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Filmkritik: „Taking Woodstock“ Im Geiste des Milchbauern

02.09.2009 ·  Über das Festival in Woodstock ist eigentlich alles gesagt. Um so besser, dass Ang Lee sich in seinem Film, der erst nach dem vierzigsten Jahrestag herauskommt, die Musik spart und sich der Geldfrage widmet: Wie kam es eigentlich zu diesem Konzert?

Von Edo Reents
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Eine Notiz in den Kleinanzeigen des „Wall Street Journal“ war die Initialzündung für das größte Popkonzert aller Zeiten, das Allen Ginsberg später als „planetarisches Ereignis“ bezeichnete: „Junger Mann mit unbegrenztem Kapital sucht legitime Investitionsmöglichkeiten und Geschäftsideen.“ Das war ein Scherz der Fernsehautoren Joel Rosenman und John Roberts, zwei sprichwörtlicher Esel, denen es zu gut ging und die deswegen mit dem Schlittschuhlaufen anfingen. So wurden sie die Geldgeber von Woodstock.

Über das Festival ist eigentlich alles gesagt, Michael Wadleighs Film und die Dreier-Platte sind auch bekannt. Umso besser, dass Ang Lee sich in seinem Film, der erst nach dem vierzigsten Jahrestag in die Kinos kommt, um etwas anderes kümmert, was auch den Leuten, die den Sommer über wieder intensiver an jene „three days of peace and music“ gedacht haben, weniger geläufig sein dürfte als Joe Cockers Urschrei, die Kopulationen im Schlamm und die selbst die Ordnungskräfte noch benebelnden Haschischwolken: die Frage, wie es überhaupt dazu kam.

Dauerlizenz für Freiluftveranstaltungen

Dazu rückt Lee eine Person in den Mittelpunkt, die in der Woodstock-Rezeption bisher so gut wie keine Rolle spielte: Elliot Tiber, einen damals vierunddreißigjährigen, in Brooklyn tätigen Innenarchitekten, Sohn jüdischer Einwanderer, der seinen Eltern beim Herunterwirtschaften ihres Motels in den Catskill Mountains im Bundesstaat New York unter die Arme griff. Tiber wurde später Drehbuchautor und veröffentlichte vor zwei Jahren seine Memoiren unter dem Titel „Taking Woodstock: A True Story Of A Riot, A Concert And A Life“, auf denen Ang Lees gleichnamiger Film im Wesentlichen basiert.

Die Hauptfigur heißt im Film nur geringfügig anders (Elliot Teichberg) und wurde um etwa zehn Jahre jünger gemacht. Mit seinen Eltern, dem sympathisch-resignierten Vater und der halsstarrigen Mutter, hat er es so schwer, wie es im Buche steht. Da er aber über eine Dauerlizenz für Freiluftveranstaltungen verfügt, ist es ihm ein Leichtes, auf die Nachricht hin, dass das auf Grund der schon ziemlich festen Organisationsstrukturen „Woodstock“ genannte Festival in der Gegend verhindert werden soll, das Richtige zu tun: Er nimmt Kontakt zu den Veranstaltern auf und bietet ihnen das ausgesprochen sumpfige Grundstück seiner Eltern an, das sich natürlich als ungeeignet erweist. Man weicht schließlich auf die Weiden des liberalen Milchbauern Max Yasgur aus, der seither in der Woodstock-Mythologie fest verankert ist. Der Rest ist Geschichte.

Zusammenprall der Mentalitäten

Der Milieuspezialist Ang Lee hat keinen Film über Rockmusik gemacht, sondern ein Lehrstück kommunaler Politik. Ihn interessieren die finanziellen, logistischen und vor allem psychologischen Voraussetzungen mehr als das Ereignis selbst. Mit ruhiger Hand und sanft-kauziger Komik erzählt er vom Einfall unzähliger Hippies in das Dorf Bethel, von Drogen, Nacktheit und den unvermeidlichen, aber bald überwundenen Anwohneranimositäten, vom Verkehrschaos und dem Freiheitsbegriff, der schließlich im kollektiven Bewusstsein zu keimen beginnt.

Ang Lee hat der Versuchung widerstanden, dies alles als einen Zusammenprall der Mentalitäten mit oberflächlichen Effekten zu inszenieren, und der Geschichte statt dessen eine interessante Prägung eingeschrieben, die auf die Buchvorlage zurückzuführen ist: Elliot Tiber ist homosexuell, der Film-Elliot erlebt sein Coming-out, ohne dass daraus eine große Sache gemacht wird, der Sicherheitsmann Vilma ist Transvestit und verleiht dem Woodstock-Personal eine zusätzliche geschlechtliche Uneindeutigkeit, die von der ausgesprochen heterosexuellen Identität der klassischen Rockgeneration schillernd abweicht.

Zwei Feldherren nach geschlagener Schlacht

Dass dieser durch und durch charmante Film nicht baden geht wie die Hippie-Generation im Schlamm, ist angesichts des Drehbuchs von James Schamus, das nur von sehr fern an die lässigen Howard-Hawks-Filme aus dessen später Zeit in den Sechzigern erinnert, ein Wunder. Die wunderbaren Schauspieler tragen ihn über manche Untiefen hinweg: Demetri Martin, ein junger Stand-up-Comedian, als Elliot; Imelda Staunton und Harry Goodman als dessen Eltern; und vor allem Liev Schreiber als Vilma, ein weiblicher Mann mit Pistole unter dem Kleid, voller Härte, Zärtlichkeit und Klugheit.

Das Konzert selbst wird übersprungen, Elliot Teichberg läuft am Ende mit dem Musikmanager Michael Lang über das matschige Gelände wie zwei Feldherren nach geschlagener Schlacht, und Lang fasst schon das nächste Projekt ins Auge: ein riesiges Konzert mit den Rolling Stones als Hauptattraktion in San Francisco. Daraus wurde Altamont. Aber das ist eine andere Geschichte.

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