15.01.2009 · Dank handlicher Digitaltechnik grassiert die Wirklichkeit im Kino. Inzwischen sieht außerhalb Hollywoods jeder zweite Film wie eine Dokumentation aus. Der Cannes-Gewinnerfilm „Die Klasse“ ist trotzdem etwas Besonderes. Fast tendenzlos wirft er einen verstörenden Blick auf die französische Schulmisere.
Von Andreas KilbDie Wirklichkeit hat in den letzten Jahren im Kino einen Sprung gemacht. Sie ist aus dem Dokumentar- in den Spielfilm gesprungen, aus den Fakten in die Fiktionen, und sie hat dabei vieles mitgebracht, was man früher nur aus Livereportagen kannte: Nähe, Plötzlichkeit, Unmittelbarkeit, verstümmelte und bruchstückhafte Bilder und Töne. Vor zehn Jahren war ein Film wie das „Blair Witch Project“ noch eine Sensation; inzwischen sieht, jedenfalls außerhalb Hollywoods, jeder zweite Film wie eine Dokumentation aus. Die technische Entwicklung, die aus den kleinen, handlichen Digitalvideokameras immer brillantere Bilder herausholt, hat das Ihre dazu getan, die Regisseure aus den Studios und Filmsets auf die Straße zu holen. Noch vor einer Generation galt das „Cinéma vérité“, das dokumentarische Autorenkino, als strenge Kunstübung für Könner. Mittlerweile halten es viele für eine Anfängerdisziplin. Das ist ein großer, für manche tragischer Irrtum.
Auch Laurent Cantets Film „Die Klasse“, der Gewinner der Goldenen Palme von Cannes im vergangenen Jahr, ist mit dokumentarischen Mitteln gedreht. Für sein Porträt einer französischen Schulklasse und ihres Lehrers hielt Cantet wöchentliche Workshops mit fünfzig Schülern aus einem Pariser Vorort ab, bei denen die Jugendlichen das Filmprojekt kennenlernten. Beinahe die Hälfte von ihnen spielt in „Die Klasse“ mit. Um sich mit ihren Filmfiguren besser identifizieren zu können, durften die Schüler eigene Dialoge in den Szenen improvisieren. Die meisten von ihnen tragen im Film ihre eigenen Namen. Auch die Filmeltern sind mit einer Ausnahme die wirklichen Eltern der Schüler. Der Film selbst wurde mit drei High-Definition-Videokameras aufgenommen, von denen eine den Lehrer, die zweite die handelnden Protagonisten und die dritte zufällige Eindrücke aus der Klasse aufnahm. So wirkt „Die Klasse“, wenn man den Film nicht als erzählerisches Ganzes, sondern Szene für Szene betrachtet, tatsächlich wie eine besonders sorgfältig geschnittene Reportage. Wie sehr man sich täuschen kann.
Kategorien für Schüler: Nett, nicht nett, überhaupt nicht nett
Denn Cantets Film ist alles andere als ein aufgeschnapptes Stück Alltag. Er ist eine hochverdichtete, haargenau strukturierte Version jener Realität, von der er erzählen will, und nur die besondere Geschicklichkeit des Regisseurs lässt uns immer wieder vergessen, dass es sich bei der „Klasse“ um einen Spielfilm handelt. Am Anfang betritt der Lehrer François das Schulgebäude, und seine Mimik verrät, dass er hier kein Neuling mehr ist. Dann versammeln sich die Lehrkräfte des Jahrgangs im Lehrerzimmer, und der Direktor erklärt den Neuzugängen, an seiner Schule gebe es neben den angenehmen auch einige „allzu vitale“ Schüler.
Schließlich gehen ein neuer Klassenlehrer und sein Vorgänger gemeinsam die Schülerliste einer siebten Klasse durch. Der Ältere unterteilt die Schüler in drei Kategorien: „nett“, „nicht nett“, „überhaupt nicht nett“. Der Jüngere nickt. Schon bevor der Film das Klassenzimmer betritt, sind wir auf die Szenen eingestimmt, die uns dort erwarten, atmosphärisch, pädagogisch und sozial.
Kein soziologisches Anschauungsmaterial
Was sieht man in „Die Klasse“? Nichts anderes als das, was wir aus den Zeitungen kennen: die tägliche Katastrophe der schulischen Erziehung. Drei Viertel der Schüler in François' Klasse sind Migrantenkinder, die Hälfte kennt nicht den Unterschied zwischen Imperfekt und Indikativ, und viele rätseln über die Bedeutung von Alltagswörtern wie „Herablassung“ oder „spirituell“. Der Unterschied zu gewöhnlichen Schulkinodramen aus Frankreich oder anderswo liegt darin, dass die Schüler bei Cantet nicht als soziologisches Anschauungsmaterial, sondern als Individuen auftreten.
Sie tragen Namen, und sie schlagen zurück: „So was sagt man nicht im Leben!“, ruft Anjelica, als der Lehrer die Feinheiten des französischen Konjunktivs erklären will. Esmeralda fragt ihn, warum er in seine grammatikalischen Beispielsätze immer nur „weiße“ Namen wie Bill einbaut statt Ahmed oder Aissata. Als François die Schüler auffordert, ein Selbstporträt zu schreiben, liefert Souleymane, dessen Eltern aus Mali stammen, nur einen Satz ab: Über ihn gebe es nichts zu erzählen. Erst am Ende des Films, nachdem Souleymane seinen Lehrer beleidigt und eine Mitschülerin verletzt und deshalb von der Schule verwiesen wird, merkt man, dass er die ganze Zeit über der heimliche Held der Geschichte war.
Der Lehrer ist leicht eingeschnappt
Eine amerikanische Kritikerin hat Cantets Filme zutreffend als „Kino der Enttäuschungen“ bezeichnet. Sein Spielfilmdebüt „Ressources humaines“ (1999) handelt vom Unglück eines Aufsteigers in einer Fabrik. In „Auszeit“ versucht ein Angestellter, seine Entlassung vor seiner Familie geheim zu halten. In „Vers le sud“ entdecken alleinreisende Französinnen hinter der Fassade ihres Luxusurlaubs auf Haiti das reale Elend. In „Die Klasse“ sind es dagegen vor allem die Erwartungen des Zuschauers, die auf gerissene Art enttäuscht werden. Ein unentbehrliches Stereotyp des Schuldramas beispielsweise, der idealistische Pauker, der im Hollywoodfilm von Robin Williams oder Michelle Pfeiffer, in Deutschland von Jürgen Vogel („Die Welle“) verkörpert wird, wandert bei Cantet in den Papierkorb. Sein Lehrer wirkt weder besonders genial noch übermäßig sympathisch, er beleidigt Schülerinnen („Schlampe“) und ist leicht eingeschnappt. Eine Überraschung des Films besteht darin, dass François Bégaudeau, der Darsteller des Lehrers, auch der Autor der Romanvorlage ist. Die Versuchung, seine Figur dramaturgisch aufzuhellen, muss groß gewesen sein. Dass Bégaudeau und Cantet ihr widerstanden haben, hebt „Die Klasse“ über alle vergleichbaren Filme zum Thema hinaus.
Das Wunder dieser Geschichte liegt darin, dass sie dokumentarischen Stil und fiktionalen Inhalt ins Gleichgewicht bringt. Ohne diese Balance wäre sie immer nur auf eine von zwei Weisen wahr. So aber verbindet sie die emotionale Kraft der Erzählung mit dem Wahrheitsgehalt des Dokuments. Es stimmt, die Wirklichkeit unserer Zeit ist in den Spielfilm eingedrungen. Aber ihre Darstellung bleibt eine Kunst. Wie weit man kommt, wenn man sie beherrscht, sieht man in „Die Klasse“.