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Filmporträt Aung San Suu Kyis : Volk oder Familie, das ist die Frage

Sein Werk muss sie vollenden: Aung San Suu Kyi (Michelle Yeoh) vor dem Bild ihres Vaters Bild: Magali Bragard

Luc Besson porträtiert die Nobelpreisträgerin aus Burma fürs Kino: „The Lady“. Der Film bietet viel Gefühl und keinen Gedanken.

          Einen besseren Zeitpunkt für den Kinostart von „The Lady“ konnte sich niemand wünschen. Die Geschichte der burmesischen Widerstandskämpferin Aung San Suu Kyi, deren Namen endlich fast jeder richtig aussprechen kann, muss, so wenige Tage nach der Nachwahl zum burmesischen Parlament, die ein Triumph für sie wurde, einfach jeden interessieren. Geschrieben wird über Burma, über Aung San Suu Kyi, über Hoffnungen auf den Demokratisierungsprozess nach der Freilassung vieler hundert politischer Gefangener seit einiger Zeit. Aber einen Film, einen gar, der mit der Macht eines Großproduzenten wie Luc Besson geplant, gedreht und vermarktet wurde, hat es noch nicht gegeben. Besson hat auch selbst Regie geführt, was nicht unbedingt ein Versprechen ist. Aber kommt es darauf an? Ist nicht die Aufmerksamkeit, die eine solche Produktion mit dem Weltstar Michelle Yeoh in der Titelrolle dem abgelegenen und so lange abgeschnittenen Land entgegenbringt, ein höheres Gut als ästhetisches Gelingen?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Gedreht wurde der Film in Thailand, was wir an landschaftlicher Schönheit sehen, gehört also nicht Burma, wobei Besson es nicht versäumt hat, eine Menge Pagoden in die Landschaft zu beamen. Michelle Yeoh, die der burmesischen Friedensnobelpreisträgerin erstaunlich ähnlich sieht, spielt würdevoll. Die Handlung ist bekannt, und es gibt nicht viel davon. Was der Film uns in langen gut zwei Stunden aber aufdrängt, ist eine Menge Gefühl. Und keinen einzigen Gedanken.

          Gewalt mit einigem Schauwert inszeniert

          Das fängt schon in den ersten Bildern an. Da sitzt die zweijährige Aung San Suu Kyi im Jahr 1947 mit ihrem Vater in einem Liegestuhl im Garten des wunderschönen Familiensitzes in Rangun, und der Vater erzählt, wie es einmal war in ihrem Land, als noch Tiger und Elefanten durch die Dschungel und weiten Ebenen streiften und Saphire und Rubine aus dem Boden kullerten, wenn man nur ein bisschen schabte. „Dann kamen die Soldaten“, sagt der Vater. Zu welcher Armee sie gehörten, das sagt er nicht.

          In der nächsten Szene wird er ermordet. Besson weiß, wie man Gewalt mit einigem Schauwert inszeniert, und weil es so schön ist, dreht er die blutigen Manöver gern in Zeitlupe. Nach einer wilden Schießerei sind Aung San und die Mitglieder seiner Regierung, die dem Land die Demokratie bringen wollten, tot - die Kamera hängt über dem Ergebnis des Gemetzels, um das Muster einzufangen, das die Blutlachen auf Tisch und Boden und die von den zerschossenen Körpern weiter entfernten roten Spritzer fast symmetrisch pointilliert haben. Burma ist ein Land, das von der Schönheit lebt.

          Wer ist das Volk, für das sie kämpft?

          Den Zeitsprung in die späten Achtziger erledigt Besson mit einem Insert, das wird er noch häufiger tun. Denn von nun an wird zwischen Oxford, wo Suu Kyi mit ihrem englischen Mann und den gemeinsamen Söhnen lebt, und Rangun hin- und hergesprungen. Einmal in Rangun angekommen, wird Suu Kyi Burma nicht mehr verlassen. Bewegen müssen sich die anderen. Bekommt ihr Mann ein Visum? Die Söhne? Wie wird sie sich entscheiden, wenn sie vor der Alternative steht, ihrem Mann im Sterben beizustehen oder weiter für die Freiheit ihres Volkes zu kämpfen?

          Die Antworten auf diese Fragen gehören zu den wenigen, die wir kennen, wenn es um Burma geht. Besson aber benutzt diese Entscheidungen, wie man es von einem geschulten Propagandisten erwarten darf: um uns auf der Seite festzunageln, auf der wir sowieso stehen. Alle anderen Fragen stellt er erst gar nicht. Vor allem eine nicht, die sich doch aufdrängt, spätestens dann, wenn Suu Kyi die Bergstämme besucht, die so malerisch kostümiert sind, mit schwarzen Turbanen die einen, hohen bunten Hüten die anderen, mit von zahlreichen Goldreifen langgestreckten Hälsen die dritten: Wer ist das Volk, für das sie kämpft?

          Die Freiheit, für die Aung San Suu Kyi so unbedingt einsteht, ist eine handfeste Angelegenheit. Sie bedeutet Freiheit von Terror, von Folter, von Herrschaft und Freiheit zur Wahl. Besson hatte die Chance, uns davon zu erzählen. Aber er rührt uns nur.

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