http://www.faz.net/-gqz-10zrn

Filmkulisse : Hollywood goes Görlitz

Über den Untermarkt von Görlitz lässt Star-Regisseur Tarantino seine Soldaten gerne rennen Bild: dpa

Wie Heidelberg, nur völlig unverdorben: In Deutschlands östlichster Stadt drehen Filmregisseure gern. Kate Winslet drehte „Der Vorleser“ in Görlitz und Hollywood-Regisseur Quentin Tarantino lies seine „Inglorius Bastards“ einmarschieren.

          Es ist ein übles Gemetzel, das Daniel Brühl da auf dem Görlitzer Untermarkt anrichtet. Überall im Hof des Rathauses und in der Rosengasse liegen tote amerikanische Soldaten. Und Brühl, der einen Wehrmachts-Scharfschützen spielt, findet kein Ende. Hollywood-Regisseur Quentin Tarantino dreht derzeit den Film "Inglorious Bastards"; mit Team und vielen Komparsen war er Anfang November in die östlichste Stadt Deutschlands gekommen, weil sie mit ihren historischen Fassaden im Zentrum so schön authentisch aussieht.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          In dem Streifen geht es um eine Gruppe jüdischer G.I.s, die gezielte Vergeltungsschläge gegen die Wehrmacht im besetzten Frankreich verüben soll. Den Görlitzer Untermarkt zum Zentrum einer Stadt im Zweiten Weltkrieg kurz nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen herzurichten war nicht schwierig: Ein verkohlter Vorkriegs-Fiat, ein bisschen Gerümpel, schauerlich echt wirkende Leichen-Puppen - und schon kann Hollywood Krieg spielen.

          Das größte Flächendenkmal in Deutschland

          Die historische Altstadt von Görlitz ist ein Ensemble in den Stilen der vergangenen 500 Jahre. Mit etwa 3500 denkmalgeschützten Gebäuden ist Görlitz das größte Flächendenkmal in Deutschland. Immer öfter nutzt auch die internationale Filmindustrie die vielleicht schönste Stadt der Republik als Kulisse. Im Sommer 2003 verwandelte sich das Zentrum der Stadt in ein Pariser Quartier, als Szenen für den Streifen "In 80 Tagen um die Welt" mit Jackie Chan an der Neiße gedreht wurden. Damals kam die Crew von Paris auch gleich noch nach New York, und das innerhalb weniger Minuten. Denn am Görlitzer Stadtrand fand sich in dem denkmalgeschützten Backsteinbau der Landskron-Brauerei ein Ort, den die Kulissenbauer mit wenig Aufwand in den New Yorker Hafen des 19. Jahrhunderts verwandeln konnten.

          Kein Fall für den TÜV: Auch die Rostlaube ist nur Filmkulisse

          Regelmäßig loben Location Manager, dass Görlitz nicht "totgedreht" ist wie mancher Ort im Westen, dass es in der Stadt keine Bausünden gibt, kaum Leuchtreklame an den Häusern und keine Schilder, die nicht an die Fassaden passen. Dass alles übersichtlich und unaufgeregt ist, erweist sich ebenfalls immer wieder als Vorteil. Das Set lässt sich gut absperren, und Schauspieler goutieren es, weit weniger von Neugierigen belagert zu werden als in großen Städten.

          Eine schöne Portion Schmutz

          In diesem Sommer gab Görlitz für die Kinoversion von "Der Vorleser" nach dem Roman von Bernhard Schlink neun Drehtage lang ein Heidelberg ab, das selbst in Heidelberg nirgendwo mehr zu finden ist: Kopfsteinpflaster, graue Hinterhöfe und eine Straßenbahn wie in den fünfziger Jahren. In der Geschichte beginnt der 15 Jahre alte Michael ein Affäre mit der 21 Jahre älteren Straßenbahnschaffnerin Hanna (Kate Winslet), die später als Nazi-Verbrecherin enttarnt wird. Auf die passende Tram war die Produktionsfirma in der Sächsischen Schweiz gestoßen. Die historische Kirnitzschtalbahn lieh man sich in Bad Schandau, lackierte den Zug für die Dreharbeiten beige, versah ihn mit zeitgenössischen Werbeaufklebern und übergoss ihn schließlich mit einer schönen Portion Schmutz.

          Auch Tarantino wurde für seine "Inglorious Bastards" in der Sächsischen Schweiz fündig. Auf einer hügeligen Wiese mit unverbautem Blick in Hertingswalde ließ er die Kulisse eines französischen Bauernhofs errichten. "Das ist ja nicht besser denkbar", lobte der Hollywood-Regisseur, als er seinen Außendrehort zum ersten Mal in Augenschein nahm. Zu einer noblen Absteige für Hollywood-Stars ist mittlerweile das erst vor kurzem eröffnete Hotel Elbresidenz in Bad Schandau geworden. Wie schon zuvor Schauspielerin Winslet logierte auch Regisseur Tarantino dort. Zum Leidwesen vor allem weiblicher Fans ließ sich der Hauptdarsteller von "Inglorious Bastards", Brad Pitt, dagegen weder in der Sächsischen Schweiz noch in Görlitz blicken - die Szenen mit ihm werden an "Locations" in Berlin und Brandenburg gedreht.

          Weitere Themen

          Alles nur Illusion Video-Seite öffnen

          Täuschung und Verwirrungen : Alles nur Illusion

          Die irreführenden Muster und konfusen Formen und Installationen sind eine große Herausforderung für das Gehirn. Die Aussteller spielen mit den Fiktionen und führen die Wahrnehmung der Besucher ganz schön aufs Glatteis.

          Topmeldungen

          Nach Maaßen-Beförderung : „Das ist doch irre“

          Hans-Georg Maaßens Beförderung vom Verfassungsschutzpräsidenten zum Staatssekretär empört in der SPD nicht nur Sigmar Gabriel. Unter den Genossen formiert sich immer mehr Widerstand – aber auch bei anderen Parteien.

          Rededuell vor der Landtagswahl : Der nette Herr Söder

          Die SPD steckt im Umfragetief und darf deshalb nicht zum Fernsehduell mit dem bayerischen Ministerpräsidenten. In Nürnberg trifft SPD-Spitzenkandidatin Kohnen doch noch auf Söder – und steht vor einer besonderen Herausforderung.

          Trump und Europa : Freund, Feind oder was?

          Für Nostalgie ist im transatlantischen Verhältnis kein Platz mehr. Die Amerikaner haben die Nase voll, die Lasten des Westens zu tragen. Auf uns kommt einiges zu.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.