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Kinodrama „Mommy“ : Der starke Atem liebender Wut

Wir brauchen einander nicht anzuschauen, Seelen sehen alles: Diane (Anne Dorval, links) und Steve (Antoine-Olivier Pilon) an der Gefahrengrenze. Bild: Shayne Laverdière

Bilder wie Ebbe und Flut: Xavier Dolans Kinodrama „Mommy“ begleitet drei Menschen durch Leid und Glück der Unerziehbarkeit und weiß wann es besser ist, auf Worte zu verzichten.

          Die Kamera verguckt sich sofort in diese Mutter: Vom Blick gestreichelt wie vom Sonnenlicht, in enger Hose und luftig heller Jeansjacke, ist Anne Dorval als Diane „Die“ Després in Xavier Dolans „Mommy“ der herrliche Gegenstand einer audiovisuellen Schwärmerei mit langem erzählerischen Atem, die sie sich immer wieder neu verdient, indem sie etwa auf den Schock eines Autounfalls mit lebensbejahenden Schimpfworten reagiert, in sozialer Bedrängnis dreist Kaugummi knatscht oder sich über ein Kind mit schweren Verbrennungen lustig macht: „Ist das jetzt ein Heiliger? Stellt ihm doch eine Statue auf!“

          Mit Sack und Pack: Mutter und Sohn unterwegs
          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Ehrfurcht hat diese Frau vor so gut wie nichts, Respekt jedoch zumindest vor der eigenen Liebe zu Steve, ihrem Sohn, einem jähzornigen, hyperlebendigen Taumelteenager, dem sie, wenn er mal Ruhe gibt und sich an sie schmiegt, mit der Hand durchs Haar fährt, wie eine böse Märchenkönigin ihren weißen Wolf kraulen würde. Behandelt er sie so schlecht, dass ein Bewunderer der Frau dem Jungen eine langt, kriegt dieser dafür wiederum von ihr eine Ohrfeige: Niemand darf diesem Kind weh tun außer mir, sagt das, denn mir tut er ja auch mehr weh als allen anderen.

          Steve ist noch schöner als die Mutter - blass, blond, ein Traum von Warhol; Antoine-Olivier Pilon schenkt der Rolle eine elektrische Körperpräsenz, die wirkt, als ernähre er sich von Sex und Blitzen. Diese beiden unbezähmbaren Menschen, denen der Mann und Vater gestorben ist, müssen sich gegen die ganze Welt, also gegen Geldnot, die Justiz und allerlei Missbilligung, behaupten, aber auch gegeneinander, in stachlig-giftigster Zuneigung. Die Balance zwischen ihnen droht gerade irreversibel zu kippen, als sich eine Nachbarin von gegenüber dem eigensinnigen Paar zugesellt - eine Frau, die an irgendeinem schweren Trauma herumkaut, gehemmt, sprachgestört, empfindsam, stolz: Suzanne Clément als Kyla ist genau die Brandbeschleunigerin, die jener Mutter-Kind-Dyade zur komplizierten Liebesgeschichte zwischen mehreren Menschen, die sie von Anfang an werden will, gerade noch gefehlt hat.

          Die titelgebende „Mommy“: Anne Dorval als Diane Deprés

          Man erlebt hier Intimes, Direktes, Extremes - aber Xavier Dolan begrapscht niemanden, man sieht keine Nackten, „Mommy“ hält mit souveräner Stetigkeit des Erzähltons die Distanz, die nötig ist, das Schmerzliche wie das Strahlende an dieser Geschichte ohne ängstliches Blinzeln, aber auch ohne tränenfeucht verschwimmenden Blick anzuschauen. Es geht dabei mitunter derb zu: Kyla knackt den Trotzpanzer um Steve, als der sich einen aggressiv erotischen Übergriff gegen sie herausnimmt; das erste Mal reagiert jemand auf seine Aufmerksamkeitserzwingungsversuche nicht mit Belehrungen, therapeutischen Zumutungen oder Verwaltungsakten, sondern mit Konteraggression, auch aufrichtiger Selbstentblößung. Sie nimmt ihn ernst, und das weckt ihn in seinem psychischen Bett aus selbstgemachtem Lärm, in dem er wühlt, seit er denken kann. Ein junger Mann zwischen zwei Frauen, eine gefährdete Sorte Regenbogenfamilie. Der Regenbogen ist aus Metall, Glas und Säure, aber er schillert von unaussprechlicher Verheißung. Der Junge streckt sich nach ihm, schneidet sich daran, blutet.

          Die respektlose Märchenkönigin: eine liebende Mutter

          Vieles hier ist unartikuliert, zu groß für Worte, manches überhaupt nur mit Musik zu sagen: Man sieht Steve auf dem Longboard fahren, dann mit einem Einkaufswagen Unfug treiben, dazu hört man „Colorblind“ von den Counting Crows - es gelingt Dolan tatsächlich, diese unsterbliche Zuckerguss-Serenade einem anderen Film über unreife Lust und zeitlosen Schrecken wegzunehmen, Roger Kumbles „Cruel Intentions“ von 1999. Dort und damals war die Nummer reine Sahnesoße, hier ist sie ein Kontrastmittel. Steve hat Kopfhörer auf, seine Bewegungen verraten, dass er etwas anderes, Hektischeres hört als wir, die Szene teilt uns also mit: Dieser Tänzer tanzt freier, als unsere wohlerzogenen Herzen sich je trauen würden.

          Zwischen Jähzorn und gestreichelten Haaren: Sohn Steve

          So gut sind fast alle Soundtrack-Einfälle in „Mommy“; selbst der alte Mufflappen „Wonderwall“ von Oasis klingt hier plötzlich wie richtige Musik statt wie die alleroffensichtlichste Vorlage für bräsige Popliteratur, die dieses Stück eigentlich ist. Die visuelle Komposition wird beim ehrgeizigen Schwerarbeiter Dolan ohnehin von Film zu Film sicherer; der Wechsel des Bildformats in Ebbe und Flut heftiger Gefühle, der „Mommy“ großräumig rhythmisiert, tut ein Übriges, und als in Steves Blick auf alles, auch sich selbst, schließlich etwas wie eine Ahnung von Zukunft aufgerufen wird, möchte man für diesen Vorausblick, den die Kamera so diskret wie neugierig registriert, altertümelnd weihevolle Wörter wie „inskünftig“ oder „fürderhin“ gebrauchen.

          Teenage Kicks: Die Suche nach Aufmerksamkeit

          Die Vision zerschlägt sich, die ersehnte Zukunft soll nicht sein. Was kann man da sagen? Die Sprache, in der bei „Mommy“ gekeift und gegurrt wird, ist ein polyglottes Französisch, zu dem Ausdrücke wie „koscher“ oder „anyway“ gehören, vor allem aber zahllose Varianten von „fuck“ (man müsste es in frankophoner Lautgestalt „foc“ oder „foq“ oder ähnlich schreiben, um dem Klang gerecht zu werden, den es hier hat). Aber kein Fluch, kein Segen, kein Kosewort hilft. Lieber zerreißt der Film seine Figuren sprachlos, als dass er ihnen Wörter und Namen gäbe, die sie nutzen könnten, um sich selbst irgendwo einzusortieren - bei den Normalen oder Verrückten zum Beispiel, den Liebevollen oder Kratzbürsten, den Guten oder Bösen, den Menschen der Gegenwart oder der Zukunft („Mommy“ spielt sozusagen demnächst, nämlich nach einem Regierungswechsel in Kanada 2015, auf den die Verabschiedung eines besonderen Gesetzes zur Abtretung elterlichen Sorgerechts an staatliche Stellen folgt, das für die Handlung des Films nicht unerheblich ist).

          Worte? Taten? Gefühle? Ganz am Anfang sagt eine fürsorgliche Matrone im Staatsdienst einmal, Liebe sei nicht genug, um jemanden zu retten. Der Film antwortet: Na gut, mag sein - aber wenn das so ist, wer will dann überhaupt gerettet werden?

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