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Sonntag, 12. Februar 2012
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Französischer Rekordfilm Die ganze Welt im Kleinformat

14.04.2008 ·  Wie kommt es, dass der von der Kritik kaum beachtete Film „Bienvenue chez les Ch'tis“ zum erfolgreichsten französischen Kinoereignis geworden ist? Liegt es daran, dass das launige Rührstück über die kauzigen Nordfranzosen mit Regionalklischees spielt, die auf ganz Europa passen?

Von Joseph Hanimann, Paris
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Die Region Nord-Pas-de-Calais wird dieser netten Filmkomödie einen anständigen Empfang bereiten, schrieb der Filmkritiker von „Le Monde“ vor zwei Monaten, als der Film „Bienvenue chez les Ch'tis“ herauskam und noch niemand wusste, was für ein Phänomen er sein würde. Die Welt der Ch'tis - eine Bezeichnung für Nordfranzosen - beginnt dort, wo die von der Provence nach Nordfrankreich berufsversetzte Hauptfigur im Film nach dem Begrüßungsschild „Bienvenue en Région Pas-de-Calais“ auf der Autobahn augenblicklich in einen immerwährenden Wolkenbruch eintaucht.

Eine Gegend, wo man ein unverständliches Französisch spricht, zum Frühstück den Maroilles-Käse in den Kaffee tunkt, damit er weniger stinkt, ein Ort, zu dem ein Marseiller nur mit der diffusen Angst aufbricht, er würde mit einem oder zwei abgefrorenen Zehen zurückkommen. So zumindest erzählt es der Erfolgsfilm des nordfranzösischen Komikers Dany Boon, den fast alle Kritiker als sympathisches Randphänomen abhakten und über den sie in ihren Artikeln nun nachsitzen müssen, weil er im Kinoland Frankreich das größte aller Publikumsphänome aus einheimischer Produktion geworden ist.

Ein Drittel aller Franzosen

Wenn der Beweis noch zu erbringen wäre, dass ein Film heute mehr Stimmung machen kann als ein kerniges Politikerwort oder ein sportliches Sensationsereignis - hier ist er. Seitdem die Komödie Mitte Februar zunächst als Regionalpremiere in Nordfrankreich anlief, zählt ganz Frankreich fasziniert die Etappen ihres Erfolgs. „Asterix“ war bald aus dem Rennen geschlagen, dann überrundete „Bienvenue chez les Ch'tis“ auch die Sensationsserie „Les Bronzés“ aus den achtziger Jahren und vor gut einer Woche schließlich den legendären Kinoerfolg „La grande Vadrouille“ von Gérard Oury aus dem Jahr 1966. Achtzehn Millionen Zuschauer haben das Werk von Dany Boon bisher gesehen: ein Drittel aller Franzosen. Das ist nicht mehr mit filmästhetischen Kategorien zu messen.

Wo der offizielle Diskurs von einer ins Elend absinkenden Bevölkerung sich verselbständigt hat und der Refrain der Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal von der „France qui souffre“ noch zäh im Ohr liegt, scheint das Volk sich hier selbst eine Lachkur verschrieben zu haben. Nicht, dass die Ängste vor einem sinkenden Lebensstandard und einer insgesamt bedrohlichen Zukunft rein erfunden wären. Den politischen Litaneien und entsprechend sich wiederholenden Maßnahmeplänen scheinen die Leute aber den - etwas dick aufgetragenen - Humor des Miteinander vorzuziehen: Hauptsache, man bleibt gesund und kommt miteinander aus. Der Film „Bienvenue chez les Ch'tis“ ist ein komisches Rührstück über Menschenverbrüderung innerhalb des eigenen Landes, mit der Botschaft: Auch an der Nordsee wohnen Menschen.

Der Reiz der Regionalklischees

Dass der Südfranzose Abrams, vom Komiker Kad Merad gespielt, ausgerechnet Postbeamter ist, ist wohl nicht zufällig. Die Post, dieser alte und immer noch funktionierende öffentliche Dienst des Austauschs zwischen den Menschen, reicht vom Mittelmeer bis ans Ende der Welt, das heißt bis zur belgischen Grenze. Dorthin verschlägt es den südfranzösischen Posthalter Abrams, zum Grausen seiner Frau und des ganzen Freundeskreises. Dass das Biertrinken und Frikadellenessen in der Imbissbude gar nicht so traumatisch und auch das Klima halbwegs erträglich ist, verschweigt der Mann seiner in Südfrankreich gebliebenen Frau. Denn die kriselnde Ehe kommt dank dieser Trennung und des heroischen Standhaltens des Mannes in scheinbar menschenunwürdigen Verhältnissen wieder auf Trab. Erst wenn Frau Abrams aus einer Anwandlung von Solidarität selbst in die Kleinstadt Bergues an die Nordküste reist, fliegt der bequeme Lebensschwindel von den unüberbrückbaren Kulturgrenzen auf.

Die kapriziöse Dame aus dem Land des blauen Himmels und Zikadenzirpens muss tief in die Klischeekiste des tristen, sozial verelendeten Nordens getaucht werden, um ihrerseits die Vorurteile abzulegen. Dem unter der Fuchtel seiner Mutter lebenden Briefträger Antoine (Dany Boon) wiederum bringen die Abenteuer mit seinem neuen Vorgesetzten die langersehnte Postangestellte Annabelle als Braut ins Haus. Der Abschied der zwei Jahre später an die Côte d'Azur weiterversetzten Familie Abrams tut allen weh. „Kommt uns im Süden besuchen“ - diese Einladung des scheidenden Posthalters an seine Kollegen wird in Frankreich allenthalben als verborgener Wink auf eine mögliche künftige Fortsetzung des Films verstanden: die Ch'tis am Mittelmeer.

Leicht transportable Fernsehästhetik

Wo die ganze Welt mit all ihren Sprach- und Kulturunterschieden innerhalb der eigenen Landesgrenzen Platz findet, kommen Exotik und Universalhumanismus im Doppelpack ins Sonderangebot. Die Exporteure des französischen Kinohits legen sich schon die Szenarien zurecht, wie das Werk anderswo aufzuziehen wäre - in Italien natürlich seitenverkehrt zwischen Kalabrien und dem Norden, in Deutschland vielleicht eher auf der Ost-West-Achse zwischen Rheinland und Oderbruch? In diesen Planspielen zeigt sich eine fragwürdige Seite an der Sache, die im allgemeinen Ch'tis-Fieber in Frankreich eher kleinlaut daherkommt. So sympathisch das Ganze wirkt und so gutgelaunt Jung und Alt nach der Vorstellung aus den Kinos strömen, verrät dieser Film eine Tendenz, die manche französischen Filmemacher beunruhigt. Es ist das wachsende Gewicht des Fernsehens mit seinen spezifischen Anforderungen. Koproduziert wurde Dany Boons Werk von der privaten Fernsehanstalt TF1.

Entweder fernsehverträglich oder marginal - so warnt eine Gruppe von dreizehn Persönlichkeiten um die Filmautorin Pascale Ferran, die „groupe des 13“, in einem gerade vorgelegten Bericht mit dem suggestiven Titel „In der Mitte ist nicht mehr die Brücke, sondern der Abgrund“. Zwischen den Großproduktionen mit einem Etat von mehr als zehn Millionen Euro und den kleinen Projekten von weniger als drei Millionen tue sich gerade dort ein Loch auf, wo das französische Autorenkino bisher stark war, heißt es in jenem Bericht. „Bienvenue chez les Ch'tis“ gehört mit seinen elf Millionen Euro Produktionskosten eher zur ersten Kategorie und hat diesen Betrag längst um ein Vielfaches wieder eingespielt. Dennoch müsse man gerade auch solche Filme fördern, erklärte die französische Kulturministerin Christine Albanel in ihrer Antwort auf den Bericht der „Gruppe 13“: so lange jedenfalls, wie derartige Filme neue Zuschauergenerationen ins Kino führen. Ein Drittel aller Besucher des Regionalfilms von Dany Boon sind laut Serge Siritzky, dem Direktor der Kinozeitschrift „Écran total“, jünger als fünfundzwanzig Jahre.

Das Fernsehen imperialisiert die Kinoleinwand

Christine Albanels Auffassung scheint genau jene Politik fortzusetzen, die von Jack Lang vor mehr als zwanzig Jahren in Frankreich im Unterschied zu praktisch allen anderen europäischen Ländern eingeleitet wurde. Um auf dem Weltmarkt zu bestehen, so besagt sie, müssten neben den kleinen Kunstfilmen gezielt auch Massenprojekte unterstützt werden. Neu ist gegenüber den Jahren Jack Langs heute aber die vom Fernsehen beschleunigte Polarisierungsdynamik. Wenn die große Mehrzahl der Leute keine sozialen Problemfilme sehen will wie etwa „Flandres“ von Bruno Dumont, ist das eine Sache.

Wenn die am Bildschirm eingeschliffene Erwartung auf gute Laune, leicht dosierte Probleme und einen glücklichen Ausgang aber von allen Seiten auch im Kino bedient wird, sehen manche eine Lawine kommen, die nur noch kleine Nischen übrig lässt. In einem Cinemax bei Lille habe der Film über die Ch'tis zwei Wochen lang gleich acht Säle gleichzeitig besetzt, ärgert sich Serge Toubiana von der Cinémathèque française in Paris.

Überregionale Regionalfilme

Dabei war „Bienvenue chez les Ch'tis“ gar nicht als Rekordprojekt angelegt und hatte auch keinen einzigen kinofremden Koproduktionspartner aus dem Banken- oder Telekommunikationsbereich. Der Publikumseffekt, eine Art volkstümlich-regionalistisches Amélie-Poulain-Syndrom (benannt nach Jean-Pierre Jeunets Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“), stellte sich erst allmählich ein. Dass der regionale Maroilles-Käse laut Fachauskünften in den letzten Wochen bereits um ein Viertel besser verkauft wurde und dass das Siebentausend-Seelen-Städtchen Bergues schon Besichtigungen auf den Spuren des Kinofilms anbietet, wirkt eher sympathisch. Kaum jemand hat in Frankreich denn auch massiv Front gegen die gute Laune dieses Films gemacht.

Kommt nach dem Literatur- und Kostümfilm jetzt aber die Masche des überregionalen Regionalfilms? So wird manchmal gefragt. Die Klischees, die der Riesenerfolg benutze, seien so einfältig wie die von „den“ Belgiern, Deutschen oder Irländern, schimpft Philippe Vial von „Charlie Hebdo“. Das Erfolgsrezept von Kulturunterschied und Universalismus im Kleinformat der Nation kann aber in zwei Richtungen führen. Spielt es mit dem Volkswitz, wie über weite Strecken in diesem Film, dann ist es ein unterhaltsames Sprachrohr für die von den gesellschaftlichen „Strukturproblemen“ zu statistischen Größen degradierten Bürger. Wenn man aber ein unlängst im Pariser Fußballstadion entrolltes Spruchband liest: „Pädophile, Arbeitslose, Inzestuöse: Willkommen bei den Ch'tis“ - dann wird die Sache eher unheimlich. Der Film ist Opfer und Anstifter dieser Tendenz zugleich.

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Von Gerhard Stadelmaier

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