19.07.2007 · Sandrine Bonnaire zeigt ihren ganzen Charme und Vincent Lindon einen so bedauernswert verliebten Erfolgsmenschen, dass man ihm sogar das Glück mit ihr gönnt. Die Komödie „Kann das Liebe sein?“ ist ein anderthalbstündiges Vergnügen, meint Andreas Platthaus.
Von Andreas PlatthausWas haben die Frauen nur gegen Lucas? Er sieht gut aus, ist tadellos frisiert, und das Glück ist ihm hold. Sein Unternehmen Optem ist gerade zur Nummer zwei der Branche in Europa aufgestiegen, und schon ist eine chinesische Delegation in Paris, die ein Joint Venture verabreden will. Die Verhandlungen führt Madame Larozière, die rechte Hand von Lucas, doch irgendetwas stimmt nicht mit ihr. Gut, da gab es diese gescheiterte Affäre zwischen ihnen beiden, aber das ist in den Augen von Lucas doch kein Grund, um nachtragend zu sein. Er hatte ja schon viele gescheiterte Affären. Selbst die Mutter seines Sohnes ist mit dem Jungen nach Amerika durchgebrannt, mehr als unverbindliche Telefonate kommt nicht mehr zustande. Und nun widersteht auch noch Elsa, die Keramikkünstlerin, die im Foyer des Firmensitzes ein Bodenbild gestalten soll, den amourösen Avancen ihres Auftraggebers. Wieso nur?
Die Antwort darauf sucht nicht nur Lucas, sondern auch Elsa selbst, die trotz ihrer Sprödigkeit geschmeichelt ist von den Bemühungen, die Lucas unternimmt. Ihre Cousine hat die Lösung für das Rätsel: Ein gut aussehender, reicher, alleinstehender Mann - da kann etwas nicht stimmen. Und kaum gewährt die Künstlerin dem Fabrikanten ein erstes Tête-à-tête, stimmt denn auch gar nichts mehr: Der Herr schätzt Anbandelung bei völliger Dunkelheit in der Wohnung, klettert auf den Möbeln der Angebeteten herum und ist erkennbar nicht bei der Sache. Wieso nur?
Das Glück mit der Bonnaire
Die Antwort darauf kennt wiederum außer Lucas nur Roland, der Sicherheitsberater von Optem. Als früherer Mitarbeiter von Präsident Mitterrand ist er mit allen krummen Touren und Heimlichkeiten gut vertraut und hat in der Wohnung von Elsa eine Kamera eingebaut, um das Privatleben der Dame auszuspionieren und seinem Chef gegebenenfalls eine weitere Liebesenttäuschung zu ersparen. Da Lucas das weiß, nicht jedoch, welche Plätze in der Wohnung das mechanische Auge im Blick hat, ist sein Verhalten während des Rendezvous mit Elsa alles andere als normal. Es kommt, wie es kommen muss: Die Übervorsicht des vielfach Enttäuschten lässt die neue Liebe schon im Anfangsstadium scheitern.
In Pierre Jolivets neuem Film „Kann das Liebe sein?“ kommt alles, wie es kommen muss, denn sympathische Menschen wie Elsa und Lucas können sich auf Dauer nicht verfehlen. Doch wie es dahin kommt, das ist sehenswert. Nicht nur, weil Sandrine Bonnaire endlich einmal eine komödiantische Rolle angenommen hat und die eigenwillige Keramikkünstlerin mit allem ihr zur Verfügung stehenden Charme spielt (und das ist sehr viel Charme), und nicht nur, weil Vincent Lindon einen so bedauernswert verliebten Erfolgsmenschen mimt, dass man ihm sogar das Glück mit der Bonnaire gönnt, und auch nicht nur, weil François Berléand als einer der wunderbarsten Charakterköpfe des französischen Kinos den ehrpusseligen Sicherheitsberater mit einem solchen Spaß am Chargieren gibt, dass man ihm einen noch weitaus größeren Anteil am Film gegönnt hätte. Nein, die Darsteller sind phantastisch, aber besonders bemerkenswert ist das Timing, das Jolivet in seine Komödie gebracht hat.
Faszinierende Porträt zweier Individualisten
Da stimmen alberne Szenen wie die ständige Panik der Optem-Angestellten vor sinkenden Aktienkursen durch den Liebeskummer ihres Chefs genauso wie die scharfzüngigen Dialoge des Liebespaars in spe - weil beides, Albernheit und Screwball-Elemente, genau dosiert eingesetzt wird. Und über die reine Liebesmüh' hinaus entsteht das faszinierende Porträt zweier Individualisten, die in ihrer Begeisterung für etwas alles andere zurückstellen. Lucas legt mit Beginn seines Werbens um Elsa die Geschicke der Firma in die Hände von Madame Larozière; Elsa lässt neben ihrer eigenen Vorstellung von einem Kunstwerk keine wie auch immer gearteten Einwände oder Ablenkungen gelten. Gegensätzlicher also könnten die beiden nicht sein: Der Macher lässt sich nur zu gerne bezaubern, die Künstlerin ist dafür ständig und ausschließlich bei der Sache.
Aus dieser Konfrontation schlägt Jolivet, der auch das Drehbuch schrieb, seine Funken, und ein paar kleine Details - die Katze von Lucas, die Chinesen, ein schnaufender Sumo-Ringer - sorgen dafür, dass es genug zündende Situationen gibt. „Kann das Liebe sein?“ ist ein anderthalbstündiges Vergnügen, das ganz nebenbei das Vorurteil widerlegt, französische Komödien müssten entweder Brachialhumor auffahren oder melancholisch gebrochen sein. Es gibt einige solcher Filme, aber sie kommen nie nach Deutschland. Wieso nur?
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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