunehmen, dass wir unsere Ergebniszielvorgabe von etwa zwölf Millionen Euro Betriebsergebnis nicht schaffen.

Den größten Anteil am Umsatz steuern längst TV-Produktionen bei. Würde es nicht Sinn machen, nur noch drei oder vier große Filme im Jahr auf die Leinwand zu bringen?

Ich bin der Überzeugung, dass sich mit Kino sehr wohl Geld verdienen lässt. Aber Kino taktet ganz anders als Fernsehen, es ist ein viel langfristigeres Geschäft. Sechs bis acht deutsche und ein bis zwei internationale Filme pro Jahr sind notwendig, um einen gewissen Produktfluss zu garantieren. Es kann nicht jeder Film ein Treffer sein, deshalb braucht es eine gewisse Anzahl, sonst wird das Risiko zu groß.

Aber das Geschäft hat sich in den letzten Jahren stark verändert.

Wir spüren, dass die Deutschen kinomüde sind. In anderen Ländern gehen die Besucher vier- bis sechsmal ins Kino, hier sind es im Durchschnitt nicht einmal zwei Besuche im Jahr. Dazu kommen immer mehr Filme in die Kinos: 500 waren es im vergangenen Jahr, zehn Jahre zuvor gerade einmal die Hälfte. Das Publikum ist heute überfordert. Und im Verleih wird es auch auf Grund der relativ hohen Herausbringungskosten immer schwieriger, Geld zu verdienen. Wir werden deshalb unsere Verleihstaffel anzahlmäßig senken und 2008 nur noch zehn bis 15 Filme ins Kino bringen. Es macht Sinn, manches von vornherein nur auf DVD zu veröffentlichen und im Fernsehen zu vermarkten.

Die Industrie hat sich mit den DVD-Nachfolgeformaten HD DVD und Bluray lange selbst im Weg gestanden. Jetzt scheint sich die Branche zu Gunsten von Bluray entschieden zu haben. Kommt der Markt in Schwung?

Es war notwendig, sich auf ein Format zu einigen, auch wir haben angekündigt, uns auf Bluray zu konzentrieren. Aber die Marktdurchdringung ist derzeit noch nicht der Rede wert, alle Verleiher setzen sehr geringe Stückzahlen ab. Durchschnittliche Kinofilm-DVDs verkaufen sich zwischen 80.000 und 150.000 mal. Der Anteil der Formate HD DVD und Bluray liegt dabei zusammen noch unter einem Prozent. Die Qualität einer normalen DVD ist für die Käufer, von denen die meisten ja noch keine HD-Fernseher im Wohnzimmer stehen haben, völlig ausreichend.

Wird das Kino langfristig bloß noch Promotion für die Auswertung der Filme auf DVD sein?

Nein, das glaube ich nicht. Aber das deutsche Kino wächst leider nicht mehr. Zur Jahrtausendwende hat die Branche von 200 Millionen Besuchern im Jahr geträumt. Diese Träume sind zerplatzt wie eine Seifenblase. Derzeit sind es 120 bis 130 Millionen Besucher jährlich. Es wäre falsch zu sagen, dass es große Hoffnung gibt, diese Zahl noch einmal massiv steigern zu können. Also müssen wir sehen, wie Kino langfristig attraktiv bleiben kann. Das ist eine wichtige Herausforderung, der sich Verleiher und Kinobesitzer gleichermaßen zu stellen haben. Die Kinos müssen digitalisiert werden, um Kosten zu sparen, und das Kinoerlebnis muss sich verbessern: Es will doch niemand im Multiplex eine Stunde für die Karte anstehen und nachher auf Popcorn-verklebten Sesseln sitzen.

Die Constantin hatte 2007 zwölf Filme in den Top 100, aber nur drei kamen über die Millionengrenze. Spiegelt sich darin eine Zersplitterung?

Das ist kein spezifisches Problem der Constantin - bedenken Sie: von den zehn erfolgreichsten deutschen Filmen 2007 stellte Constantin fünf. 2007 sind insgesamt nur 25 Filme über die Millionengrenze gekommen, solche Zahlen kennt der deutsche Markt eigentlich gar nicht. Es ist auch für amerikanischen Majors ein ungewohntes Bild. Die haben vor allem mit Filmen zu kämpfen, in denen nicht einer der in Deutschland bekannten Topstars spielt. US-Kino lebt, wenn es keine Fortsetzungen früherer Erfolge sind, vor allem auch von großen Namen. Alles andere tut sich schwer. Bei deutschen Filmen, die nicht als Event angelegt sind, die nicht klar erkennbar ins Genre Family Entertainment passen oder auf einem bekannten Roman basieren, ist das ähnlich. Die Bernd-Eichinger-Produktion „Pornorama“ hatte im vergangenen Jahr genau dieses Problem. Und was das hochwertige Arthouse-Kino betrifft: Früher konnte man diese Filme über Kritiken in den Feuilletons bekannt machen. Wir merken, dass das Publikum darauf heute nicht mehr so sensibel reagiert.

Ihre Filme werden in nächster Zeit also sehr berechenbar sein?

Das ist zu pauschal formuliert. Aber Constanin muss als börsennotierte Gesellschaft auch eine gewisse Berechenbarkeit liefern: Literaturverfilmungen, familientaugliche Produktionen, internationales Starkino und kommerzielles Arthouse wie in diesem Jahr Caroline Links „Im Winter ein Jahr“. Für alles andere sind wir der falsche Verleih.

2008 wird vermutlich wieder kein leichtes Jahr.

Ich vermute, dass die Branche 2008 voraussichtlich auf dem Vorjahresniveau liegen wird, womöglich leicht darüber. Die ersten Wochen waren natürlich besser als im Jahr zuvor, aber das lag an Til Schweigers „Keinohrhasen“ und „I Am Legend“. Wir hatten selten so starke Filme zum Jahresbeginn. Im Sommer wird sich die EM bemerkbar machen, und es gibt dann kein neues „Sommermärchen“ von Sönke Wortmann als Ausgleich. Die Constantin hat starke Filme: „Die Welle“ von Regisseur Dennis Gansel, Bernd Eichingers „Der Baader Meinhof Komplex“, „Anonyma“ von Produzent Günter Rohrbach, „Effi“, basierend auf Fontanes Effi Briest, Marcus H. Rosenmüllers „Perlmutterfarben“ und „Freche Mädchen“.

Profitieren denn die deutschen Filme im nächsten Jahr davon, dass sich die Auswirkungen des Autorenstreiks in den USA bemerkbar machen?

Es wird weniger US-Filme im Markt geben, auch wenn die Studios sich bemühen, im Ausland zu drehen. Ob der deutsche Film tatsächlich profitiert, hängt aber davon ab, ob es genug qualitativ hochwertige Filme gibt, die die Lücke füllen können. Kino funktioniert in Wellenbewegungen: Manchmal hat man zwei, drei sehr kreative Jahre. Wir bewegen ständig zwischen 30 und 50 Projekten parallel. Aber es ist unmöglich, immer denselben hohen kreativen Output zu haben.

Fehlt es der Kinobranche denn an Kreativität?

Das Problem fürs Kino in Deutschland ist das starke Fernsehen. Manche Genres können wir im Kino gar nicht bedienen. Es macht keinen Sinn, einen Krimi zu produzieren, wenn das Fernsehen fast täglich hochwertige Produktionen zeigt. Ähnlich ist das mit den Romantic Comedys. Eine Ausnahme ist sicher Til Schweigers „Keinohrhasen“ mit derzeit beinahe vier Millionen Kinobesuchern. Dazu unterscheidet Deutschland kaum zwischen Kinostar und Fernsehstar. Der Darsteller, den ich sonntags im Fernsehen sehe, begegnet mir montags womöglich im Kino. Wir haben wenige Schauspieler, die nicht darauf angewiesen sind, beide Systeme zu bedienen. In den USA stützt die Exklusivität eine ganze Branche. Das ist hier nicht leistbar. Und die Grenzen zwischen gutem Fernsehen und durchschnittlichem Kinofilm sind fließend. Deshalb brauchen wir erstklassige Filme. Es macht überhaupt keinen Sinn, verkleidete Fernsehproduktionen auf die Leinwand zu bringen.

Mit „The Next Uri Geller“, „Frauentausch“ und „K11“ hat Constantin Entertainment großen Erfolg im Unterhaltungsfernsehen. Vor zwei Jahren ist Constantin Television gegründet worden, das sich um fiktionale TV-Produktionen kümmert - mit mäßigem Erfolg.

Der Schritt war notwendig, um Produktionen innerhalb des Unternehmens besser zu bündeln und nach Formaten aufzuteilen. Gerade sind drei Fernsehfilme in der Vorbereitung, die spätestens Anfang nächsten Jahres laufen werden. Aber natürlich zeigt das, wie schwierig es geworden ist, neue Produktionsfirmen zu gründen. Meine ehemalige Firma Constantin Entertainment ist als Kirch Media Entertainment Ende 2001 entstanden. Das war vermutlich der letztmögliche Zeitpunkt, um noch einmal eine große Firma im Unterhaltungsmarkt aufzubauen. Die Sender vergeben nur noch wenige Aufträge für fiktionale Produktionen. Auch für mich ist es nur zum Teil nachvollziehbar, wie eindeutig derzeit die Zuschauer Absagen an deutsche Serien erteilen. Das sind ja nicht alles schlechte Produkte. Hier liegt eine Herausforderung, der sich Produzenten, aber auch die Sender, in dem sie wieder an das Produkt glauben und ihm Chancen geben, stellen müssen.

Aus welchem Grund führen Sie Kino und Fernsehen nicht stärker als bisher zusammen?

Das funktioniert, aber es ist ein langer, mühsamer Weg. Nicht jeder Kinofilm ist als TV-Franchise geeignet. Wir haben „Der bewegte Mann“ als Sitcom für Sat.1 gemacht, auch „Warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können“ würde sich als Vorlage für eine Sitcom eigenen.

In der Unterhaltung scheint es schneller zu gehen. Für Pro Sieben produzieren Sie „Bully sucht die starken Männer“, eine Castingshow, in der Michael Herbig Wikinger-Darsteller für seinen neuen Film „Wickie“ sucht.

Darauf bin ich wirklich stolz. Es war Bullys Idee und wir haben ein halbes Jahr an der Vorbereitung gesessen. Das Thema muss ja sechs große Abendshows tragen. Da reicht es nicht, bloß ein paar Szenen vorspielen zu lassen. Und im Gegensatz zu Gesangsdarbietungen wie bei „Deutschland sucht den Superstar“ ist es schwieriger, emotionale Momente zu schaffen, von denen Castingshows aber leben. Deshalb war uns die Entwicklung so wichtig. Mit Hilfe von Andreas Bartl und Jobst Benthues auf Pro-Sieben-Seite ist uns da aber wirklich ein Wurf gelungen. Start ist voraussichtlich im April und kurze Zeit später fängt Bully mit dem Dreh für den Film an.

Die Constantin ist stark im Fernsehen. Glauben Sie, dass sich die Ufa nach ihrer Ankündigung, wieder fürs Kino zu produzieren, dort genauso positionieren kann?

Von guten deutschen Kinoproduktionen kann der Markt nicht genug haben, weil das Publikum wieder für unsere Filme sensibilisiert wird. Ob die Ufa das auch hinkriegt, ist eine andere Frage. Mit Nico Hofmann ist da jemand am Werk, der sein Handwerk ausgezeichnet versteht. Aber wie gesagt: Kino ist ein langwieriger Prozess. Und ich bin gespannt, wie die Ufa-Mutter Bertelsmann das sieht, denn dort wird ja schon gerne mal schneller nach einer zweistelligen Umsatzrendite gefragt. Auch dauert es Jahre, sich eine Filmbibliothek aufzubauen.

Ihr Kollege Thomas Friedl, der gerade von Constantin zur Ufa gewechselt ist, sagt, er wolle einen neuen europäischen Major aufbauen. Das klingt ehrgeizig.

Er wird wissen, worüber er redet. Also: viel Glück! Jeder neue Player im Markt, der es ernst meint, ist herzlich willkommen.

Warum macht Constantin keine Events fürs Fernsehen wie Nico Hofmanns Teamworx?

Unsere Tochter Olga Films hat gerade mit einen Film über die letzten Tage vor dem Mauerfall für Sat.1 eine richtig große Produktion abgedreht. Vergessen Sie auch nicht unsere Produktionen „Die Patriarchin“ und „Afrika, mon amour“. Natürlich trauen wir uns mehr zu. Aber derzeit arbeiten wir an der Kapazitätsgrenze.

Mit Harald Schmidt produzieren Sie „Schmidt & Pocher“ für die ARD. Musste Schmidt Sie überzeugen, dass Pocher ein guter zweiter Mann wäre?

Harald und ich fanden Oli immer gut, seit er zum ersten Mal Gast in der Show war, damals noch bei Sat.1. Ich halte ihn für ein herausragendes Talent. Er hat die Qualität des bösen Blicks. Er filtert Peinlichkeiten blitzschnell heraus und legt den Finger in die Wunde. Das ist die Voraussetzung, um im Geschäft zu bestehen. Dass es zur Zusammenarbeit kam, lag daran, dass die Ausweitung der Show auf 60 Minuten beschlossen war - es ist schwer, die Zuschauer nach den „Tagesthemen“ mit dreißig Minuten zu halten, viele kommen erst um 23.15 Uhr, wenn sie von den anderen Sendern umschalten. Alleine kann man so eine Strecke auch nur schwer bewältigen, wenn man den Anspruch hat, tagesaktuell zu sein.

Wie geht es mit Fred Kogel bei der Constantin weiter? Sie verlängern Ihren Vertrag derzeit immer nur um ein Jahr.

Ich finde es spannend, sich jedes Jahr wieder in die Augen zu schauen und zu entscheiden, ob man weiter zusammenarbeiten will. Es ist ja nicht so, dass ich ständig wechseln würde. Im April bin ich fünf Jahre bei Constantin. Und ich suche nicht mehr ständig neue Herausforderungen. Ich habe alles, was ich für mich persönlich erreichen wollte, ausprobieren dürfen, nur die Musikbranche noch nicht. Aber das hätte man wohl in den Siebzigern machen müssen. Langfristig will ich sicher wieder zur Produktion zurück, aber das hat keine Auswirkungen auf meine derzeitige Arbeit.

Dann können Sie ja doch noch „Das Comeback“ drehen.

Da bin ich skeptisch. Die Medien- und Kinobranche ist sowieso schon extrem selbstreferentiell. Beim Publikum kommen Medienfilme meist nicht so gut an.

„Der Mogul“ wäre im Kino ein Flop?

Das weiß ich nicht. Aber es gibt ja schon „Der Pate“. Da brauch ich das nicht noch mal zu drehen.

Quelle: Das Gespräch führte Peer Schader.
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