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Filmmythen im Wandel Alte Monster, neue Männer

05.01.2010 ·  Vampir, Werwolf, Alien: In den zwei erfolgreichsten Filmen dieser Wochen, „New Moon“ und „Avatar“, begegnen wir Männern, die sich gegen ihre Monsterhaftigkeit entscheiden. Und Frauen, die sich nicht mehr davor fürchten müssen.

Von Julia Voss
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Da hatte man sich schon daran gewöhnt, nach Kinobesuchen über die Frauenrollen eines Films zu debattieren. Auch in Kritik und Berichterstattung gehört der Blick darauf inzwischen zum festen Repertoire: Schauspielerinnen geben zu der Frage, was es heißt, eine Frau in Hollywood zu sein oder auf der Leinwand zu verkörpern, routinemäßig Interviews; an den Universitäten gibt es Forschungszweige, die Frauenrollen in Film, Fernsehen und Öffentlichkeit analysieren. Und selbst Menschen, die wenig Freude an ausufernden Interpretationen haben, zeigen Verständnis dafür, dass die eine oder andere Anmerkung zum Frauenbild eines Films gemacht wird. Und dann das: „Avatar“ und „New Moon – Biss zur Mittagsstunde“.

Beide Filme vereint ihr Erfolg. James Camerons „Avatar“ führt gerade weltweit die Kinocharts an, „New Moon“, die Verfilmung des zweiten Teils der sogenannten „Twilight-Saga“, hielt sich zuvor, nachdem er im November in Deutschland angelaufen war, auf den obersten Plätzen. Beide Filme handeln von Männern, die sich in Monster verwandelt haben, ihren alten Körper abstreifen, verlassen oder umbauen, um in einer neuen Haut Vampir, Werwolf oder Alien zu sein. Und beide Filme erzählen außerdem eine Liebesgeschichte.

Im Identitätshader

In „New Moon“ verlieben sich zuerst ein Vampir und dann auch ein Werwolf in das Mädchen mit Namen Bella Swan, das aus Arizona in den Norden der Vereinigten Staaten zieht, einen alten Pick-up-Truck fährt, bei ihrem Vater wohnt, sich nicht wie ihre Freundinnen für Mode oder Shopping interessiert, lieber allein ist und an dem verbreitetsten aller Teenagerschmerzen leidet, dem Liebeskummer. In „Avatar“ schenkt Jake Sully, der Held, sein Herz einer blauhäutigen Einwohnerin des Planeten Pandora, die ihn zuvor lehrt, mit Pfeil und Bogen zu schießen, Flugechsen zu reiten und auf Bäume zu klettern. Was die Frauen anbetrifft, kann man zusammenfassend sagen, dass sie so etwas wie gesicherte Identitäten vorweisen: Bella ist ein von den Altersgenossen umschwärmtes Mädchen, das aber an den durchschnittlichen Freuden des amerikanischen Teenagerdaseins wenig Interesse hat und deswegen mitunter als arrogant empfunden wird. In „Avatar“ zeigen die weiblichen Hauptrollen – sofern sie Menschen sind – Frauen, die Kampfbomber fliegen oder wissenschaftliche Forschungsteams leiten; Neytiri wiederum, die außerirdische Frau von Pandora, rettet Jake zuerst das Leben und wird dann zu seiner Lehrmeisterin im futuristischen Dschungel.

Es sind also die Männer, die offensichtlich mit ihrer Identität hadern, sich an sie gewöhnen müssen, sie sogar bekämpfen, anders sein wollen. Edward Cullen will, als er Bella kennenlernt, kein Vampir mehr sein; Jacob Black kämpft, ebenfalls weil er in Bella verliebt ist, gegen seine Werwolfnatur. Und Jake Sully muss wählen, ob er seine menschliche Haut abstreifen will und dafür die blaue der Pandorageschöpfe annehmen möchte.

Mormonische Mission?

Trotzdem hat sich die Kritik im Fall von „New Moon“ ganz auf die Frage gestürzt, um welche Frauenrollen es hier wohl ginge – und das Thema bei „Avatar“ ignoriert. Bekanntermaßen ist die „Twilight-Saga“ vor allem bei jungen Mädchen beliebt, was verschiedene Kritiker mit Grauen erfüllt hat, da sie in Bella Swan den Prototypen einer antifeministischen Heldin sehen und sie zu einer Art Propagandavehikel ihrer Schöpferin Stephenie Meyer erklärt haben.

42 Millionen Mal hat sich Meyers Fantasy-Serie bisher als Buch verkauft; nach Joanne R. Rowling rückt die sechsunddreißigjährige Schriftstellerin damit zur meistgelesenen Jugendbuchautorin der Gegenwart auf. Nun ist Meyer aber auch bekennende Mormonin und damit Mitglied einer Glaubensgemeinschaft, die Sex vor der Ehe ablehnt. Und eben Sex ist auch das Problem zwischen Bella und Edward. Denn gegen alle Regeln des Vampirdaseins möchte der Vampir Bella nicht beißen – was in der tradierten Metaphorik so viel bedeutet wie, dass Edward keinen Sex will. Er ist ein Aussteigervampir, der sich von Tierblut ernährt und erst, als er es wegen seiner übergroßen Liebe zu Bella nicht mehr aushält, willigt er ein, sie zu beißen, unter der Bedingung, dass sie für immer zusammenbleiben, sprich heiraten. Als „Schmusegrusel für Sittenwächter“ wurde die Vampirgeschichte daraufhin bezeichnet und Bella als mormonische Missionsschwester misstrauisch beäugt.

Vielleicht mag Meyer, die sich dazu nicht äußert, an dieser Botschaft sogar etwas liegen. Wer weiß. Aber lesen Leser Bücher aus denselben Gründen, aus denen Autoren Bücher schreiben? Sehen wir Filme aus der gleichen Perspektive wie der Regisseur? Wohl kaum. Und deshalb lohnt es sich, bei der Geschichte zu bleiben.

Pandoras Welt

Was wir im Kino mit „Avatar“ und „New Moon“ sehen, sind vor allem Filme, die tradierte Genres gegen den Strich erzählen und auf den Kopf stellen. „Avatar“ beginnt beispielsweise wie ein Actionfilm vom Typus „Top Gun“: Jake Sully, der Held der Geschichte, ist ein Elitesoldat, der von einem Kriegseinsatz in Venezuela querschnittsgelähmt zurückgekehrt ist und nun auf einem Militärstützpunkt im Weltraum eingesetzt wird. Sein Vorgesetzter heißt Colonel Miles Quaritch und er verkörpert mustergültig Sigmund Freuds Definition des Menschen als Prothesengott: Quaritch ist Herr über alle Maschinen, er selbst schlüpft bei Einsätzen in einen Roboter, den er wie einen zweiten Körper bewohnt. Er ist ein Zerstörer, aber auch ein Vater, der Jake anbietet, ihn unter seine Fittiche zu nehmen und nach gelungener Mission mit Hilfe medizinischer Technik die Fähigkeit zu laufen zurückzugeben.

Die Gegenspielerin des Prothesengotts ist Neytiri, die Außerirdische, in die sich Jake verliebt. Sie lehrt ihn Symbiose statt Kampf. Pandora, ihre Welt, gehorcht einer anderen Logik, die Jake erst durch sie begreifen wird.

Humanisierung der Bestie

In Gestalt der Werwölfe und Vampire von „New Moon“ begegnen dem Zuschauer natürlich auch zwei männliche Rollenklischees. Es gibt die Unterschichtenwelt der muskulösen Werwölfe, die in Waldhütten leben, handwerkliche Berufe ausüben und in reinen Männerverbünden umherziehen. Die Vampire dagegen gehören zur Oberschicht der Fantasygesellschaft: Sie spielen Klavier, lesen Bücher, tragen Jacketts und bewohnen eine herrliche Villa, die Frank Lloyd Wright entworfen haben könnte.

Beide Monster, ganz gleich ob Werwolf oder Vampir, Jacob oder Edward, verlieben sich aber in Bella. Und beide Monster leiden an ihrer Monsterhaftigkeit: Sie haben sich dagegen entschieden, Menschen zu töten, und sie fürchten nichts mehr, als Bella mit ihrer Bestialität zu schaden. Die einzige, die dabei keine Angst hat, ist Bella; sie vertraut sowohl ihrem Werwolfverehrer Jacob Black als ihrem Vampirgeliebten Edward Cullen. Und damit steht nicht nur ein Genre kopf, sondern es wird auch eine prototypische Mädchenangst besiegt.

Der gezähmte Vampir

Wer als Mädchen sozialisiert wurde, weiß, dass man in der Erziehung vor kaum etwas eindringlicher gewarnt wird als vor Männern. Im Dunkeln soll man, wenn man einen Mann sieht, am besten die Straßenseite wechseln, sich vor den ersten Verehrern und ihren Ansinnen in Acht nehmen und auch im Erwachsenenalter nicht aufhören, sich davor zu fürchten, belogen und betrogen zu werden. Das Klischee will den Mann als triebgesteuertes Ungeheuer. Die sadistische Inkarnation dieses Rollenbilds war bisher der Vampir: Er lauert Frauen nachts auf oder erschleicht sich das Vertrauen, um seine Opfer dann zu überwältigen. Er ist ebenso durchtrieben wie getrieben.

Verwundern kann der Erfolg von „New Moon“ daher nicht: Genau an dem Punkt nämlich, wo aus der Gewaltphantasie des Vampirmythos eine Phantasie der Zähmung wird, beginnt sich die weibliche Leserschaft für Vampire zu begeistern. In „New Moon“ gibt es keine Frauen mehr, die um ihr Leben bitten und betteln. Aus Liebe überwindet die Bestie ihre Bestialität. Der bullige Werwolf ist so wenig eine Gefahr für Bella wie der gebildete Vampir. Und Bella vertraut ihren liebenden Monstern mehr, als diese sich selbst. Sie wünscht sich, gebissen zu werden, während sich das Ungeheuer davor fürchtet.

Mit der Logik der Filmgenres, die „Avatar“ und „New Moon“ verabschieden, werden Männermythen um- und weitergeschrieben. Aus alten Sozialisationserzählungen werden neue Geschichten der Resozialisation. „Ich wurde geschaffen, um zu töten“, sagt Edward zu Bella, bricht den Bann aber ebenso wie der Werwolf Jacob. In „Avatar“ ist es sogar die Außerirdische Neytiri, die schließlich Colonel Quaritch tötet. Davor jedoch hat Jake bereits in seinem Ausbilder den Feind erkannt.

Das Zahnrad der Mythenmaschine hat sich damit wieder ein Stück weitergedreht. King Kong, das vielleicht traurigste zerrissene Monster der Filmgeschichte, wurde noch in der letzten Verfilmung aus dem Jahr 2005 vom Empire State Building heruntergeschossen. Ihn tötet die Logik, die er selbst zu lange verkörperte. King Kong kann der Gewalt nicht entkommen. Vampir, Werwolf und Avatar haben von nun an die Wahl.

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