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Filmkritik „Schnee von gestern“ : Gespenstisches zwischen Deutschland und Israel

Yael Reuvenys (li.) auf den Spuren ihrer Familie Bild: Verleih

Familienbande der ungewöhnlichsten Art: Nach 1945 bleibt ein junger Jude in Deutschland, seine Schwester geht nach Israel. Yael Reuvenys großartiger Dokumentarfilm „Schnee von gestern“.

          Dieser Film mit dem Titel „Schnee von gestern“ wäre das ideale Kino von morgen, wenn sich denn das Dokumentarfilmgenre wieder vom Klamaukigen und Gefällig-Skurrilen à la „Mittsommernachtstango“ oder ähnlichen kulturübergreifenden Banalitäten verabschieden könnte.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Der 1980 geborenen israelischen Dokumentarfilmerin Yael Reuveny geht es ums Ganze, und sie geht aufs Ganze. Seit einigen Jahren lebt sie, die Enkelin einer Überlebenden der Schoa, in Berlin, sehr zum Unverständnis ihrer Eltern und durchaus auch zur eigenen Verwunderung: „Ich dürfte wegen der Geschichte meiner Großmutter nicht hier sein“, spricht sie als Off-Kommentar zu Aufnahmen ihrer selbst in einer Straßenbahn, die durch den deutschen Winter rollt. Alles ist fremd und befremdlich, doch Yael Reuveny hat Freunde in Berlin gefunden.

          Doppelte Spurensuche

          Und nun findet sie hier auch noch Familie. Denn als ihre Großmutter Michla Schwarz 1945 befreit wurde, hörte die, dass auch deren Bruder Feiv’ke die Lager der Nationalsozialisten überlebt haben sollte. Doch ein Treffen am Bahnhof von Lodz misslang, und deshalb wähnte die bald nach Israel ausgewanderte junge Frau den Bruder tot.

          Das war er aber nicht. Vielmehr sollte er wenig später eine deutsche Frau heiraten, mit ihr eine Familie gründen, sich fortan Peter Schwarz nennen und als HO-Direktor in einem kleinen brandenburgischen Ort niederlassen. Warum er 1945 in Lodz nicht erschienen war, wird sich nicht mehr klären lassen, denn 1987 starb er, zwei Jahre vor dem Mauerfall.

          Einige Jahre später schrieb ein Sohn von Peter Schwarz seine Tante in Israel an, doch offenbar konnte Michla dem Bruder seine Entscheidung für Deutschland nicht verzeihen. Es kam jedenfalls nie ein Kontakt mit dessen Kindern zustande. Die genauen Gründe dafür wird man nicht mehr erfahren, denn auch Michla ist seit 2011 tot. Auf der Grundlage des Briefs von Uwe Schwarz an sie machte sich dann aber die Enkelin auf die Suche nach der Familie ihres Großonkels.

          Drang zur Dramatik

          Es ist eine doppelte Suche, die „Schnee von gestern“ beschreibt: Zunächst geht es um die Rekonstruktion von Peters Leben nach 1945. „Wussten Sie, woher er kam?“, fragt Yael Reuveny im ehemaligen Wohnort ihres Onkels eine alte Frau. „Ja.“ „Können Sie uns etwas darüber erzählen?“ „Nö.“ Es war eine Peinlichkeit für die Dorfbewohner, dass Peter Schwarz in einem hier gelegenen KZ-Außenlager inhaftiert war. Doch weil er, als er nach dem Krieg da blieb, nicht darüber sprach, konnte man den neuen Nachbarn akzeptieren, ohne sich schuldig zu fühlen. Aber auch noch heute wird darüber nicht gesprochen.

          „Schnee von gestern“ ist ein höchst komplexer Film, der das, was er dokumentiert, nicht anders kommentiert als aus der subjektiven Sicht seiner Regisseurin, die ihre Verblüffung über die eigene Familiengeschichte nicht nur sicht-, sondern auch hörbar macht. Als Peters Geschichte einigermaßen geklärt ist, begibt sich Yael Reuveny auf die Suche nach dessen drei Kindern. Zwei von ihnen leben noch: die Tochter Barbara und der jüngere Sohn Uwe.

          In ihm wird Yael nicht nur die Person finden, die ihr fehlende Puzzlesteine zur Vervollständigung des Bildes von Peter verschafft, sondern auch einen neuen Verwandten, der die überraschend aufgetauchte Nichte begeistert empfängt und ihr bei der nächsten Reise nach Israel Steine vom Grab des Vaters mitgibt, die dort aufs Grab seiner Tante Michla gelegt werden sollen. Auch eine Umbettung seines Vaters auf den jüdischen Friedhof nimmt Uwe sofort in Angriff. „Er hat einen Hang zur Dramatik, unser Cousin“, spottet Yaels Mutter Esther, als sie davon hört.

          Revision der Erwartungen

          Auch das bleibt unkommentiert. Was der Film danach aber erzählt, zeigt, dass Uwes Hang zur Dramatik mehr in Bewegung gesetzt hat als die Zurückhaltung auf israelischer Seite. Der Deutsche wird für Yael nach zögerlichem Beginn tatsächlich ein Teil der Familie, und als sie schließlich auch noch Stephan kennenlernt, den Sohn von Uwes Schwester Barbara, also einen Vertreter der Generation der Regisseurin, kommt eine geradezu unglaubliche Wendung in den Film. Denn Stephan arbeitet in der Großen Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße und erarbeitet sich mehr und mehr eine israelische Identität, bis er schließlich dorthin fährt und Yaels Eltern trifft, die ihrerseits nach fünf Jahren ihre Bedenken gegen eine Reise nach Deutschland aufgeben und ihre Tochter in Berlin besuchen.

          Was im Ergebnis so harmonisch klingt, ist, wie der Film zeigt, Resultat einer ständigen Bereitschaft, die eigenen Erwartungen an andere Menschen zu revidieren. Natürlich fällt es den Deutschen viel leichter, die Israelis als neugewonnene Verwandtschaft zu akzeptieren, und diese Leichtigkeit hat, wie das Verhalten der brandenburgischen Dorfbewohner, fast etwas Gespenstisches.

          Diese Ambivalenz lässt „Schnee von gestern“ bestehen, doch wenn der Film am Schluss Bilder vom Abriss jenes Bahnhofs in Lodz zeigt, an dem Michla und Feiv’ke sich 1945 nicht getroffen haben, dann spürt man neben der unvermeidlichen Melancholie auch die Erleichterung von Yael Reuveny darüber, dass die Geister der Vergangenheit keine absolute Macht über die Gegenwart mehr haben. Ihr Film ist ein Meisterwerk.

          Quelle: F.A.Z.

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