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Französische Komödie : Haben Sie die Brautmutter gesehen?

Die Wahrhaftigkeit der Empfindung entspricht nicht immer dem Aufwand der Inszenierung: Hals- und Beinbruch drohen auch dieser jungen Ehe. Bild: Universum Film

Ein Land am Wendepunkt, aber auf jeden Tiefschlag folgt mindestens eine Erholungspause: Der französische Film „Das Leben ist ein Fest“ hält einer mehrdeutigen Nation den Spiegel vor.

          Die junge Frau möchte gern einen preiswerteren Blumenschmuck für ihr Hochzeitsfest. Und auch ihr Bräutigam will die Kosten für die Feier drücken: Ob es wirklich das teure Silberbesteck sein müsse, fragt er, und ob als Vorspeise nicht auch eine Suppe genüge? So feilschen die beiden, bis dem Mann, der ihnen gegenübersitzt, der Kragen platzt. Man könnte auf die Blumen auch ganz verzichten, schlägt er vor, und außerdem könne ja jeder Gast sein eigenes Essen mitbringen. Zum Nachtisch gebe es dann Obst aus Plastikbechern. Das Brautpaar, verstört, bricht die Verhandlung ab.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Mann, der uns auf diese Weise vorgestellt wird, ist Max (Jean-Pierre Bacri), ein Organisator von Familien- und Firmenfesten, Profi des privaten Pomps. Noch am gleichen Tag wird er ein Event auf die Beine stellen, das seinen Ansprüchen genügt: eine Millionärshochzeit in einem Barockschloss vor den Toren von Paris, mit Livemusik, Fünf-Gänge-Menü, livrierten Dienern und Abschlussfeuerwerk. Aber Max bringt selbst nicht die besten Voraussetzungen für das Gelingen des Abends mit. Er ist überdreht und erschöpft, seine Ehe liegt in Trümmern, und seine Geliebte, die eine seiner Angestellten ist, will ihn verlassen, weil er sich noch immer nicht öffentlich zu ihr bekennt. Max, der Held des Films „Das Leben ist ein Fest“, wird nicht im Rollstuhl landen wie der Konzernmagnat Philippe, dessen Geschichte die Regisseure Éric Toledano und Olivier Nakache vor sieben Jahren in „Ziemlich beste Freunde“ erzählt haben. Aber auch er ist ein Repräsentant seines Landes, seiner Generation und seiner sozialen Schicht, ein bürgerliches Alphatier am Wendepunkt des Lebens. Es gibt Kinofiguren, die wie von selbst zu Allegorien werden, und der Hochzeitsplaner Max gehört dazu.

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          „Ziemlich beste Freunde“ hatte weltweit fünfzig Millionen Zuschauer. Dieser Kassenerfolg machte Nakache und Toledano, bis dahin Randfiguren des französischen Kinos, über Nacht zu Hoffnungsträgern. Das schlägt sich auch in Zahlen nieder. Knapp fünfzehn Millionen Euro hat „Das Leben ist ein Fest“ gekostet, und dieses Geld kann man sehen: in den Kulissen und Kostümen, in der Sorgfalt der Inszenierung, des Schnitts und der musikalischen Untermalung. Doch am visuellen Glanz allein kann es nicht liegen, dass der Film sein Budget in Frankreich schon wieder eingespielt hat. Nakache und Toledano, so scheint es, halten dem Land einen Spiegel vor, in dem die Franzosen sich wiedererkennen. Wenn man dieses Spiegelbild näher betrachtet, stößt man auf drei Wesenszüge: Arroganz, Bonhomie und Konfusion.

          Konfusion ist die Grundmelodie in „Das Leben ist ein Fest“. Sie breitet sich aus, als Max’ dunkelhäutige Assistentin Adèle (Eye Haïdara) und der Sänger James (Gilles Lellouche) bei den Vorbereitungen zu der Feier aneinandergeraten, und sie gewinnt die Oberhand, als ein durch Unachtsamkeit verdorbenes Lammgericht den Großteil der Bediensteten außer Gefecht setzt. Der Hauptgang fällt aus. Die Kellner, die noch stehen können, mischen sich unter die Gäste. Der Hochzeitsfotograf schlägt sich mit der Brautmutter ins Gebüsch. Die Ballon-Nummer des Bräutigams wird zum Desaster. Das Feuerwerk zündet zu früh. Schließlich erlischt der Strom, mit einem Schlag versinkt das Schloss in Dunkelheit. Aber das Chaos ruft zugleich die Gegenkräfte auf den Plan. Ein befreundeter Kantinenchef hilft Max mit Ersatzmahlzeiten aus. Die Band entpuppt sich als Stimmungskanone. Der Finanzprüfer ist in Wahrheit ein Kaufinteressent. Und James und Adèle werden ein Paar. So folgt auf jeden Tiefschlag eine Erholungsphase.

          Es ist wie in jenen französischen Familienkomödien, in denen die Zahl der Verwandten zwar die Komplikationen, aber auch die Menge der Tischgäste beim Happy End steigert. Nur dass hier mehr auf dem Spiel steht als ein Sippenschicksal. „Le sens de la fête“ heißt der Film im Original. Es geht um nationale Symbolik, um Sinn und Identität. Und vor dieser Herausforderung knickt die Geschichte ein. Die Kontrastfigur zu Max, dem tapferen Macho, ist Pierre (Benjamin Lavernhe), dessen Hochzeit hier gefeiert wird: ein Firmenerbe, der sich selbst gern reden hört, ein Jüngling vom Stamme Macron. Der symbolische Prozess, den der Film der Nation machen will, müsste auf ein Duell dieser beiden Grundtypen hinauslaufen. Aber Nakache und Toledano lassen den reichen Pinsel zur Nebenfigur verkümmern, sie nehmen ihn vorzeitig aus dem Spiel, statt mit ihm die Partie durchzuspielen. Der Charme von „Ziemlich beste Freunde“ lag darin, dass hier eine unwahrscheinliche Konstellation mit allen filmischen Mitteln plausibel gemacht wurde. In „Der Sinn des Lebens“ dient der erzählerische Aufwand vor allem dazu, ein ziemlich alltägliches Geschehen künstlich ins Unwahrscheinliche zu ziehen. Der Rummel reckt sich zu höherer Bedeutung, aber am Ende bekommt man eben doch nicht mehr als das, was man sieht.

          Und das ist ein Reigen der Versöhnungen. Die Asiaten und Afrikaner in Max’ Team, illegale Arbeitskräfte zumeist, retten mit ihren akustischen Instrumenten die taumelnde Feier, Max bekommt seine Geliebte und sein Selbstvertrauen zurück, und dem Barockschloss wird kein Haar gekrümmt. Wer will, kann darin eine Botschaft sehen: ebendie, dass das Fest irgendwie immer weitergeht. Aber das haben wir auch vorher gewusst.

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