12.03.2007 · In diesem Jahr hat er sowohl den Golden Globe als auch den Oscar gewonnen: Forest Whitaker über seine Rolle des ugandischen Diktators Idi Amin, über die eigenen afrikanischen Wurzeln - und über Schwarze in Hollywood.
Forest Whitaker hat in diesem Jahr sowohl den Golden Globe als auch den Oscar für die beste männliche Hauptrolle gewonnen. Ausgezeichnet wurde er für seine Darstellung des ugandischen Diktators Idi Amin in Kevin Macdonalds Film „Der letzte König von Schottland“. Der Film ist von Donnerstag an in den deutschen Kinos zu sehen.
Forest Whitaker spricht über seine Rolle des ugandischen Diktators Idi Amin, über die eigenen afrikanischen Wurzeln - und über Schwarze in Hollywood.
Herr Whitaker, in Ihrer Rede bei der Oscar-Verleihung haben Sie Ihren Vorfahren gedankt. Wen meinten Sie da genau?
Eigentlich alle. Ich kann meine Familie über sechs Generationen zurückverfolgen. Ich habe sogar meine DNA testen lassen, um herauszufinden, von welchen afrikanischen Stämmen ich abstamme: väterlicherseits vom Ibo-Stamm in Nigeria, mütterlicherseits vom Akan-Stamm in Ghana. Ich spüre, dass ich mit vielen Vorfahren in Verbindung stehe, die längst verstorben sind. Ich spreche mit ihnen. Ich weiß, dass ich ohne sie nicht wäre, wo ich heute bin.
Was erzählen Ihre Vorfahren denn so?
Alle meine Verwandten waren Lehrer und Priester - Redner, die ihre Seelen benutzt haben, um etwas über das Leben und den Glauben zu kommunizieren. Das ist ein Teil dessen, was ich bin; es ist die Energie, die mich umgibt. Und mein Vater, der noch lebt, stammt aus einer Kleinstadt in Texas. Irgendwann hat er sich entschieden, nach Los Angeles zu ziehen. Das war eine große Entscheidung, denn seine Familie wollte nicht, dass er dorthin geht. Aber wenn er das nicht getan hätte, würde ich heute nicht hier mit Ihnen sitzen.
Sie haben für Ihre Rolle lange in Uganda recherchiert. Waren die Ugander skeptisch, dass ein Amerikaner Idi Amin spielt?
a, natürlich haben sich die Leute gefragt: Wie soll ein Amerikaner Idi Amin spielen? Noch dazu jemand, der nicht aussieht wie einer von uns, sondern wie ein Westafrikaner. Wenn ich dort über einen Markt ging, haben mich alle für einen westafrikanischen Muslim auf Pilgerfahrt gehalten. Aber die Ugander im Team haben es mir zugetraut, als sie merkten, wie hart ich gearbeitet habe, um den Akzent hinzubekommen und die Feinheiten der Sprache. Es geht ja nicht nur um den Klang - der Akzent sagt dir auch, wie du dich bewegen und wie du denken sollst. Deshalb ist die Sprache so wichtig.
Sie haben sich mit Idi Amins Bruder und anderen Familienangehörigen unterhalten. Wie sehen die Idi Amin heute?
Nicht nur seine Familie, viele Menschen in Uganda haben gemischte Gefühle, was Idi Amin angeht. Es ist nicht so, dass jeder ihn hasst.
Hat Sie das überrascht?
Ja, das hat mich einigermaßen umgehauen. Denn ich war natürlich die westliche Perspektive gewohnt - während es in Uganda eine recht große Gruppe gibt, die Idi Amin anders sieht. Natürlich verachten ihn viele, aber es gibt eben auch noch immer einige, die ihn für einen Helden halten. Sein Bruder war sehr besorgt, dass ich dazu beitrage, das westliche Bild zu bekräftigen. Und natürlich hat er sich gefragt, welche Folgen der Film für ihn persönlich haben könnte. Er war schon zweimal im Exil, weil er um sein Leben fürchtete.
Wo lebt er heute?
Er lebt in Arua, wo Idi Amin geboren wurde, in den ausgebombten Gebäuden seiner Familie. Er ist sehr arm. Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass ich so viel wie möglich verstehen will, um ein realistisches Bild seines Bruders abzugeben. Es war klar, dass ich ihn natürlich nicht als netten Kerl spielen würde. Aber auch, dass ich versuchen wollte, seiner ganzen Persönlichkeit gerecht zu werden. Einer von Idi Amins Söhnen, Taban, ist heute übrigens ein bekannter General in der Armee. Seit kurzem ist er Chef der Inneren Sicherheitskräfte. Man sieht ihn dauernd in der Zeitung - er sieht seinem Vater sehr ähnlich und hat eine große Ausstrahlung.
Sie zeigen Idi Amin als Mann, der durchaus charmant und witzig sein konnte. Tritt der Teufel immer in Verkleidung auf?
Ich glaube ja. Es ist wichtig, zu verstehen, dass die Gesichter des Bösen nicht immer mit Kohle gezeichnet werden. Manchmal sind die Bösen die charmantesten Menschen, die man sich vorstellen kann. Auch heute noch kann man sich irren, wenn man glaubt, dass jemand, der das Land führt, schon deshalb die richtigen Entscheidungen trifft, weil er so normal und bodenständig wirkt. Man muss sich immer fragen, wie viele Leute gestorben sind - und welches Gesicht das Böse eigentlich hat.
Der Film zeigt Amin als Politiker, der Afrika eine Stimme gab.
Und das ist neben seinen Show-Qualitäten natürlich einer der Gründe, warum manche Leute heute noch stolz auf ihn sind. Er war ein afrikanischer Führer, der den Kolonialmächten gesagt hat: „Raus hier, wir können uns um uns selbst kümmern.“ Deshalb wurde im Westen auch mehr über ihn gesprochen als über andere Diktatoren, die mindestens genauso grausam waren. Dass er dem Westen gesagt hat, ihr könnt nach Hause gehen, oder der Königin von England sexuelle Avancen machte, war einfach unerhört. Das hat die Leute beeindruckt. In Uganda sieht man diese zwei Seiten. Da erzählt Ihnen zum Beispiel jemand, Idi Amin habe seinen Onkel umgebracht - und der gleiche Mann lacht über etwas anderes, das Amin tat. Amin hat ja sogar noch überall angehalten und Radio-Interviews gegeben, als er mit dem Jeep auf dem Weg ins Exil war. Das klingt absurd, aber so war es. Er ist ja auch nicht umgebracht worden, sondern hat noch bis 2003 im Exil in Saudi-Arabien gelebt.
Spielfilme über Hitler werfen in Deutschland oft die Frage auf, ob man einen Massenmörder von seiner menschlichen Seite zeigen dürfe. Können Sie solche Diskussionen nachvollziehen?
Für mich ist es keine Frage, dass Diktatoren Menschen waren - mit eigenen Ängsten und Qualen. Bei solchen Debatten schwingt immer die Furcht mit, sie zu Helden zu stilisieren, wenn man sie als Menschen zeigt. Ich glaube aber nicht, dass man sie heroisiert, wenn man zeigt, was sie antreibt. Ich glaube, es ist sogar töricht, wenn man sie nicht als Menschen betrachten will - denn dann wird man nie in der Lage sein, Diktatoren zu erkennen, wenn sie vor einem stehen. Genau das aber ist doch so wichtig: Wir müssen sie durchschauen, wenn es darauf ankommt.
Haben Sie durch Ihre Arbeit an der Rolle eine Erklärung dafür gefunden, warum Idi Amin zum Schlächter wurde?
Ich glaube, der Schlüssel liegt in seinen Erfahrungen als Soldat. Er hat in grausamen Kriegen gegen die Mau-Mau gekämpft, er gehört einem Kriegerstamm an. Idi Amin war 25 Jahre lang Soldat, dann entschieden sich die Briten dafür, ihn an die Macht zu lassen. Irgendwann glaubte er sich von Feinden umzingelt, und da hat er wie ein Krieger reagiert. Er hat versucht, seine Feinde zu vernichten.
Macht absolute Macht zwangsläufig paranoid?
Ja, ich glaube, das ist es letztlich, was die meisten Machtinhaber zerstört: Der Zwang, an der Macht festzuhalten. Genau das ist es, was den Wahnsinn auslöst.
Kann man aus den afrikanischen Erfahrungen etwas lernen hinsichtlich der aktuellen Probleme auf der Welt?
Ich glaube ja. Wahrscheinlich ist das auch einer der Gründe, warum zurzeit einige Filme über Afrika gedreht werden. Zum einen ist dieser Kontinent die Wiege unserer Zivilisation - aber es ist auch der mit am stärksten kolonialisierte Teil der Welt. Fast jedes Land in Afrika ist durch die Kolonialisierung seiner eigenen Strukturen beraubt worden. Man kann das durchaus vergleichen mit der Lage im Irak oder mit den Problemen in Iran. Das gab es doch alles schon einmal: Diese Hybris zu glauben, die Leute da kapieren es einfach nicht, also übernehmen wir das mal und zeigen denen, wie es geht. Bloß hat das noch nie funktioniert.
Sie sind seit 25 Jahren im Geschäft. Hat sich in dieser Zeit die Lage für schwarze Schauspieler in Hollywood verbessert?
Es gibt heute mehr schwarze Schauspieler, denen man auch zutraut, dass sie genug Leute in die Kinos locken. Und die Autoren haben in jüngerer Zeit begonnen, auch für Farbige komplexere Rollen zu schreiben. Denken Sie nur an Jamie Foxx in „Ray“, an Denzel Washingtons Rollen in „Hurricane“, „Malcolm X“ und „Training Day“. Oder eine Rolle, wie Don Cheadle sie in „L. A. Crash“ gespielt hat. Da verändert sich schon etwas.
Verändert sich auch etwas in der Gesellschaft?
Das wird man noch sehen. Gerade deshalb ist es für mich auch so spannend, wie der „König von Schottland“ international aufgenommen wird. Die Filme von Will Smith laufen zwar ganz gut, aber normalerweise ist es einfach so, dass der Rest der Welt kein großes Interesse an Produktionen mit Farbigen hat. Mit diesem Film war das bisher nicht so, er läuft in England gut und in Schweden auch. Mal sehen, was in Deutschland passiert.
Zum Schluss noch eine politische Frage: Glauben Sie, dass die Demokraten Barack Obama als Präsidentschaftskandidaten ins Rennen schicken?
Ja, ich glaube, er hat eine sehr gute Chance. Ich hoffe, dass ich ihn bald mal sprechen kann, um herauszufinden, wie er so ist. Übrigens sollte man auch einmal ein Verdienst von George W. Bush anerkennen - selbst wenn ich dessen Politik fragwürdig finde. Aber es war Bush, der Leute wie Colin Powell oder Condoleezza Rice in sein Kabinett geholt hat. Das war sehr ungewöhnlich und hat unsere Vorstellung davon, wie eine Regierung auszusehen hat, verändert. Das war ein sehr großer Schritt, der es jemandem wie Barack Obama heute möglich macht, überhaupt anzutreten. Bush hat ihm die Bühne bereitet.
Forest Whitaker
Whitaker wurde 1962 in Longview in Texas geboren. Seine erste Filmrolle spielte er 1982 in der legendären Teenie-Komödie „Fast Times at Ridgemont High“ neben Nicolas Cage und Sean Penn. Seither kennt man ihn aus Filmen wie „Die Farbe des Geldes“, „Platoon“, „The Crying Game“ oder „Panic Room“.
1988 gewann er mit der Rolle des drogensüchtigen Jazz-Genies Charlie Parker in Clint Eastwoods Film „Bird“ eine Goldene Palme in Cannes. 1995 führte er bei „Waiting to Exhale“ erstmals Regie. Whitaker ist verheiratet mit Keisha Nash. Das Paar hat vier Kinder.