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Ein Western in Algerien : Karge Gegend, reiche Geschichte

Zwei Männer auf dem Weg zur Freundschaft: Mohamed (Reda Kateb, li.) und Daru (Viggo Mortensen) trotzen dem Algerienkrieg das Beste ab, das sie kriegen können. Bild: Arsenal Filmverleih

„Den Menschen so fern“ basiert auf einer Novelle des Schriftstellers Albert Camus. David Oehlhoffens Film erzählt die Geschichte einer Freundschaft im Algerienkrieg – mit der Landschaft in der Hauptrolle.

          Auf die unvermeidliche Frage, wie er denn auf die Idee zu seinem neuen Film gekommen sei, erzählt der französische Regisseur David Oehlhoffen diese Geschichte: Gleich als er das erste Mal „Der Gast“ von Albert Camus gelesen habe, habe er gewusst, dass er aus dem kurzen Text einen Western drehen werde. „Einen unkonventionellen Western, der auf der europäischen Geschichte basiert und im nordafrikanischen Gebirge spielt“ – und zwar dort, wo Camus’ Novelle angesiedelt ist und wo der Schriftsteller selbst gelebt hat, in Algerien. Ein Western in Algerien auf der Grundlage einer Geschichte von Camus? Klingt verwegen, aber nicht sehr lang.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Denn im Grunde ist es so, dass Oehlhoffens Film beginnt, wo Camus’ Text endet, oder besser, wo er einen kleinen Raum für seine eigene Geschichte eröffnet. Dieser Raum liegt in dem braunen, kargen, weiten und steinigen Atlasgebirge, über das die Kamera sehr langsam fährt, kaum dass der Film beginnt. Wer hier lebt, das suggeriert diese Sequenz sofort, darf weder die Einsamkeit noch die Stille fürchten, denn über dem endlosen, monotonen Land, das dem Auge so wenig Halt bietet und den Menschen so wenig Schutz, ist höchstens der Wind zu hören, und wenn der nicht weht, drängen sich andere Geräusche mit ungewohnter Macht ins Bewusstsein: Eine Tür, die geöffnet und Brennholz, das gespalten wird, Schritte, die jemand zurücklegt – all diese kleinen Gesten wirken in dem Gebirge, als wären sie Ereignisse von Bedeutung.

          Lehrer Daru (Viggo Mortensen) unterrichter seine kleine Klasse. Bilderstrecke
          Lehrer Daru (Viggo Mortensen) unterrichter seine kleine Klasse. :

          Und so entsteht nicht nur eine eigentümliche, weil sehr langsam sich aufbauende Spannung, die Nick Cave und Warren Ellis mit ihrer eigens komponierten Musik mehr untermalen als betonen, sondern auch eine Sinnlichkeit, die deswegen keinen Widerspruch zu der spröden Landschaft bildet, weil sie aus ihr heraus erst entsteht. Wenn man ihr die Möglichkeit dazu gibt. Und genau das tut dieser Film.

          Eine Frage des Vertrauens

          „Den Menschen so fern“ erzählt die Geschichte einer Freundschaft. Der Algerienfranzose Dabu, den Viggo Mortensen als Mann mit Prinzipien und Gewissen verkörpert, betreibt eine Schule inmitten der Ödnis, als ein Nachbar vorbeikommt und ihn auffordert, den des Mordes beschuldigten Mohamed (Reda Kateb) in das nächste Städtchen zu bringen. Daru weigert sich zunächst, dann geht er doch, teils aus Mitleid, teils aus Rechtschaffenheit, denn es dauert keine vierundzwanzig Stunden, bis erst eine Gruppe von Arabern, dann ein paar französische Siedler ihrerseits versuchen, Mohamed mitzunehmen, um an ihm Selbstjustiz zu üben. So beginnt die Reise der beiden Männer nach Tinguit. Sie nehmen den Weg über die Berge, mitten durch das Land, um das sich die Algerier mit den Franzosen im Jahr 1954 streiten. Wem gehört Algerien? Wer steht auf wessen Seite? Und hat irgendjemand die Möglichkeit, seine Position im Krieg frei zu wählen? Das sind die Fragen, um die es geht. Denn beide Männer, sowohl Mohamed als auch Daru, stehen eigentlich in innerer Opposition zu den Gruppen, zu den sie äußerlich gehören, und das verbindet sie miteinander. Mohamed will sich einem französischen Gericht stellen, um den ungeschriebenen Gesetzen seiner Leute zu entgehen, die Blutrache für den von ihm begangenen Mord vorsehen.

          Kinotrailer : „Den Menschen so fern“

          Daru, der als französischer Major im Zweiten Weltkrieg eine aus algerischen Soldaten bestehende Einheit geführt hat, will den Algeriern ihr Land nicht vorenthalten. Dass er es dennoch auch als seine Heimat betrachtet, schließt sich für ihn nicht aus – genauso wenig, wie es das für Albert Camus tat. Je größer die in guter Westernmanier am Wegesrand lauernden Gefahren werden, je brutaler die Angriffe der Feinde, desto mehr verschiebt sich also das Machtverhältnis zwischen den beiden Männern, desto enger rücken sie zusammen, desto mehr erkennen sie sich selbst in dem jeweils anderen. Und David Oehlhoffen lässt für diese Entwicklung wiederum kleine Gesten sprechen: Daru nimmt Mohamed die Fesseln ab, lässt ihn nicht mehr nur vor, sondern auch hinter sich gehen und gibt ihm schließlich sogar eine Waffe. Wem man sein Vertrauen schenkt, ist noch so eine Frage, um die es hier geht.

          Mehr noch: Sie ist im Grunde die einzige Frage, für deren Antwort von den beiden Protagonisten niemand Rechenschaft verlangen kann, das Letzte, worüber sie allein zu entscheiden beschließen. Alle anderen, und an diesem Punkt geht Oehlhoffen über den philosophischen Impetus von Camus’ Erzählung weit hinaus, sind dafür zu eng an die besonderen, orts- und zeitspezifischen Umstände geknüpft. Und das macht Oehlhoffen eben mit seinen wunderbaren Kamerafahrten deutlich, die das Land nie nur als Kulisse sehen, sondern es gleichsam einbeziehen ins Spiel. Algerien befindet sich im Krieg. Es dominieren vor allem jene Dinge, die eine freie Wahl einschränken: Befehle, Sippenhaft und Gesetze, ob selbst auferlegte oder allgemeingültige spielt keine Rolle. Freiheit ist ein gefährliches Gut geworden. Aber einen Versuch, das zeigt dieser stille, schöne Film, ist sie wert.

          Quelle: F.A.Z.

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