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Frankfurter Kinothek : Jägerinnen des verborgenen Kinos

Die Frankfurter Kinothek Asta Nielsen widmet sich vor allen Dingen Filmen von Frauen. Filmen, die vergessen wurden. Filmen, die es wert sind, gesehen zu werden. Eine Lobrede.

          Wer kennt schon das Gefühl, das die Handhabung, gar der Besitz einer Filmkopie auslösen kann? Einer beziehungsweise mehrerer Rollen Zelluloid, die man in die Hand nehmen und gegen das Licht halten kann, um zu sehen, ob darauf ein Hund spazieren geht oder eine Frau, ein Paar oder ein Panther? Und wer wäre jemals davon überrascht worden, am Ende eines Films eine eingekratzte Botschaft der Regisseurin zu finden: „Danke, dass Sie sich an meinen Film erinnert haben.“?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Karola Gramann und Heide Schlüpmann, Mitgründerinnen der Kinothek Asta Nielsen, kennen das Gefühl. Die Materialität des Films und das Hantieren damit – das ist der libidinöse Kern ihrer Beschäftigung mit dem Kino. Jedenfalls ein großer Teil davon.

          Raum des gemeinsamen Sehens

          Film und Zelluloid gehören zusammen, darauf bestehen sie: dass, wenn wir vom Kino sprechen, die Vorführung von Filmen auf Zelluloid vor Zuschauern in einem dunklen Saal gemeint ist. Alles andere – und wir sind ja umgeben von allem anderen – sind Bildmedien. Digitalisierungen von Filmen, die auf Zelluloid gedreht wurden, sind Reproduktionen im Sinn von Abbildungen, wie es sie auch in der bildenden Kunst gibt. Das können sehr gute Abbildungen sein. Aber niemand würde selbst für sehr gute Abbildungen ins Städel gehen. Das Original hat eine unersetzliche Aura. Für den Film ist das die Aura der Aufführungssituation.

          Das ist keine Haltung von gestern. Keine dogmatische Haltung. Es ist eine geschichtliche Feststellung. In ihr liegen weder Nostalgie noch Fetischismus. Filme auf Zelluloid wurden für diese Aufführungspraxis gemacht. Die Filmvorführung, so kann man es auch sagen, ist in ihrem technischen Dispositiv nicht ersetzbar. In der augenblicklichen medialen Situation, in der wir leben, ist das eine starke oppositionelle Position.

          Heide Schlüpmann und Karola Gramann bei der Preisverleihung in Frankfurter Römer.
          Heide Schlüpmann und Karola Gramann bei der Preisverleihung in Frankfurter Römer. : Bild: Maria Klenner

          So sind „Widerstand“ und „widerständig“ Wörter, die sowohl Karola Gramann als auch Heide Schlüpmann in ihren intellektuellen Karrieren auszeichnen. Karola Gramann hat schon vor mehr als dreißig Jahren ein Buch über „Widerstand im Film – Film als Widerstand“ herausgegeben und vor nicht langer Zeit in Berlin ein Filmprogramm zusammengestellt unter dem schönen Titel: „Der Schlüssel zur Freude ist Ungehorsam: Wenn Engel fallen“. Was ist, muss nicht so bleiben. Und was war, muss nicht verschwinden.

          Die Filmvorführung ist unersetzbar. In Programmen der Kinothek Asta Nielsen werden Filme deshalb nach Möglichkeit im Original gezeigt: als Filmkopie in einem dunklen Raum vor Publikum. Filme sind dafür gemacht gewesen, dass man sie gemeinsam schaut. Sei es ein Experimentalfilm, der sich an eine eher kleine Gruppe von Zuschauern richtet, oder der Unterhaltungsfilm fürs Massenpublikum. Zu Filmen auf Zelluloid, wenn wir von einem Original sprechen wollen, gehört auch immer diese Rezeptionsform. Filme werden Kino erst in diesem Raum des gemeinsamen Sehens.

          Die Grauzonen des Kinos

          Heide Schlüpmann hatte zunächst in Frankfurt bei Adorno Philosophie studiert. Als Adorno starb, ist sie buchstäblich aus der Philosophie ausgewandert und ins Kino gegangen. Es verwundert daher nicht, dass ihre Auffassung vom Kino und von der Filmwissenschaft und das Festhalten am Widerständigen des Materials in der Traditionslinie von Adorno stehen und die Kritische Theorie fortführen. Ein gewisser Vorbehalt gegenüber dem akademischen Betrieb, den beide Preisträgerinnen durchgehalten haben – auch Karola Gramann hat viele Jahre am filmwissenschaftlichen Institut der Universität Frankfurt als Dozentin unterrichtet –, ist ebenfalls dieser Tradition der Kritischen Theorie zuzurechnen.

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