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Film „The Shape of Water“ : Liebe ist ein Seepferdchen

Hört, sieht und fühlt: Sally Hawkins als stumme Liebe des Biests Bild: dpa

Die stumme Putzfrau und die geschundene Kreatur: Guillermo del Toros Film „The Shape of Water“ zeigt die Vereinigten Staaten, wie sie sein könnten, wenn Gott Surrealist wäre.

          Manchmal ist so ein Filmkunstwettstreit ein völlig widersinniges Attentat auf das ästhetische Urteilsvermögen – zum Beispiel, wenn der versammelten Kritik am selben Vormittag (und der Jury innerhalb von anderthalb Wochen) zugemutet wird, zwei einander so vollständig fremde Produktionen wie „The Insult“ von Ziad Doueiri und „The Shape of Water“ von Guillermo del Toro gegeneinander abzuwägen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Doueiris zügig und mit vollendeter Szenenökonomie erzähltes Gerichtsdrama spielt im Libanon, wie er heute ist, del Toros luxuriöses Fantasy-Edelgeschmeide spiegelt dagegen die Vereinigten Staaten von Amerika, wie sie nie waren, aber doch hätten gewesen sein können, wenn der liebe Gott Surrealist wäre. „The Insult“ wechselt mehrfach die ethische Blickrichtung und benutzt die mit raschen Schnitten rhythmisierte juristische Auseinandersetzung um Beleidigung und Körperverletzung, um die Geschichte des Nahen Ostens als eine Tragödie der Kränkungen von Verbrechensopfern durch andere Verbrechensopfer zu erzählen; der Respekt, den Kunst sich verdienen kann, wenn sie zeit- und weltgeschichtliche Stoffe mit der ihnen gemäßen Mehrdeutigkeit dramatisiert, ist diesem Film sicher, die Wirkung bei der Kritik und bei der Jury daher wohl auch.

          Fürchterliche Form von Sex im Ehebett

          Wer diese spezifisch erbaulichen Vorzüge nun aber zum Maß der Gelungenheit eines Films setzt, wird in del Toros „The Shape of Water“ nur einen Bilderbogen schöner Einzeleindrücke erkennen, die zu nichts führen, und damit einem Regisseur großes Unrecht tun, der sich seit zwanzig Jahren langsam, aber sicher den Platz als der größte Poet unter den lebenden Fantasy-Kinokünstlern erarbeitet hat, den Terry Gilliam einmal verwalten durfte.

          Mit zwischen Horror und Comic-Affinität oszillierenden Kompetenzbeweisen hat del Toro sich warmgelaufen. Sein erster Auftritt in vollem Ornat als Magus des Bittersüßen, der aus kitschigsten Voraussetzungen immer wieder ins Freie und Blau entkommt, war „Pans Labyrinth“ (2006), einen zweiten Werkhöhepunkt hat er mit dem blutigen Spukmelodram „Crimson Peak“ (2015) erreicht. Sein Markenzeichen ist die einzelne Szene, die direkt aus einem Traum gefischt scheint, der ihn im hellsten Wachbewusstsein überfallen hat (und seine Echos in die Träume seines Publikums sendet): das kleine Mädchen, das in „Pans Labyrinth“ mit dem Kopf am Bauch der Mutter dem ungeborenen Geschwisterchen erklärt, dass es keinen Spaß macht, im faschistischen Spanien zu leben, oder der Walzer in „Crimson Peak“, bei dem der schönste Mann und die schönste Frau auf dem Ball eine Kerze halten müssen, die beim Wirbeln der Körper nicht ausgehen darf.

          Kinotrailer : "The Shape of Water"

          Auch „The Shape of Water“ hat wieder solche Augenblicke und Sequenzen, die sich selbst genügen würden, aber zusammen dann aus lauter kammermusikalischen Einfällen einen echten symphonischen Gedanken weben: die Frau, die schwebend unter Wasser schläft, der regennasse Bösewicht, der sich vor Wut zwei Finger abreißt, der Kühlschrank voller grüner Törtchen. Der Wechselstrom aber, der bei diesem Regisseur seit je zwischen dem Gruselschock und dem Märchenwunder fließt, ist diesmal stärker als je zuvor, wohl deshalb, weil schon die Story eine Brücke schlägt zwischen feistem Horrorschlamm Marke „The Creature from the Black Lagoon“ (1954) von Jack Arnold und Jean Cocteaus „La Belle et la Bête“ (1946).

          Eine Dschungelkreatur, die halb Fisch, halb Mensch ist, wird mitten während der eisigsten Blizzardphase des Kalten Kriegs in einem amerikanischen Militärforschungslabor untersucht und gequält, wo eine stumme (aber nicht taube) Putzfrau die Kreatur kennen- und lieben lernt, während sich ein russischer Spion eingeschlichen hat, der den Amerikanern das Fabelviech rauben will, es dann aber zu retten beschließt, als die Militärs es töten wollen. Der Spion, die Putzfrau, deren schwarze beste Freundin und Kollegin sowie ein gescheiterter Werbegrafiker jenseits der fünfzig, der seine Männerliebe aus berechtigter Angst vor rabiater Homophobie nie gelebt hat, sind die Leute, auf die del Toro setzt, ihren Widersacher spielt der unübertreffliche Michael Shannon, dessen Schurkencharisma für zehn Standardfieslinge reicht – er braucht nur den Hut abzunehmen, Schwarze wegwerfend als „you people“ zu bezeichnen oder seine fürchterliche Form von Sex im Ehebett (die Frau muss dabei schweigen) vollziehen, und schon weiß man, wie übel das Land, das dieser Drecksack zu lieben erklärt, rundum war zu der Zeit, in die Donald Trump es derzeit zurückzuführen verspricht.

          „Erotische Hoffnung auf ein anderes Leben“

          Dass Shannon ganz in diesem Sinne die Heldin auch noch am Arbeitsplatz sexuell belästigt, ist in der hochintelligenten Gefühlsökonomie des Films der dunkle Hintergrund, vor dem die Liebe zwischen dem Wasserwesen und besagter Heldin als das Sinnbild der Sehnsucht überhaupt erstrahlen kann, das del Toro damit meint.

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          Die Sache müsste freilich kläglich absaufen, wenn das größte Risiko, das der Film eingeht, nämlich das Monster direkt zum Anlass einer komplexen Herzensregung zu machen, die man „erotische Hoffnung auf ein anderes Leben“ nennen könnte, hier nicht von einer Schauspielerin angenommen und bewältigt würde, die im ganzen Film so gut wie kein Wort spricht und dabei doch in Sachen Seelensex so beredt ist wie zehn dicke Bände romantischer Lyrik: Sally Hawkins tanzt bei der alltäglichsten Bewegung, lacht mit verschwiegenen Blicken und macht obszöne Wörter per Gebärdensprache zu heroischen Kampfparolen – wie passend: In seinem bislang besten Film hat Guillermo del Toro seinen größten Star ins klarste Licht gesetzt.

          Quelle: F.A.Z.

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