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Filmkritik zu „Happy Burnout“ : Sind wir nicht alle ein bisschen Punk?

Wotan Wilke Möhring mit Anke Engelke in „Happy Burnout“ Bild: Georges Pauly/dpa

Eine Komödie, die gerne anarchisch wäre, aber dann fehlen halt doch die Abgründe: Wotan Wilke Möring fusselt sich als sympathischer Alt-Schnorrer in alle Herzen.

          Schade eigentlich, dass es noch nicht allgemein anerkannt ist, dass Komödien Pointen enthalten sollten. Komödien ohne Pointen sind nämlich eigentlich keine, auch wenn die Hauptfigur noch so sympathisch ist und man ihr und dem Film deshalb nur das Beste wünschen möchte. Und den Darstellern natürlich, Wotan Wilke Möhring als Altpunk Fussel von etwa Mitte Vierzig, der an den Verhältnissen gar nicht so sehr scheitert wie an sich selbst, das aber erst einmal kapieren muss, was genau 103 Minuten dauert. Und Anke Engelke als Therapeutin Alexandra, die hoheitsvoll mit ihrem Klemmbrett durch die feinen Zimmerfluchten ihres Schlösschens schreitet, um die Ausgebrannten um sich herum wieder auf Spur zu bringen, wobei man ihr grundsätzlich gerne zuschaut, weil sie dabei sehr viel Strenge und Anmut an den Tag legt.

          Es braucht natürlich ein bisschen unwichtige Vorgeschichte voller Behördenwahnsinn – angesichts dessen man mit Behördenopfer Fussel und seiner ihm völlig ausgelieferten Arbeitsamt-Sachbearbeiterin Frau Linde sympathisiert – um dort hinzukommen, wo der Film hinwill: dass einer, der in seinem Leben noch nichts gearbeitet hat, in aufgeräumtem Kliniksetting mit einem Haufen Effizienzopfer kollidiert und diese feststellen, dass sie von ihm noch was lernen können. Sinnlosen Spaß zum Beispiel, sich schmutzig machen, Bierchen trinken, Regeln brechen – was Punks halt so tun, wenn sie nicht arbeiten, also immer. Und weil das auch Klinikchefin Dr. Gunst bald feststellt, behält sie Fussel einfach da. Als Vermittler, Undercovertherapeut und Patientenkumpel. “Legal, illegal, scheißegal” lautet ihr Argument, und dagegen kann auch der Punk nicht mehr viel einwenden.

          So arbeiten alle an sich

          In diesem sonnendurchfluteten Sanatorium nebst Gartenidyll hausen nämlich ein paar schlimme Schicksale: Die perfektionistische Mutter, die an ihren Ansprüchen zugrunde geht, der Kinderclown, der nicht mehr lustig sein mag, das müde Mysterium Günther und der Wichtigkeit ventilierende Anatol, der heimlich Börsenkurse guckt, weil die Weltwirtschaft ohne ihn nicht klarkommt. Die haben alle auf einen wie Fussel gewartet, der ihnen sagt, dass sie sich mal locker machen sollen. Und der ihnen im Zweifelsfall das Handy wegnimmt.

          Aber natürlich ist diese Position auch kein ungebrochener Triumphzug für diesen Verantwortungsverweigerer vor dem Herren. Denn anscheinend ging auch bei ihm im Leben nicht alles ganz bruchlos geradeaus. Die Sache mit seiner Tochter zum Beispiel, die fuhr sogar ziemlich an die Wand. Und da muss der Punk dann doch arbeiten, nämlich an sich selbst und seinem Verantwortungsbewusstsein und an seiner Vergangenheit und am Vertrauen der Kindsmutter, das in den Jahren des ziellosen Herumschlunzens ziemlich auf den Hund gekommen ist. So arbeiten dann alle an sich und pendeln sich irgendwo in der Mitte ein, ohne sich komplett aufzugeben, und dann sind sie alle glücklich und Freunde und man geht mit Wohlgefühl aus dem Kino, weil alle ein bisschen mehr Punk geworden sind, außer Fussel, der ist jetzt ein bisschen weniger Punk, aber immer noch genug.

          Natürlich ist das jetzt kein Psychodrama mit tiefsten Seelenabgründen, die dorthin blicken lassen, wo es weh tut, nämlich in die Zumutungen der Moderne und ihre Folgen. Regisseur André Erkau zeigt hier eine harmlose Komödie, da darf es gern etwas schwarzweißer in den Konfliktkonstellationen sein und was fürs Herz. Aber wenn man beschließt, eine Komödie zu drehen, dann sollte man halt doch ein paar Pointen ins Drehbuch schreiben, gerne auch ein paar abgründige, sonst bleibt der ganze Spaß so sauber wie der Kittel von Frau Alexandra und so unbedarft wie Frau Linde von der Arbeitsagentur.

          Quelle: FAZ.NET

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