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Fassbinders Nachlass : Nur ungemütlicher als Beuys, Richter oder Grass

Rainer Werner Fassbinder 1971 in einer Drehpause vom „Händler der vier Jahreszeiten“ Bild: Peter Gauhe/Deutsches Filminstitut

Das Erbe eines der radikalsten Künstler Nachkriegsdeutschlands bekommt eine Heimat in Frankfurt. Hier war Rainer Werner Fassbinders Schaffen besonders umstritten.

          Frankfurt bekommt ein Fassbinder Center. Das ist, abgesehen von dem unschönen Namen, der an Eros Center oder Auto Center erinnert (was sprach gegen „Zentrum“?), eine großartige Nachricht. Das empfanden alle so, die zur Pressekonferenz im zukünftigen Lesesaal in einem modernen Bürogebäude mit umwachsener Hinterhofterrasse an der Eschersheimer Landstraße kamen – die Direktorin des Deutschen Filminstituts und Filmmuseums in Frankfurt, Ellen Harrington, die Kulturdezernentin der Stadt, Ina Hartwig, die Vertreter der Universität, der Hessischen Kulturstiftung wie der Kulturstiftung der Länder, und selbstverständlich die Präsidentin der Rainer Werner Fassbinder Foundation, Juliane Lorenz, die mit dem Verkauf des Schriftgutnachlasses in 180 Archivkästen mit bereits erfassten und aufgearbeiteten Schriften Fassbinders und der Dauerleihgabe ihrer riesigen Sammlung von Plakaten, Requisiten, Kostümen, Fotografien, Werkund internationalem Pressearchiv, Produktionsunterlagen, seinem Flipperautomaten, seinem Sofa und allem sonst, was über die Jahrzehnte seit Fassbinders Tod im Jahr 1982 dingfest zu machen war, dieses Zentrum bestückt.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Frankfurt wird auf diese Weise, mit dem Deutschen Filminstitut und Filmmuseum, das seine bisher an verschiedenen Standorten verstreuten Sammlungen jetzt in dem Gebäude des Fassbinder Centers in unmittelbarer Nähe des Campus Westend der Universität konsolidieren kann, sowie mit dem Institut für Theater- und Film- und Fernsehwissenschaften, das auch international einen herausragenden Ruf genießt (und, so ist zu hoffen, für akademische Lebendigkeit am Fassbinder Center sorgen wird), die Metropole unter den deutschen Filmstädten.

          Ungemütlicher als Beuys oder Richter oder Grass

          Die institutionelle Einigkeit über einen der radikalsten Künstler Nachkriegsdeutschlands ist bemerkenswert. Fassbinder war ja, solange er lebte und lange noch nach seinem Tod, keineswegs unumstritten. Gerade in Frankfurt nicht, wo er als Mit-Intendant des Theaters am Turm 1974/75 mit seinem Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ einen Streit um antisemitische Klischees in der Darstellung des Spekulanten entfachte, der bis heute immer wieder aufflammt, wenn von dem Stück die Rede ist. Und auch seine Filme waren meistens nicht die Lieblinge im Mainstream der Öffentlichkeit und der Kritik. „Nestbeschmutzung“, wenn es um sein bitteres, trauriges, wütendes Bild Deutschlands ging, war noch eines der sanfteren Wörter, lange noch nachdem er international bereits ein Star war. Und auch er selbst wurde in Deutschland nur von manchen bewundert. Seine Rolle im Zusammenleben seiner Truppe, seine Sexualität, Drogen, Exzesse – das alles machte ihn nicht gerade zu einer Figur, die konsensfähig gewesen wäre, solange er lebte. Als Bad-boy-Wunderkind, als verlorenes Genie betrauert, als er starb, wurde er dann in Deutschland zumindest erst mal vergessen.

          Juliane Lorenz, Nachlassverwalterin Fassbinders, bei der Vorstellung der Pläne

          Dass er als eminenter Künstler Nachkriegsdeutschlands anerkannt wurde, der für das Land nicht weniger wichtig war als Beuys oder Richter oder Grass, wenn auch deutlich ungemütlicher, das geschah dann erst mal nicht in Deutschland, nicht in Frankfurt, sondern in New York. Spätestens mit der großen Retrospektive 1997 im Museum of Modern Art war international sein Rang unbestritten. Geld gab es für den Erhalt seines Werks, um das sich seit 1992 die Rainer Werner Fassbinder Foundation und eben Juliane Lorenz kümmern, lange aus Deutschland nur spärlich. Offene Türen fand sie eher in Paris oder New York. „Es war ein langer Kampf“, sagte sie, als sie in Frankfurt einen großen Teil dessen, wofür sie gekämpft hatte, abgab. Die Stiftung wird weiterhin an der Digitalisierung und dem Erhalt der Filme arbeiten, da ist noch genug zu tun.

          Schon fast automatisch: RWF mit Storyboard

          Fotos, die Lust auf seine Filme machen

          An der Übergabe des Archivs, an der Gründung des Zentrums, an der Möglichkeit, in Zukunft das Werk Fassbinders noch einmal neu zu erforschen und für eine weitere kritische Aneignung zur Verfügung zu stellen, haben einige Menschen seit langem gearbeitet. Vielleicht hat sogar Hilmar Hoffmann den gedanklichen Grundstein gelegt, als er Fassbinder ans Theater am Turm holte, und auch Claudia Dillmann, die Direktorin des Filmmuseums bis vor einem Jahr, hat einen entscheidenden Anteil daran, dass dieses Zentrum jetzt in Frankfurt gegründet wird, und nicht in München, wo Fassbinder lebte und arbeitete, oder in Berlin, wo die Fassbinder Foundation ihren Sitz hat.

          Fassbinders Nachlass wird an das Deutsche Filminstitut übergeben

          Im April 2019, zum siebzigsten Geburtstag des Filmmuseums wird das Fassbinder Center offiziell eröffnen. Wenn die Feierlichkeiten vorbei sind, ist hoffentlich von Fassbinder, dem Radikalen, Unbequemen, Zerstörerischen, Leidenden, Liebenden und Hassenden noch etwas übrig. Wie sonst ließe sich sein Werk verstehen? Aus dem Konsens heraus eher nicht.

          Während der Pressekonferenz zogen hinter den Rednern Projektionen von Fotos vorbei, die jetzt in der Sammlung im Fassbinder Center ihre neue Heimat gefunden haben. Bilder von Fassbinder zwischen seinen Darstellern; mit Megafon bei Dreharbeiten; beim Vormachen einer Pose in der Probe; nachdenklich, melancholisch, konzentriert, sexy, provokant, neugierig, verloren, cool. Es waren Fotos, die Lust auf seine Filme machen. Lust darauf, aufs Neue sich zu vertiefen in die Bilder- und Erzählwelten, die er entworfen hat. Wie alle Kunst sind auch die Filme Fassbinders nicht bis ins Kleinste deutbar, das macht sie für jede Generation wieder zu einer Herausforderung. In Frankfurt sind jetzt die Voraussetzungen geschaffen, sich dieses Werk noch einmal in seiner weitverzweigten Ausdehnung zu erschließen – dass dies nicht in der allgemeinen Begeisterung über diesen Coup zu eines Widerspenstigen Zähmung wird, dafür werden die Studierenden und andere Neugierige, die ihn hier neu kennenlernen, hoffentlich sorgen.

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