28.09.2007 · In Jodie Fosters neuem Film verwandelt sich die zweifache Oscar-Preisträgerin von einer weichen Radiomoderatorin in einen harten Racheengel. Es ist eine Verwandlung wie die des Travis Bickle in Scorseses „Taxi Driver“. Ein Comeback für die Selbstjustiz? Von Verena Lueken.
Von Verena LuekenLängst ist New York eine der sichersten Städte der Welt. Zwischen gepflegten Grünstreifen geht man über saubere Bürgersteige zu frischgekachelten Subway-Bahnhöfen und nimmt in den Zügen auf blankgeputzten Sitzschalen Platz, um, zum Beispiel, am Central Park wieder auszusteigen und dort über so akkurat geschnittene Rasenflächen zu flanieren, wie sie kein städtischer Gärtner in Berlin mähen könnte. Wo ist das andere New York geblieben, der Dreck, die Gefahr, das Abseitige und Bedrohliche, das Arme, Unangepasste, die neuen Einwanderer?
Jodie Foster spielt in Neil Jordans neuem Film eine Radiomoderatorin, sie heißt Erica Bain, die mit Mikrofon und Aufnahmegerät hinter Geschichten aus diesem anderen New York her ist – und hinter Geräuschen, in denen es sich bemerkbar macht. Außerdem ist sie schwer verliebt und steht kurz vor der Hochzeit mit einem Arzt (Naveen Andrews).
Johlen bei Bandenvergewaltigung
Und obwohl sie es von ihren Ausflügen an die Ränder der gesäuberten New-York-Version, die sie häufig nachts aus dem Haus treiben, besser wissen müsste, führt sie ihren Hund gemeinsam mit ihrem Freund eines Nachts im Central Park spazieren, wo es gar nicht mehr so gemütlich ist, wie es tagsüber scheint. Wird nicht misstrauisch, als der Hund plötzlich verschwindet. Folgt seinem Bellen in eine Unterführung. Und wacht drei Wochen später schwer verletzt in einem Krankenhaus wieder auf.
Was folgt, ist die Geschichte einer Rache, so könnte man es sehen, und wenn man gehört hat, wie bei der Premiere auf dem Filmfestival in Toronto das Publikum applaudierte, wenn Erica sie vollzieht, wird man ein mulmiges Gefühl beim Gedanken an diesen Film nicht mehr los. Andererseits johlte das Publikum in „Angeklagt“, in dem Jodie Foster ein Vergewaltigungsopfer spielt, bei der Szene der Bandenvergewaltigung auch.
Damals, 1988, wäre allerdings niemand auf die Idee gekommen zu behaupten, dass Jonathan Kaplans Film Bandenvergewaltigung rechtfertige, nur weil ein paar Blödmänner klatschen, wenn es passiert. Neil Jordan aber wird der Vorwurf gemacht, er propagiere Selbstjustiz, auch, weil Erica auf einen Polizisten trifft (Terrence Howard), der weiß, was los ist, sie aber machen lässt.
Die Weichheit wird kantig
Dabei propagiert Neil Jordans Film eigentlich gar nichts. Er beobachtet, wie eine Persönlichkeit zerfällt, wie Ericas Wahrnehmung der Stadt wahnhafte Züge bekommt, wie sie plötzlich die Gewalt anzuziehen scheint, die in jener fatalen Nacht in ihr Leben kam.
Er beobachtet, wie sich ihr Körper verändert, alle anfängliche Weichheit kantig wird, wie ihre Bewegungen alles Sanfte verlieren, das sie vor dem Überfall noch hatten, wenn sie nachts Geräusche von gurgelnden Hydranten aufnahm, und wie sie hart, fast machistisch werden. Es ist eine Verwandlung wie die des Travis Bickle in Scorseses „Taxi Driver“ von 1976. Dieser Film und die Zeit, in der er spielt, sind der klare Referenzpunkt von „Die Fremde in Dir“.
New York jenseits der teuren Lagen
Damals spielte Jodie Foster eine jugendliche Prostituierte, die Travis retten wollte, heute rettet sie, fast ebenso blutig, selbst eine blutjunge Nutte. Und gerade so wie damals, als das Kino über Amerika verzweifelte, die Legitimität seiner Institutionen in Frage stellte und die untergründige Gewalt explodieren ließ, spüren wir heute eine unfassliche Verunsicherung, eine Heimatlosigkeit in der eigenen Stadt, eine gefährliche innere Schräglage in der Figur der Erica, auf die die Öffentlichkeit, etwa in Gestalt des Polizisten, keine Antwort hat. Kurz, wir sehen etwas Neues, nicht Affirmatives, das sich im amerikanischen Mainstreamkino Bahn bricht, Folge des Traumas vom 11. September ebenso wie der Fragwürdigkeit des Irak-Einsatzes (Siehe auch: Epochenumbruch in Hollywood).
Jodie Foster ist eine der mächtigsten Frauen in Hollywood, aber so mächtig wie der Produzent Joel Silver (der für irrsinnig erfolgreiche, oft etwas dämliche Actionfilme verantwortlich zeichnet, etwa die „Lethal Weapon“-Serie, aber auch die „Matrix“-Trilogie) ist sie nicht. Nach seinem und gegen ihren Willen heißt der Film im Original daher „The Brave One“, „Die Tapfere“. Und lockt das Publikum damit schon vor dem ersten Bild in das Missverständnis, Jodie Foster täte hier, was wir in Zukunft alle tun sollten – mit der Waffe selbst für Ordnung sorgen.
Neil Jordan seinerseits schien sich bei der Premiere mit dem Satz, dies sei eben „ein Studiofilm“, ein wenig zu distanzieren – dabei zeigt er ein New York jenseits der teuren Lagen, als könnte die Stadt, geradeso wie Erica in die dunkelsten Gewölbe ihres Wesens, von ihrem augenblicklich gesegneten Status wieder in den Zustand kippen, in dem sie war, als „Taxi Driver“ entstand. Es ist ein unbequemes Gefühl, das zu beobachten, aber es verbindet sich mit dem Eindruck einer Dringlichkeit, wie sie noch einige Filme dieses Herbstes aus Amerika transportieren werden.